Onlinedebatte um den Nachwuchs der Kirchen

Vor Kurzem erschien ein viel kommentierter Artikel von Max Melzer auf unserem Portal: „Liebe Kirche, wir brauchen euch nicht!“ Die Menge der Reaktionen zeigt eindeutig: hier wird ein heißes Thema angeschnitten, ein Thema, das uns TheologiestudentInnen bewegt! Das hat evangelisch.de aufgegriffen und Max in einem Interview dazu befragt: „Pfarrernachwuchs braucht Rückhalt von der Kirchenleitung“.

Ja, wir brauchen Rückhalt. Rückhalt nicht nur durch nette Worte oder dem Aufruf „Traut euch mehr zu!“, sondern auch praktischer Art.

Max Melzer sagt in dem Interview:

„… bei uns Studenten ist bisher nicht angekommen, dass die Kirche daran arbeitet, Zukunft zu gestalten und auf die veränderten Bedingungen einzugehen, die auf uns zukommen.“

Dass nicht nur Max das so sieht, zeigen auch die zahlreichen Kommentare auf theologiestudierende.de, z. B. schreibt Tobias Kirschstein:

„Da schlackern einem wirklich die Ohren! Danke für diesen Einblick! Ich gehöre zwar nicht zur sächsischen LK aber entsprechende Tendenzen gibt es auch bei uns. Kreative neue Ideen a la fresh expressions und ein bisschen mehr reformierender Geist sind m.E. die Zukunft.“

Die Kirchenleitungen haben durchaus erkannt, dass hier eine Krise herrscht. Es gibt sogar Arbeitsgruppen, die sich damit auseinandersetzen und auch veröffentlichen. Allerdings muss man explizit nach diesen Veröffentlichungen suchen – sie werden einem nicht auf dem Silbertablett serviert. Beispielsweise gibt es in der EKBO Konzeptideen und Analysen zu denen eine Rückmeldung dringend erbeten ist (bzw. 2013 war). Oder auch die explizit erwähnte (und kritisierte) LKS hat Gedanken zur Zukunftsplanung veröffentlicht. In der EKBO und in der EKM werden seit ein paar Jahren Religionspädagogen zum Vikariat und zur Ordination zugelassen. Das zeigt, dass in gewisser Weise bereits ein Umdenken und Neudenken stattfindet. Wenn auch nicht so schnell und radikal, wie wir StudentInnen es uns manchmal wünschten.

Wie können wir zu einem Lösungsweg gelangen? Max meint:

„Ich würde mir wünschen, dass es einen transparenten Gesprächsprozess gibt, in den die Nachwuchstheologen einbezogen werden.“

Das ist ein konstruktiver Vorschlag. So ein Gesprächsprozess könne online stattfinden,  durch Veröffentlichen und zur Diskussion stellen der Ergebnisse von Arbeitsgruppen, die sich genau damit auseinandersetzen. So könnten auch bereits existierende Ideen von neuen Kirchenmodellen endlich Gehör finden und diskutiert werden. So könnten auch wir Studierende in das „offizielle“ Gespräch mit einbezogen werden. Ein Gespräch, wie es hier im Portal von theologiestudierende.de gerade entsteht, zeigt doch deutlich, dass der Nachwuchs mitreden und mitgestalten will. Max macht in dem Interview auch klar, dass wir nicht nur „meckern“ sondern konstruktiv dabei sein wollen:

„Es ist den Studenten schon klar, dass man sich mit der Situation arrangieren muss, dass das eine Herausforderung ist, aber auch, dass man selber viel gestalten kann. Es liegt ja wirklich in der Verantwortung jedes Einzelnen, dass man sich nicht übernimmt, seine Ressourcen einplant und einteilt. Es wird ja erst problematisch, wenn das System mit Ortsgemeinden und Pfarrern, die diese Ortsgemeinden versorgen und betreuen, langfristig nicht mehr funktioniert.“

So ein Rückhalt der Kirchenleitungen könnte auch schon über das Theologiestudium (bzw. auch im Religionspädagogikstudium) vermittelt werden. Bisher gibt es große Diskrepanzen zwischen Studium und den Anforderungen im Pfarrberuf. Ein guter Ansatz ist hier m. E. die praktisch orientierten Module im Religionspädagogikstudium: von Erstellen von Gemeindeprofilen, über ressourcen- und zielgruppenorientierte Arbeit bis hin zur Entwicklung von vernetzenden Projektideen wird alles behandelt und auch geprüft. Bis auf die Lehrveranstaltungen in der Praktischen Theologie sieht Max im traditionellen Theologiestudium wenig Anknüpfungspunkte zwischen Studium und Anforderung. Er fordert auf:

„Aber Kirche und Universitäten sollten mehr über die Intention des Theologiestudiums nachdenken.“

Ich möchte ergänzen: … und die Theologie- bzw. ReligionspädagogikstudentInnen in dieses Nachdenken mit einbeziehen!

Natürlich ist jeder für das Nutzen (und Schonen!) seiner Ressourcen und Kräfte selbst verantwortlich. Natürlich braucht es Mut und den Glauben an das Wirken des Heiligen Geistes, um den Schritt ins Pfarramt zu wagen. Aber dennoch brauchen wir das Gefühl, dass es machbar und schaffbar bleibt, dass wir nicht alleine kämpfen, sondern das wir Rückhalt von der Kirchenleitung erwarten dürfen. Sowohl im Beruf, als auch jetzt mit Blick auf unser mögliches, zukünftiges Berufsfeld.

Zum Schluss möchte ich noch einmal einen Kommentator zu Wort kommen lassen: Matthias G. schreibt:

„ […] Veränderung passiert meist schon in den Kirchenkreisen/bezirken in denen zuerst in Menschen investiert wird – auch hauptamtlich. […]“

Das mag etwas simpel klingen. Ich finde den Gedanken aber gut: in Menschen investieren. In den menschlichen Nachwuchs der Kirche investieren, heißt wohl auch: Veränderung nicht nur zulassen, sondern bewusst und konstruktiv herbeiführen!

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3 Kommentare anzeigen

  1. C. Joern

    Erst einmal vielen Dank für diesen weiterführenden Artikel!

    Besonders die Thematik um das Studium und seinem Praxisbezug beschäftigt mich schon seit sehr langer Zeit. M.E. Ist der Blick des Studiums auf die Praxis viel zu kurz. Die Frage nach dem Pfarramt und seinen Anforderungen sollte im Mittelpunkt des Studiums stehen, wodurch das Studium sehr viel zielgerichteter sein würde. Bei der zum großen Teil sehr abgehobenen Theorie verlieht man als Student/in die Perspektive.
    Ich möchte hier allerdings ein deutliches Lob an die Westfälische Landeskirche in Hinsicht auf Unterstützung im Zusammenhang von Theorie und Praxis vermerken. Nur auf Grund der Hilfe und Unterstützung der Landeskirche kann ich derzeit eine einjährige Praxiszeit im Ausland wahrnehmen.

  2. Tobias Wunder

    Ich denke, dass diejenigen, die jetzt einen stärkeren Praxisbezug des Theologiestudiums einen wichtigen Fakt dieses Studiums übersehen: Er ist staatlich finanziert.
    Dies aufrecht zu erhalten wird kaum möglich sein, wenn sein einziges auch inhaltlich zu sehendes Ziel ist, später einmal Hauptamtliche MitarbeiterInnen der Kirche auszubilden.
    Hinzu kommt, dass die aktuelle allgemeine Debatte über Studienprogramme in Deutschland und all die Probleme, die der Bachelor mit sich brachte, uns eigentlich zeigen sollte, in was für einer glücklichen Position wir doch sind, wenn unser Studium nicht so verzweckt ist, wie viele andere es mittlerweile sind. Natürlich wäre es in dem einen oder anderen Seminar schon mal schön sich auch darüber zu unterhalten, was man später als PastorIn damit anfangen kann, allerdings gibt es für diesen Punkt 1. später die das Vikariat und 2. ja auch die Möglichkeit sich außerhalb des Studiums mit KommilitonInnen auszutauschen und auch, wenn man es wünscht, eine etwas andere Seminarnachbereitung zu machen.

  3. C.joern

    Ich wollte nicht damit sagen, dass ich die Theorie total unwichtig finde. Nein, ich finde sie sogar sehr wichtig und das Studium sollte auch weiterhin akademisch bleiben, insbesondere auch (da die Theorie für die Pfarrämtler AUCH wichtig ist) für diejenigen, die später einmal in die Wissenschaft oder andere Bereiche gehen wollen. Allerdings finde ich sollte das Angebot und die Möglichkeiten erweitert werden, sodass eine Verbindung zwischen Theorie und Praxis von Beginn des Studiums an möglich ist. Es sollte einfach die Möglichkeit bestehen (für diejenigen, die in den hauptamtlichen Dienst gehen wollen) sich auf das vorzubereiten, was sie später einmal machen werden – und das ist einfach die Praxis! Und es ist nun einmal Fakt, dass dieses Studium hauptsächlich genau dafür da ist: hauptamtliche Mitarbeiter für die Kirche auszubilden. Dass der Staat dieses Studium finanziert stammt wahrscheinlich noch aus der Früheren Verbindung zwischen Start und Kirche und der immer noch geldlichen Verbindung in Hinsicht der Kirchensteuer.
    Zu dem Punkt, dass das Vikariat ja dazu da sei den praktischen Aspekt einzubringen, möchte ich sagen, dass es mir für meine Ausbildung wichtig ist, die Theorie mit der Praxis zu verbinden und dass die Pfarrämtler m.E. sich schon früher, also während ihres Studiums, mit der Praxis auseinander setzten sollten. Ich habe dieses Studium begonnen um in den hauptamtlichen Dienst zu gehen, wie viele andere auch. Dieses Studium lässt einem m.E. allerdings die Perspektive darauf verlieren (ein einzelnes 4-wöchiges Praktikum und die sehr akademischen Lehrveranstaltungen in PT sind da m.E. zu wenig).
    Ich muss gestehen, dass ich einfach ein sehr praktisch bezogener Mensch bin und somit den praktischen Bezug brauche, aber ich akzeptiere vollkommen, dass andere das theoretische Lernen bevorzugen. Somit plädiere ich auch nicht für eine Umstellung des Studiums, sondern für eine Erweiterung der Möglichkeiten, sodass jeder selbst entscheiden kann, wie er/sie Theorie und Praxis zusammenbringen und gewichten möchte.

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