Moment mal:

Heute ist der 27. Januar. Ein Datum, das sich in unsere Köpfe eingebrannt hat. Am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz befreit. An dieser Stelle könnte ich aufhören zu schreiben. Jedem von uns gehen bei dem Gedanken an die Konzentrationslager genug Gedanken und Bilder durch den Kopf. Aber gerade wenn wir uns nur Gedanken dazu machen, die Bilder vor unserem inneren Auge sehen, die Musik, die wir aus Filmen kennen, hören, gerade dann schweigen wir und gerade das dürfen wir nicht.

In meinem Heimatort gibt es einen Arbeitskreis, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, nicht zu schweigen. Dafür haben sie das große Glück, dass am 9. November 1938 sich ein Wirt getraut hat den Nazis entgegen zu treten und sie erfolgreich daran hinderte, die Synagoge zu zerstören. Ich kann nicht leugnen, dass die Synagoge in den Jahren nach dem Krieg andere Zwecke erfüllen musste. Doch auf Initiative des Arbeitskreises wurde sie vor einigen Jahren wieder renoviert und steht heute als Wahrzeichen und Mahnmal in meinem Heimatort. Der Arbeitskreis füllt die ehemalige Synagoge mit Leben. Dazu werden regelmäßig Konzerte gegeben, sowie Gesprächs- und Themenabende und Vorträge. Zweimal im Jahr gibt es explizite Gedenkveranstaltungen, um den 9. November und um den 27. Januar herum. Gestern gab es eine Gedenkveranstaltung zu einer Frau, die in Auschwitz ums Leben kam. Von dieser Frau möchte ich euch heute erzählen.

Die Frau heißt Ilse Weber. Ilse Weber kam 1903 in Mähren auf die Welt. Sie schrieb Gedichte und Theaterstücke, sowie Lieder. Als junge Frau lebte sie in Prag, zusammen mit ihrem Mann und zwei Söhnen. Als im März 1939 Prag und die gesamte Tschecho-Slowakische Republik zum Protektorat proklamiert wurde, entschieden sich Ilse Weber und ihr Mann dazu den älteren Sohn Hanuš mit dem Kindertransport nach England zu schicken, von wo aus er weiter nach Schweden reiste. In Schweden kam er bei Bekannten, einer Brieffreundin von Ilse, unter und lebte, ja überlebte dort.

Anhand der Briefe, die Ilse auch weiterhin nach Schweden schickte, lässt sich dann aber auch nachvollziehen, wie sie im Februar 1942 nach Theresienstadt deportiert wurde. Theresienstadt, das Konzentrationslager für die Künstler, das auch als Vorzeigelager genutzt wurde. Hier betreute Ilse Weber Kinder in den Kinderheimen, unterrichtete sie, schrieb für sie Lieder und Märchen. Ihren jüngeren Sohn hatte sie mit dabei, war aber auch weiterhin mit ihren Gedanken bei ihrem älteren Sohn. Stets mit der Hoffnung, dass sie ihn wieder sehen werde, was ihre Gedichte und Lieder aus der Zeit immer wieder vor Augen und Ohren führen.

Im Jahr 1944 werden die Kinder, die sie betreut, nach Auschwitz deportiert. Darunter ist auch ihr jüngerer Sohn Tomáš. Ilse Weber will die Kinder nicht allein lassen und geht mit ihnen nach Auschwitz. Am 6. Oktober 1944 werden die Kinder in die Gaskammer gebracht. Ilse Weber begleitet sie, geht mit ihnen, freiwillig und singt ihnen eines ihrer Wiegenlieder.

Ich habe gestern auf der Veranstaltung einzelne ihrer Lieder vorgetragen. In der Vorbereitung bin ich teilweise emotional an meine Grenzen gestoßen. Ihre Geschichte, ihr Leben, ihr Tod ist bewegend, bedrückend. Die Lieder haben so viel Hoffnung! Als Beispiel sei an dieser Stelle der Kehrvers eines dieser Lieder zitiert:

denn alles wird gut
denn alles wird gut
ertrag geduldig das Warten
vertraue der Zukunft
verlier‘ nicht den Mut
die Welt wird wieder zum Garten

und das ist nur der Text. Die Musik ist selbst auch so hoffnungsvoll. Wie singt man etwas, das so viel Hoffnung hat, mit dem Wissen, dass die Hoffnung für die Dichterin und Komponistin nicht erfüllt wurde? Wie singt man ein Schlaflied an den eigenen älteren Sohn, das mit der Hoffnung endet, dass Hanuš aufwachen wird, der Krieg vorbei sein wird und sie sich wiedersehen können? Wie singt man ein Wiegenlied, ein einfaches Wiegenlied, das vom Wind und vom Mond erzählt, mit dem Wissen, dass die Dichterin und Komponistin es auf ihrem Weg in den Tod gesungen hat?

Ich habe in der Vorbereitung auf die Gedenkveranstaltung meinen eigenen Weg gefunden, nicht zu schweigen: Die Lieder mit Hoffnung zu singen, mit der Hoffnung, dass kein Mensch mehr ein solches Schicksal erleiden muss.

Moment mal: Hoffnung.

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