Ideologie des Regenbogens? Die Debatte um den Entwurf zum Bildungsplan in Baden-Württemberg
Foto: Gemeinfrei

Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit Astrid Edel verfasst worden.

Das Land Baden-Württemberg startete mit einer fulminanten Debatte ins Jahr 2014, die enormes gesellschaftsspaltendes Potential hat. Zeit, sich ein wenig zu beruhigen und zu fragen: Worum geht es überhaupt?

Zum Entwurf zum Bildungsplan 2015 gibt es eine Petition „Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens“, die bereits ca. 192.000 Menschen online unterzeichnet haben. Es gibt auch eine Gegenpetition mit knapp 89.500 Unterstützern. Inzwischen gehen auch Menschen auf die Straße, sowohl für, als auch gegen den Bildungsplan.

Was wir erleben, ist eine unglaublich aufgeplusterte Debatte um einige wenige Abschnitte. Es geht um einen Entwurf zu einem Bildungsplan. Ein Entwurf. Die Gegner des Entwurfs artikulieren sich allerdings, als sei das alles bereits beschlossene Sache und nur durch eine Petition sei das Übel noch abzuwenden. Thema dieses Bildungsplans ist übrigens nicht die „Toleranz sexueller Vielfalt“, wie man aus der Mediendarstellung schließen könnte. Es geht um vielerlei Dinge, zum Beispiel um Stundenpläne, um neue Fächer wie Berufsorientierung und darum, wann die Kinder ihre Fremdsprachen beginnen sollen. Außerdem sollen die Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz umgesetzt werden. Solche Pläne muss ein Land von Zeit zu Zeit eben machen bzw. erneuern. Wir haben es hier also mit keinem sensationellen Fall zu tun.

Auch der Inhalt des Entwurfs ist nicht wirklich spektakulär. Einige Leitlinien sollen verankert werden, die fächerübergreifend prägend sein sollen. Übrigens ist die Toleranz sexueller Vielfalt keine dieser fünf Leitlinien, sondern sie heißen: Bildung für nachhaltige Entwicklung, Medienbildung, Verbraucherbildung, Prävention und Gesundheitsförderung und Berufliche Orientierung. Klingt wenig revolutionär und auch von einer „Ideologie des Regenbogens“ ist hier wenig zu sehen.

In einem 32seitigem Arbeitspapier wird nun aber die Umsetzung dieser Leitlinien erläutert; auch hier finden sich viele Aspekte, meist praktischer Art. Außerdem gibt es zu jeder der Leitlinien einen kleinen Abschnitt: „Zusätzlich zu berücksichtigen unter dem Gesichtspunkt der Akzeptanz sexueller Vielfalt“. In diesen Punkten heißt es nun, die Kinder sollen ihre eigene sexuelle Orientierung, die unterschiedlichen Modelle des Zusammenlebens kennen und Stereotype erkennen und hinterfragen.

Aus diesen wenigen Sätzen wird nun von den Gegnern des Entwurfs herausgelesen, das die „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ den vorher genannten Leitlinien übergeordnet sein, dass die Kinder indoktriniert oder gar umerzogen würden, eine „Überbetonung einzelner Gruppen und ihrer Interessen“ stattfände. Die Lebensmodelle würden gleichwertig nebeneinander gestellt, ohne dass die negativen Seiten des Lebens von Homo- und Transsexuellen genannt seinen. Als Beispiel für diese negativen Aspekte werden die hohe Suizidrate, Drogenkonsum und HIV erwähnt. Beim genaueren Hinsehen sprechen diese Dinge eher für eine Förderung der Akzeptanz und einen Abbau von Stereotypen durch Thematisierung, auch im Schulunterricht.

Was aus diesen Sätzen spricht, ist vor allem eins: Angst. Angst vor einer Vielfalt der modernen Gesellschaft, von der sich so mancher überfordert fühlt. Wer gibt Orientierung und wer sagt, was richtig und was falsch ist? In einem solchen Gefühl der Orientierungslosigkeit wachsen dann auch Verschwörungstheorien: Die Regenbogen-Ideologie, die Gender-Ideologie, die die Gesellschaft unterwandert und alle Menschen zu Homosexuellen machen will. Als wäre Förderung von Toleranz gleichbedeutend mit Umerziehung und Propagierung. Wer von verschiedenen Lebenskonzepten erzählt, versucht doch gerade deutlich zu machen, dass es nicht eine für alle gültige Lebensweise gibt, sondern jeder seinen eigenen Weg finden und gehen muss. Dass die Mehrheit der jungen Menschen auch dann heterosexuell ist und bleibt, wenn der Lehrer sagt, es gäbe auch homosexuelle Menschen und das sei auch in Ordnung, steht für uns außer Frage.

„Es gibt einen Mann und es gibt eine Frau. Das hat’s immer so gegeben. Und warum soll’s das jetzt plötzlich nicht mehr geben?“ sagt eine verzweifelte, demonstrierende Frau zum SWR-Fernsehen. Auch von „Frühsexualisierung“, gar von „Pornographie“ ist zum Teil die Rede. Dabei geht es überhaupt nicht um Sex(ualpraktiken).

Hier tritt eine Unsicherheit zu Tage, die auch durch die fragmentarische Berichterstattung über den Bildungsplan geschürt wird. Keinem Jugendlichen wird zukünftig in der Schule verboten sein, sich in einen Menschen des anderen Geschlechts zu verlieben. Der Bildungsplan hat nicht zum Ziel, Homosexualität als die „einzig wahre“ Lebensform zu propagieren.

Woher kommt diese Angst: Wenn andere etwas bekommen, wird mir etwas weggenommen?

Wenn Homosexuelle heiraten dürfen, verlieren Heterosexuelle doch nicht automatisch das Recht, zu heiraten. Wenn sie toleriert werden, bedeutet das nicht automatisch die Diskriminierung der 90% Heterosexuellen. Wenn Muslime eine Moschee bauen bedeutet das nicht sofort das Aus für die Kirchen usw.

Apropos Kirchen: In der Debatte über den Bildungsplan haben sich die Baden-Württembergischen Landeskirchen schwammig geäußert, aber sich dann doch deutlich gegen „Instrumentalisierung, Ideologisierung und Indoktrination“ ausgesprochen und man fragt sich, ob der Entwurf überhaupt gelesen wurde. Ehe und Familie müssten „absolute Priorität“ haben.

Irgendwie klingt das für uns auch nach Ideologie.

Nein, Schule kann nicht die Aufgabe haben, Kindern eine bestimmte sexuelle Identität als die erstrebenswerte nahezubringen – sie darf weder die eine propagieren noch die andere abwerten. Aber sie hat die Aufgabe, Kindern beizubringen, welche unterschiedlichen Lebensformen es gibt und dass die Lebensform des anderen zu tolerieren ist. Den Kindern muss Raum geboten werden zur Diskussion und Selbstfindung, gerade weil sich sexuelle Identität nicht „erlernen“ oder „anerziehen“ lässt, sondern nur gefunden werden kann. Dabei geht es gar nicht darum, einen Konsens zu erzeugen und bestimmte Meinungen zu unterdrücken, sondern einfach um Sensibilisierung. Mehr will der Bildungsplan in unseren Augen auch gar nicht erreichen.

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8 Kommentare anzeigen

  1. Kai

    Moin Thea,

    Schöner Artikel!
    Und gerade das Argument „Schutz der Familie“, den einige Kirchenvernarrte gerne anführen, erzürnt mich desöfteren. Wenn es darum gehen soll, dass eine glückliche Familie erhalten werden soll, dann MUSS Akzeptanz gegenüber gleichgeschlechtlicher Liebe erfolgen, denn wie sollen alle Familienmitglieder glücklich sein, wenn einige von ihnen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung, die nicht geduldet wird, in Unglück leben? Ich kenne einige Personen aus meinem Freundeskreis, deren Outing in der Familie zu einem anhaltenden, frostigen Verhältnis geführt hat. Ob das mit christlicher Nächstenliebe zu vereinbaren ist?

    Aber ich befürchte, dass es noch ein langer Weg zu dieser Akzeptanz ist.
    Selbst mein Atheismus oder unser uneheliches Kind wird mir noch ab und zu vorgehalten, im 21ten Jahrhundert.
    Ein Patient fragte mich sogar explizit, ob ich denn wirklich so egoistisch sei, dass ich dem Kind „das Glück einer richtigen, glücklichen Familie“ [sic!] vorenthalte!
    Dass Ehen allerdings kein Garant für eine glückliche Familie sind, sieht man doch auch heutzutage zur Genüge, zumal ich ihm bereits zuvor sagte, dass eine Ehe angestrebt sei, obwohl ich als Atheist noch nicht mal den tieferen Sinn der Ehe sehe, den Christen und die meisten anderen theistischen Religionen sehen. Ich sehe nur das Versprechen, zueinander zu halten, auch wenn die Zeiten mal schwer sein sollten.

    Auch in dieser Hinsicht, dass homosexuellen Paaren bisher nur unter erschwerten Bedingungen dieses Versprechen erlaubt wird, ist noch viel Arbeit zu erledigen, bis wir in einer aufgeklärten Gesellschaft leben.

    Und gerade Christen sollten m.E. mal besser ihre Schriften studieren, bevor sie aufgrund ihrer Neigungen (sexueller oder sonstiger Natur, Hobbys etc.) Leute verurteilen, indem sie sich auf die Bibel berufen. Denn da stehen doch so einige hübsche Sätze, die zur Toleranz aufrufen. :)

  2. Liebe Thea, liebes Team von theologiestudierende.de,

    vielen Dank für diesen Artikel. Leider hatte ich bisher keine Zeit und Gelegenheit mich mit dem Bildungsplan-Entwurf zu beschäftigen. Allerdings hatte ich schon das Gefühl, dass nicht alles so einfach ist, wie es in der Öffentlichkeit dargestellt wird.

    Es lohnt sich eben doch, immer mal etwas genauer hinzuschauen, auch wenn das mehr Mühe bedeutet. Danke, dass ihr das für mich (uns) getan habt :-).

    Ich erinnere mich daran, dass ähnliche Vereinfachungen und Oberflächlichkeiten wie in Bezug auf den Bildungsplan-Entwurf auch die Diskussion um das Familienpapier der EKD begleitet haben.

    Noch ein Wort zu dieser Website im Allgemeinen: Ich folge euch schon eine Weile mit viel Freude. Herzlichen Dank für die Arbeit, die ihr euch mit theologiestudierende.de macht! Ich freue mich darauf, noch viel Nachdenkenswertes von euch zu lesen!

    Gott segne euch!
    Liebe Grüße
    Uwe

  3. Interessanter Artikel. Ich finde den Mittelteil mit der Auseinandersetzung mit Gegenargumenten Zum Bildungsplan allerdings etwas schwach. Die „Argumente“, die da genannt werden sind äußerst mickrige Pappkameraden, die in meinen Augen die Debatte nicht adäquat widerspiegeln (Dass Homesexuelle Drogenabhängig werden? Das ist ja wohl kaum ein Konsens unter den kritischen Stimmen …). Hier werden schnell pauschal Dinge unterstellt („Was aus diesen Sätzen spricht, ist vor allem eins: Angst“), die auf sehr wackeligen Füßen stehen. Hier hätte ich mir eine gründlichere Auseinandersetzung mit ernsten Argumenten gewünscht …

    • Astrid Edel

      Lieber Max,
      Es gibt meiner Meinung nach bei den Gegnern doch einen Konsens, der sich in den vielen Unterschriften der Petition widerspiegelt. In der Petition werden eben solche Argumente wie die Verbindung von Homosexualität und Drogen bzw. Suizid genannt. „In „Verankerung der Leitprinzipien“ fehlt komplett die ethische Reflexion der negativen Begleiterscheinungen eines LSBTTIQ-Lebensstils, wie die höhere Suizidgefährdung unter homosexuellen Jugendlichen, die erhöhte Anfälligkeit für Alkohol und Drogen […]“
      LG Astrid

      • Ich nehme nicht die Petition in Schutz – die ist natürlich in einigen Punkten fehlgeleitet. Aber das entschuldigt nicht dafür, sich nicht gegenseitig mit den tatsächlichen Argumenten der Anderen auseinanderzusetzen.

  4. Tobias Menges

    Ihrem Beitrag zur Debatte möchte ich durch eine Gegendarstellung ergänzen:
    1. Es ist nur logisch gegen einen ENTWURF zu protestieren und nicht erst zu warten, bis etwas in die Praxis umgesetzt wird. Stuttgart 21 hat gezeigt, dass man rechtzeitig protestieren muss, wenn man etwas unerwünschtes verhindern möchte. Darüber hinaus haben die Debatte im Landtag und die ersten Reaktionen von Grün-Rot gezeigt, dass Grün-Rot sehr wohl entschlossen ist, genau das umzusetzen was von den Gegnern abgelehnt wird. Inzwischen ist ein leichtes Zurückrudern zu bemerken, was Hoffnung weckt.
    2. Nicht Angst ist die Grundmotivation der Gegner. Vielmehr steht das elementare Verantwortungsbewusstsein von Eltern für die Erziehung ihrer Kinder hinter dem Protest. Hier steht das linke Staatsverständnis mit dem Staatsverständnis der Mitte im Konflikt: Während Links davon ausgeht, dass der Staat für die Erziehung der Kinder verantwortlich ist und Eltern die Kinder im Auftrag und unter der Aufsicht des Staates gebären und versorgen, geht die gesellschaftliche Mitte davon aus, dass die Eltern demokratisch legitimierte Einrichtungen mit der Bildung ihrer Kinder beauftragen, aber selbst das primäre Erziehungsrecht und -pflicht ausüben. Am Anfang der Gesellschaft war nicht der Staat, sondern die Familie.
    3. Die Gegner befürchten keine Erziehung zu einer anderen sexuellen Orientierung. Der Protest wendet sich vielmehr gegen eine Umerziehung im Bezug auf die ethischen Bewertung von sexueller Lebensformen. Das explizite Ziel des Bildungsplans ist eine fächerübergreifende und sämtliche Klassenstufen umfassende Erziehung zur Akzeptanz aller möglichen Formen von Sexualität (Sexuelle Vielfalt). Kinder sollen im Bereich der Sexualethik also anders erzogen werden als bisher. Es soll eine Haltungs- & Gesinnungsveränderung erreicht werden. (Wozu sonst dieser Schwerpunkt in den Leitlinien des Bildungsplans?). Der BP hat zum Ziel, über die informative Sexualaufklärung hinaus nun fächerübergreifend Kinder zur ethischen Gleichbeurteilung verschiedenster Formen des Zusammenlebens zu erziehen. Darauf bezieht sich der Begriff der Umerziehung und dagegen wendet sich der Protest.
    4. Laut Bildungsplan (S26&27) soll den Kindern explizit die Unterscheidung zwischen erlebtem Geschlecht, biologischem Geschlecht, sozialem Geschlecht, juristisch zugeschriebenem Geschlecht beigebracht werden – eben die Gendertheorie nach Judith Butler.
    5. Offensichtliche Quelle der Leitlinien zur Sexuellen Vielfalt ist der Aktionsplan des LSBTTIQ Netzwerks. http://netzwerk-lsbttiq.net/ Der Einfluss dieses Netzwerks auf die Bildungsplan Gestaltung wird vom Netzwerk selbst dokumentiert.
    6. Die Forderung der Kirchen nach dem Primat von Ehe und Familie hat seine Grundlage in der BW Landesverfassung. Ist die ideologisch gefärbt?

    Sie haben recht: Hier stehen zwei logisch zu unterscheidente Ideen über den Menschen, seine Geschlechtlichkeit, Formen des Zusammenlebens, der Rolle von Eltern und Staat gegenüber. Insofern handelt es sich um einen ideologischen Konflikt. Beide Seiten sind überzeugt , das ihre Sichtweise die richtige ist. Ich hoffe, eine pluralistische Gesellschaft kann das aushalten. Ich habe keine Absicht, andern meine Haltung in diesen Fragen überzustülpen, Menschen dürfen gerne anders sein. Sie sind deshalb nicht weniger wert. Ich erwarte aber, dass mir und meinen Kinder im Gegenzug die Freiheit bleibt, anders zu denken, und nicht darauf verpflichtet zu werden, alles gut zu heißen was andere Menschen tun und lassen. Für diese Freiheit setzen sich die Protestierenden ein.

    Der Unterschied zwischen den beiden Seiten ist nun, dass die Regierungsseite mit ihren Ideen am längeren Hebel sitzt. Was bleibt dem Bürger nun sonst, als zu protestieren?

  5. Domi

    Ich danke vielmals für diesen Kommentar und, was ich besinders wichtig finde, den Download des Arbeitspapiers.

    Ich drnke ebenfalls, dass sich noch niemand tatsächlich komplett damit befasst hat (ich werde dies jetzt tun).

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