Moment mal: War das jetzt Weihnachten?

Es ist noch nicht ganz zwei Wochen her und doch ist die Welt wieder verändert. Ich will fast sagen, es ist wieder Ruhe eingekehrt, aber das fühlt sich nicht ganz richtig an. Dennoch: Im Haus ist es ganz still geworden, aus der Küche dringen keine Geräusche von klapperndem Geschirr mehr hoch, es duftet nicht mehr nach Festtags-Köstlichkeiten, es sind keine Gäste mehr da, die sich munter und durcheinander unterhalten, die Geschwister sind auch nicht mehr da, mit denen man gescherzt und gelacht hat. Stattdessen sitze ich jetzt wieder am Schreibtisch, schaue in die trübe graue Welt hinaus und frage mich, wo Weihnachten geblieben ist.

Weihnachten ist also doch ein Familienfest. Wenn diese nicht mehr vollständig ist, ist Weihnachten irgendwie vorbei. Aber nicht nur in der Familie, sondern auch in der Umwelt spiegelt sich das: Im Radio höre ich keine Weihnachtshits mehr, geschweige denn in den Supermärkten, in denen es auch schon keine Weihnachtsartikel mehr gibt. Die Weihnachtsmärkte sind abgebaut, die Straßenkünstler spielen ihre übliche Musik oder zaubern wieder, in den Dekorationsgeschäften ist der ganze Weihnachtsschmuck verschwunden. Ist Weihnachten so schnell vorbei? Wir freuen uns so lange darauf, bereiten uns so lange darauf vor und dann ist es innerhalb von ein paar Tagen vorbei.

Zum einen ist es an sich nicht schlecht, dass die Feiertage vorbei sind. Die plötzlich wieder eingekehrte Ruhe kann ich auch genießen: mich endlich mal in mein neues Buch vertiefen können, sich darüber freuen, wenn andere Freude daran haben, endlich mit der Eisenbahn spielen zu können, an der man den ganzen Advent über gearbeitet und diese erweitert hat. Aber sonst? Der Alltag ist viel zu schnell wieder da. Ist es also doch nur eine Nebensächlichkeit, dass Christus Mensch geworden und auf die Erde gekommen ist?

Gerade dann freue ich mich immer darauf, am Sonntag nach Weihnachten in den Gottesdienst zu gehen. In meiner Heimatgemeinde gibt es dann Wunsch-Weihnachtslieder-Singen. Die Gemeindemitglieder dürfen sich wünschen, welches Weihnachtslied gesungen wird, da man sich einig ist, dass es so viele schöne Weihnachtslieder gibt und man sie immer wieder gerne singt. Die Lieder kommen aber, wenn man sie nicht auch noch zu Hause singt, viel zu kurz, weil die Zeit, in der sie gesungen werden, viel zu kurz ist. Heute abend war ich noch in einem Konzert, bei dem die Konzertierenden auch daran dachten, dass trotz der Vergangenheit der Weihnachtsfeiertage, doch immer noch Weihnachten ist. Fakt ist, Weihnachten geht im Kirchenjahr bis zum 2. Februar. Warum feiern wir nicht so lange Weihnachten? Warum verschwinden die Weihnachtsbäume und der Weihnachtsschmuck und somit auch die Krippe am 6. Januar schon wieder? Ist es so nebensächlich, dass Christus auf die Welt gekommen und Mensch geworden ist?

Im vergangenen Jahr habe ich einen Ort kennen gelernt, wo weiter Weihnachten ist: in der Vesperkirche. Seit 1998 öffnet vom 6. Januar bis zum 2. Februar die Konkordienkirche in Mannheim täglich von 11 Uhr bis 15 Uhr ihre Pforten für Obdachlose, für Hungernde, für Bedürftige. Sie haben dort einen Treffpunkt. Sie bekommen dort eine warme Mahlzeit, bekommen etwas zu trinken und können den Ort der Kirche nutzen für Gespräche, um sich zu treffen oder zum Aufwärmen. Hier wird Weihnachten weitergeführt, in die Welt hinausgetragen. Hier ist Weihnachten noch einen Monat länger.

Es ist nicht nur darin zu finden, dass die Kirche den Gästen der Vesperkirche zeigt, dass Christus für alle auf die Welt gekommen ist und dass die Hirten auf dem Felde diejenigen waren, die die Frohe Botschaft verkündigt bekommen haben. Weihnachten ist auch im Miteinander zu finden, im Miteinander zwischen Gästen und Gastgebern. Letztere sind ehrenamtliche Mitarbeiter aus der Gemeinde und aus der Umgebung. Die Vesperkirche ist also nicht nur ein Treffpunkt für die Gäste, sondern auch ein Ort des Treffens von Gästen und Gastgebern – ein Treffen, das im Alltag nicht allzu oft vorkommt. Oder setzt du dich mal mit dem Obdachlosen von um die Ecke zusammen an den Tisch, trinkst einen warmen Tee und unterhältst dich ganz ungezwungen mit ihm? Hier ist der Ort. Hier trifft man einander. Hier kann man einander kennen lernen. Hier bekommt man einen Einblick in das Leben des Anderen. Hier erkenne ich, dass ich den Menschen Unrecht tue, wenn ich denke, dass ich etwas besseres sei als sie. Hier erkenne ich, dass ich, auch wenn ich es nicht zugeben will und wahrhaben will, durch Vorurteile, die ich habe, wirklich denke, dass ich besser sei. Hier erkenne ich, dass wir alle Menschen sind. Hier ist Weihnachten.

Ich freue mich darauf, auch dieses Jahr wieder neue Bekanntschaften machen zu können und empfehle euch von Herzen: Wenn ihr irgendwo in der Nähe eine Vesperkirche oder ein ähnliches Angebot habt, nehmt es wahr.

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