Die Kirche als Symbol für Gott – der Glöckner von Notre Dame
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Hallo meine lieben LeserInnen! Ich melde mich aus meiner virtuellen Abwesenheit zurück und präsentiere einen brandneuen Blogeintrag! Wie üblich werde ich während meiner Betrachtungen alles verraten, was es an Wendungen und Überraschungen gibt, falls ihr also den Film, „Der Glöckner von Notre Dame“, noch nicht gesehen habt, seid ihr hiermit gewarnt. (Geht und schaut ihn euch an! Er ist toll!)

Wer immer den Weltbestseller „Notre Dame“ von Victor Hugo gelesen hat und sich dachte: „Das wird ein richtig guter Disneyfilm!“ Muss eine merkwürdige Vorstellung von Medien haben, die für Kinder geeignet sind. Nicht nur, dass der Roman unglaublich viele Figuren hat, diese bewegen sich samt und sonders auch noch in einer moralischen Grauzone. Außerdem sterben (wie für Victor Hugo üblich) am Ende fast alle.

Dieser Eintrag wird sich allerdings nicht mit dem Roman beschäftigen, sondern mit der Disneyverfilmung dazu, die zwar sehr anders, aber trotzdem außerordentlich gut ist. Man sollte sie bloß nicht als Romanadaption sehen, sonst ärgert man sich nur. Stattdessen funktioniert sie nämlich wunderbar als eigenständiger Film. Denn um das Material kinderfreundlicher zu gestalten, mussten einige sehr einschneidende Änderungen vorgenommen werden – und das nicht nur beim Ende. Nichtsdestotrotz kann der Glöckner von Notre Dame als einer der düstersten Disneyfilme gewertet werden: bereits am Anfang stirbt jemand on screen, Babys sollen im Brunnen ertränkt und andere Menschen bei lebendigen Leib verbrannt werden, nur um einige Beispiele zu nennen. Kurz zur Erinnerung: Quasimodo ist ein verkrüppelter junger Mann, der die Glocken von Notre Dame läutet. Eines Tages verliebt er sich in die Zigeunerin Esmeralda, die sein Ziehvater Frollo als Hexe verbrennen will. In einem großen Endkampf, in dem Frollo versucht, Quasimodo und Esmeralda zu töten, stürzt Frollo von den Balustraden Notre Dames. Quasimodo kann zusammen mit Esmeralda und Phoebus (dem Geliebten von Esmeralda) die Kirche verlassen, und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende.

Der Film ist religiös stark aufgeladen. Das beginnt beim Soundtrack, der u.a. Stücke aus der Totenmesse (Dies Irae = Tag des Zorns), als auch aus der Bußliturgie (mea culpa, mea maxima culpa, kyrie eleison = Ich bin schuldig, ich bin äußerst schuldig, Herr erbarme dich) enthält. Auch Zitate aus der Bibel, Drohungen mit dem ewigen Höllenfeuer und explizite Gebete gehören zur Tagesordnung. Die religiöse Grundfrage lässt sich meiner Meinung nach am besten an der Figur der Kirche Notre Dame festmachen. Sie ist eine der „Hauptfiguren“ der Geschichte. Der Film beginnt mit ihrem Glockengeläut und einer Kamerfahrt über den Wolken, durch die nur die beiden Kirchtürme ragen. Von Anfang ist sie eine Verbindung zum Himmel, ein lebendiger Ort, in dem sich Gottes Wille manifestiert. Als Figur ist sie eine Verbildlichung für Gottes Tätigkeit im Film. Als Ort steht sie als Sinnbild für Religion.

Die Kirche als Ort

Notre Dame stellt im Film einen Ort dar, der von der Welt getrennt ist. In ihr herrschen andere Regeln: Menschen, die verfolgt werden (Esmeralda, Phoebus und in gewisser Weise auch Quasimodo) sind hier sicher. Das Asylrecht der Kirche darf niemand brechen. Selbst Frollo hat Respekt davor. Erst am Ende, als er komplett die Kontrolle über sich verloren hat, lässt er die Kirche stürmen. In der Mitte der Stadt gelegen ist die Kirche sowohl ein zu Hause für Quasimodo, als auch Möglichkeit die Welt zu beobachten und mit ihr durch sein Glockengeläut zu kommunizieren. Für andere (Esmeralda) ist sie Ort des Gebets, ein Ort, an dem man selbst dann noch Hilfe findet, wenn die Welt keine mehr Hilfe bietet.

Als Quasimodo die Kirche am Ende verlässt, um zu den Menschen zu gehen, heißt das nicht, dass er der Kirche für immer den Rücken kehrt. Ich kann mir vorstellen, dass er immer noch als ihr Glöckner fungieren wird. Er ist nur nicht mehr an Notre Dame gebunden, sondern kann in der Welt leben. Doch immer, wenn er möchte, ist es möglich, dorthin nach Hause zurückzukehren.

Die Kirche als Ort wird auch missbraucht. Ihre positive Funktion als Schutz wird von Frollo zweimal ins Gegenteil verkehrt, indem er versucht, sowohl Quasimodo als auch Esmeralda in die Kirche einzusperren. Auf einmal werden die schützenden Mauern beengend. Die Kirche wird zum Gefängnis. Dass das aber nicht im Sinne des Erfinders ist, zeigt die Tatsache, dass sich die Kirche als Figur gegen diese Behandlung wehrt.

Die Kirche als Figur

Das Notre Dame mehr als nur bloßer Ort ist, wird bereits im ersten Lied klar. Als Frollo Quasimodos Mutter auf den Stufen der Kirche tötet, schauen all ihre Figuren, von den Dämonen bis zur Maria mit dem Jesuskind mit richtenden Augen auf ihn herab. „Schau in die Augen Notre Dames“, rät der Erzbischof Frollo. In ihrem Glockengeläut stellt Notre Dame danach die Frage, was einen Menschen zum Menschen macht und ein Monster zum Monster. Es scheint als wüsste sie als einzige die Antwort von Anfang an.

Die Kirche ist für die normale Menschen aus Stein, aber für Quasimodo erwacht sie zum Leben und wird zu Familie und Spielpartner. Die Wasserspeiher, die Glocken und alle anderen Figuren leisten ihm Gesellschaft. In dieser Gestalt wird sie seine größte Unterstützerin. Die Wasserspeiher ermutigen ihn immer wieder, sich der Welt zuzuwenden und keine Angst zu haben. Sie widersprechen Frollo, der Quasimodo als Monster bezeichnet. Vielmehr noch betonen sie, dass Quasimodo ein wunderbarer Mensch ist. Sie sind eine Art Gewissen. Jedoch ist dabei nicht zu vergessen, dass sie aus Stein sind und lediglich innerhalb der Kirche existieren können. Die Kirche kann außerhalb ihres Bereichs nicht in der Welt handeln. Quasimodo muss herauskommen und Esmeralda hinter die schützenden Mauern bringen. Was die Kirche kann, ist Angreifer dieser Mauern abzuwehren. Es bleibt aber fraglich, ob sie das könnte, wenn sich nicht Quasimodo dazu entschieden hätte, die Mauern zu schützen.

Die Kirche ist auch Figur im Bezug auf Frollo, aber auf gänzlich andere Weise. Für ihn, der sich selbst für gerecht hält und alle anderen beständig verurteilt, wird die Kirche Richterin, die das verschleierte Unrecht aufdeckt. Unter ihrem anklagenden Blick erkennt selbst Frollo teilweise seine Schuld an. Sie ist aber nicht nur richtend, sondern ruft auch zur Umkehr auf: Frollos große Musiknummer beginnt damit, dass der Erzbischof und seine Altardiener einen Bußgesang anstimmen. Der Gesang zieht durch die Stadt zum Gerichtspalast, in dem Frollo am offenen Fenster steht und zur Kirche schaut. Er stimmt über den Gesang sein eigenes Lied an. Er klagt, dass er Esmeralda begehrt, was er nach seinem eigenem Moralverständnis nicht darf. Mehr und mehr wird der Gesang der Priester ein Gesprächspartner für Frollos eigenen Gesang. Dabei ist auffällig, dass der Chor von einer Anerkennung der Schuld singt (mea culpa, mea maxima culpa), während Frollo abstreitet überhaupt auf irgend eine Weise schuldig zu sein. Er beschuldigt Esmeralda, Gott den Teufel, nur nicht sich selbst. Sein eigenes Selbstbild, reiner zu sein als alle anderen, lässt sich durch Eingeständnis von Schuld nicht aufrecht erhalten. So wird der Aufruf zur Buße zu einem Gerichtsgesang. Am Ende des Liedes hat Frollo keine Probleme mehr damit, die Stadt in Brandt zu setzen, so lange er nur Esmeralda bekommt. Der Schritt, Notre Dame den Krieg zu erklären, als sie wiederum zum Schutzort für Esmeralda wird, ist nur noch ein sehr kleiner. Es ist sehr bezeichnend, dass Notre Dame, der Ort an den jeder kommen kann, am Ende Frollo den Zugang verwehrt. Als Frollo am Ende mit erhobenen Schwert über Quasimodo und Esmeralda steht und von Engeln spricht, die den Teufel in die Tiefe stürzen, bricht der Wasserspeiher auf dem er steht ab und verwandelt sich für ihn in einen Dämonen. Er stürzt in ein Flammenmeer. Notre Dame hat gerichtet und Frollo der Hölle würdig befunden.

Die Kirche als Symbol für Gott und die Konsequenzen daraus

Die Kirche ist also aktiv und passiv zugleich. Gleichzeitig zeigt sie sowohl in ihrer Funktion als Ort, als auch als Figur durchaus Gottesattribute. Gott ist der liebende Schöpfer, der sich jedem zuwendet und Kraft gibt, die eigenen Aufgaben zu bewältigen. Wie viele Psalmen sprechen doch von Gott als Beschützer und als Burg. Auch die Vorstellung von Gott als Richter, der selbst die verborgenen Sünden aufdeckt, ist eine altbekannte. Im Film wird die-Kirche-als-Gott für den zur Richterin, der andere richtet und zum Unterstützer für den, der anderen hilft. Hier ist ein Punkt erreicht, an dem es schade ist, dass Disney immer das Bedürfnis nach einer Schwarz-Weiß-Aufteilung hat. In der Logik des Films ist es ganz klar, dass Frollo das Monster ist, das in die Hölle gehört und Quasimodo der Held, der ins Licht treten darf. Die Linie zwischen Hartherzigkeit und Freundlichkeit ist im Film relativ klar, klarer als sie im gewöhnlichen Leben normalerweise ist. Gerichtsvorstellungen hinterlassen bei mir immer einen fahlen Nachgeschmack, weil sie meiner Meinung nach eine gewisse Einschränkung der Gnade inne haben. Ich finde die Vorstellung immer schwierig, dass es einen Punkt gibt, wo die Gnade Gottes nicht mehr hineinreicht. Jedoch lässt sich an dieser Stelle zumindest mitnehmen, dass es sehr gefährlich sein kann, von seiner eigenen Gerechtigkeit so überzeugt zu sein, dass man darüber hart gegen andere wird und die Liebe vergisst. Das Urteil, was man über andere fällt, kann sehr leicht auf einen selbst zurückfallen.

Es gibt allerdings einen schwierigen Aspekt wenn man Notre Dame als Personifikation/Sinnbild für Gott nimmt. Nämlich die Einschränkung der Kirche auf einen bestimmten Ort. Die Kirche im Film ist nur aus Stein. Sie kann erst Leben und Macht bekommen, wenn Menschen zu ihrer Stimme und zu ihren Handlungsträgern werden, ansonsten hat sie keinen Einfluss. Dieses Abhängigkeitsverhältnis ist natürlich für die Kirche als Kirche keine Schwierigkeit. Erst wenn sie Metapher für Gott wird, würde diese Tatsache in einer traditionellen Theologie gegen die Allmacht Gottes stehen. Vielleicht hat hier meine Theorie ihren Pferdefuß. Denn im Film lässt sich die Kirche durchaus einfach als Chiffre für Gemeinschaft und Religion sehen. Was durchaus passt: Gott wird eben vor allem innerhalb der Religion sichtbar. Glauben und die Religion hängen davon ab, dass Menschen sie miteinander teilen und in die Welt hinausbringen. Hier wäre allgemein weiter zu fragen: Was sagt es aus, dass Gott gerade in der Kirche repräsentiert wird? Ist der Anspruch, der an die Kirche hier gestellt wird, nicht ein zu großer?

Eine Frage noch in eigener Sache: Falls euch meine Kurz-Interpretation vom Höllenfeuer gefallen hat, würde ich gerne noch andere Lieder des Soundtracks interpretieren. Gibt es dafür Interesse? Wenn ja würde ich der Sache einen zweiten Blogeintrag widmen, wenn nicht mache ich beim nächsten Mal was anderes. Lasst es mich wissen!

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