Gott und die Fremden
Jean II Restout - Pfingsten (gemeinfrei)

Beim internationalen Frauenfrühstück sitze ich zwischen zwei Frauen mit Kopftuch. Sie sprechen miteinander. Arabisch? Jedenfalls kann ich sie nicht verstehen. Ich fühle mich fehl am Platz. Vermutlich fühlen sich viele Menschen in Deutschland genauso wie ich jetzt: Fremd.

Sie verstehen die Sprache nicht und man spricht über ihren Kopf hinweg. Viele Menschen, nicht diejenigen, die schon ewig hier leben und uns mit ihren kulturellen Eigenheiten bereichern. Sondern diejenigen, die als Flüchtlinge durch Europa ziehen und die die Umstände in Deutschland stranden lassen. Genau wie in der biblischen Geschichte über Ruth, die als Moabiterin nach Israel kommt und sich dort ein Leben aufbauen will. Dort liest sie Ähren auf dem Feld des Boas auf, der sie unbedingt dort behalten will, weil er von ihrer Vergangenheit wusste und dass sie ihr Vaterland verlassen hatte um in die Fremde zu ziehen. Später heiratet Boas sie sogar.

Unterschiede von Anfang an

Fremdheitserfahrungen müssen auch die Menschen in Babel gemacht haben, als ihr mühselig erbauter Turm von Gott zerstört und sie in alle Herren Länder zerstreut wurden, weil sie sich „einen Namen machen wollten.“ Dazu gab er ihnen unterschiedliche Sprachen, damit sie sich gegenseitig nicht mehr verstehen konnten und nie wieder über ihre menschlichen Grenzen hinaus handeln könnten. Vielleicht tat Gott das aus Sorge um die Menschen, dass er uns vor unserem Größenwahn schützen musste, so wie ein Vater seine Kinder schützt.

Die Menschen konnten sich nicht mehr verständigen, aber wir bekamen auch unsere unverwechselbaren Kennzeichen. Diese Geschichte erklärt, warum es verschiedene Länder und Sprachen gibt, Kulturen und Eigenschaften, die unsere Identität ausmachen. Gott wollte keine Gleichheit unter den Menschen mehr, sondern eine Verschiedenheit, die zu gegenseitigem Respekt aufruft, auch wenn man mal nicht miteinander klarkommt.

Europa und der Heilige Geist

Vielleicht kann die europäische Diskussion über Flüchtlingsaufnahme insofern bereichern, als dass sie uns an unsere eigenen Fremdheitserfahrungen erinnert: In einer neuen Schulklasse, an einem anderen Arbeitsplatz, im Altenheim, oder zwischen zwei arabisch sprechenden Frauen. Mit „denn auch ihr seid Fremdlinge in Ägyptenland gewesen“ werden die mosaischen Gebote zugunsten von Ausländern begründet. Mit dieser Perspektive rücken die Menschen, die nach Deutschland kommen, näher an uns heran. Die Tatsache, dass sie in Not sind und unsere Hilfe bitter nötig haben, ist hier noch nicht einmal vorrangig.

Zu guter letzt ist es das Pfingstwunder in der Apostelgeschichte, bei dem nach der Ausschüttung des Heiligen Geistes jeder die Jünger in seiner eigenen Sprache predigen hört. Trotz der Verschiedenheit, die bestehen bleibt, kommt Einheit zustande. Wie beim Turmbau zu Babel wird die Zerstreutheit geschätzt und doch überwunden, in der Ebenbildlichkeit Gottes in jedem Menschen.

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