Unter Geschwistern – Palästinensische und deutsche christliche Theologien im Dialog
Foto: Lena Vösgen

Bericht über den Studientag in Heidelberg

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Palästina – an was denkt man, wenn man dieses Wort hört? Israel, Nah-Ost Konflikt, Hamas, Selbstmordattentäter, kein richtiger Staat? Sicher denken nicht viele als erstes an Christen, wenn sie den Namen dieses Landes hören. Am Buß- und Bettag machten sich Heidelberger Theologiestudierende am Dies Academicus Gedanken über palästinensische kontextuelle christliche Theologie. Was ist das überhaupt? Was verstehen wir unter Kontext? Muss es dabei immer gleich auch um Israel gehen? Und was sagt eine palästinensische Christin selbst dazu?

Der Studientag begann mit einer Bibelauslegung von Josua 2,1–15 in Kleingruppen mit der Methode des in Südafrika entwickelten „Bibelteilens“.  In meiner Gruppe wurde vor allem über die Hure Rahab und ihre Motivation geredet, warum sie die Israeliten nicht verraten wollte. Sie geht damit ein Risiko ein. Werden die Männer sie wirklich am Leben lassen? Die Hure lebt am Rande der Gesellschaft und ist einer bedrohlichen Situation ausgesetzt. In dieser Situation setzt sie ihr Vertrauen auf Gott. Aber was hat sie für ein Gottesbild? Sie muss etwas für seine Diener tun, damit er sie rettet. Sie sucht Schutz und Vertrauen, aber was leistet sie? Belügt sie nicht ihr Volk und lässt Mörder in die Stadt?

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Viola Raheb, eine palästinensische Theologin legte Josua 2,1–5 bewusst kontextuell palästinensisch aus. Sie erklärte, dass dieser Zugang für sie Herausforderungen birgt: Die Geschichte dreht sich um die Eroberung der Stadt Jericho, daher fehlt ihr die Distanz zum Text. Als Palästinenserin fühlt sie sich mit ihrer persönlichen Geschichte konfrontiert, politische und ideologische Gedanken lassen sich deshalb kaum zurückhalten. Ein Volk soll verraten werden, damit die Israeliten es erobern können. Allein daher kann sich Viola Raheb eher mit den Menschen innerhalb der Mauer als außerhalb identifizieren. Für sie präsentiert die Hure Rahab eine Frau, die herausfordert sowohl durch ihren Beruf, ihren sozialen Status als auch durch ihr Handeln. Aus der Perspektive der Israeliten ist Rahab eine Heldin. Dadurch spielt die Tatsache, dass sie Hure und Außenseiterin war, keine Rolle mehr (und wird vielleicht auch deswegen im Matthäusevangelium im Stammbaum Jesu genannt). Aber wieso wurde überhaupt eine Frau benötigt? Als Leser ist durch die Berichterstattung über Beruf, Wohnort und ethische Zugehörigkeit die Sichtweise über die Frau schon festgelegt. Aber Rahab ist mehr als eine Hure: Sie hat

  1. Einen Ruf, da die Spione direkt zu ihr kommen.
  2. Diplomatisches Geschick, da sie durch Täuschung mit Gesandten des Königs und den Männern aus Israel klarkommt.
  3. Weisheit, da sie Jahwe als Gott im Himmel und auf Erden erkennt und überzeugt ist, dass Jahwe ihr Land an Israel verheißen hat.
  4. Verhandlungsgeschick, da sie von den Israeliten einen Schwur abverlangt.

Bei der Betrachtung Rahabs kommen Viola Raheb ambivalente Gefühle. Losgelöst vom Kontext ist sie sowohl Heldin als auch Antiheldin. Ihre Lüge ist positiv bewertet, denn allein der Glaube an Gott ist wichtig. Außerdem bietet die Geschichte keine Alternative zur Gewalt. Der Text stellt sich immer auf die Seite Israels. Warum sollte eine Palästinenserin diesen Text also lesen? Die Figur von Rahab und ihre Entwicklung von einer Antiheldin zur Heldin sind wichtig im Hinblick auf die Frauenrolle im arabischen Raum, denn sie zeigt, was Frauen leisten können.  Und den Text eben nicht nur in Bezug auf Israel zu lesen, könne eine Alternative darstellen: Frauen, die zu Heldinnen werden, können zur gewaltlosen Gegenwart Palästinas in Frieden mit Israel beitragen.

Worum geht es bei kontextueller palästinensischer Theologie?

Laut Viola Raheb ist sie eine Theologie am Rande, die sich jedoch im Gegensatz zur westlichen Universitätstheologie der Kontextualität bewusst ist. Sie ist im Sechs-Tage-Krieg entstanden, und fragt nach den größten Herausforderungen für palästinensische Christen, nämlich danach, wer sie sind, wie ihre Präsenz im Heiligen Land aussehen soll, wie ihre Identität als Christen, aber auch als Araber aussieht und wie sie zur Problematik Palästinas stehen. In den 80er Jahren entstanden die wichtigsten schriftlichen Zeugnisse der palästinensischen Theologie, in denen es vor allem um Gerechtigkeit, Landverheißung, Erwählung, Unterdrückung und Feindesliebe geht. Heute ist für die kontextuelle palästinensische Theologie wichtiges Anliegen, dass die Bibel nicht als Grundbuch genommen wird, um in Israel Landnahme und Siedlungsbau zu legitimieren. 2009 wurde das Dokument „Stunde der Wahrheit“ verfasst, in dem versucht wird, die Situation des Landes politisch zu analysieren und mit den Maximen Glaube, Hoffnung und Liebe zu interpretieren. Das Problem liegt laut dem Dokument nicht am Alten Testament, sondern an der heutigen Interpretation desselben.

Außerdem wurde die Frage aufgeworfen, warum Befreiungstheologie in Südafrika in Ordnung ist, in Palästina jedoch nicht. Stellt sie die eigene Exegese in Frage? Für Viola Raheb ist heute vor allem wichtig herauszufinden, welche gesellschaftliche Ordnung nötig ist, damit Israel und Palästina zusammenleben können, friedlich nach innen und nach außen. Dafür müssten wir die kontextuelle palästinensische Theologie aus den Theologien der 3. Welt herausnehmen und sie mit dem christlich-jüdischen Dialog zusammenführen und uns daran erinnern, warum wir uns mit diesen zentralen Fragen heute immer noch auseinandersetzen (müssen).

Nicht aufhören zu fragen

Im zweiten Teil des Tages ging es in Kleingruppen mit verschiedenen Referenten um unsere eigene Meinung in dieser Problematik. In meiner Gruppe wurde mit Sam Lee, EAPPI-Freiwilliger, diskutiert. Viele Fragen kamen auf: Was ist Israel für uns? Sollten wir nicht politischen Staat, verheißenes Land und religiöse Gruppe der Juden trennen? Ist jede Kritik an Israel schon Antisemitismus? Inwieweit lassen wir uns von unserer Vergangenheit leiten und inwiefern ist das auch angebracht und berechtigt? Der Vergleich mit Apartheids-Südafrika brachte uns dazu, uns zu fragen, ob es wichtig ist, ob ein Konflikt politisch oder religiös motiviert ist. Sind nicht Menschenrechtsverletzungen immer schrecklich? Wie gehen wir damit als Theologen um, denn wenn kontextuelle Theologien legitim sind, welche hat dann Recht? Sam Lee erklärte, dass es für ihn in dieser Frage übergeordnete Kriterien gibt. Die UN-Menschenrechtskonvention haben fast alle Länder unterschrieben und jeder Mensch könne deswegen darauf pochen, dass sie eingehalten wird. Überall, wo eine Menschenrechtsverletzung geschieht – egal ob religiös, politisch oder persönlich motiviert, sollte eingegriffen werden. Und wenn eine kontextuelle Theologie dagegen verstößt, kann sie nicht zu einer übergeordneten Theologie werden. Ansonsten könne man die Theologien nebeneinander stehen lassen.

Als der Studientag endet, blicke ich in fragende Gesichter. Es wurden mehr Fragen gestellt, als beantwortet. Aber vielleicht ist das gerade wichtig: Als Theologe, als politisch interessierter Mensch, als Deutscher in diesem Konflikt nicht aufhören zu fragen und sich darauf einzulassen, seine Meinung immer wieder revidieren zu dürfen. Denn, wenn ich eins an diesem Tag gelernt habe, dann dies: Objektivität ist weder in der Theologie noch in der Politik möglich.

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3 Kommentare anzeigen

  1. Tobias

    „Sind nicht Menschenrechtsverletzungen immer schrecklich?“

    Eine Frage: Die Menschenrechte von Christen und anderen im Heiligen Land werden ja von vielen Seiten bedroht, beispielsweise die Rechte von arabischen Christen im Gaza-Streifen durch eine immer militanter werdenden Islam, wurde das auch thematisiert?

    All die Menschenrechtsverletzungen, die der orthodoxe Islam, der ja mit der Hamas in Gaza regiert, so zu bieten hat, von Zwangsehen, über mangelnde Religionsfreiheit bis hin zur tödlichen Bedrohung von Homosexuellen?

    War das Ganze mal wieder nichts anderes als die übliche Glorifizierung der Palästinenser und die übliche Propaganda gegen Israel, wie das vom theologischen Establishment so für gewöhnlich betrieben wird?

    Wenn man als angehender Theologe etwas werden will, empfiehlt es sich natürlich mit dem Strom zu schwimmen, ist mir schon klar.

    • Interessant, dass du die Lage in den palästinensischen Gebieten so viel besser analysieren kannst, als palästinensische Christen selbst.
      Wenn du dir die Stellungnahmen palästinensischer Christinnen und Christen, wie z.B. das Kairos Palästina Dokument, ansiehst oder auch mal dorthin gehst, wirst du sehen, dass sie das Hauptproblem in der israelischen Besatzung des Westjordanlands, des Gazastreifens und Ostjerusalems sehen, das Extremisten Vorschub leistet.
      Sicherlich ist das islamischer Fundamentalismus, wie er z.B. von der Hamas betrieben wird, auch ein ernstzunehmendes Problem, gerade für die Einwohner Gazas, deren Vormacht aber auch durch die andauernde Blockade durch Israel bedingt ist.
      Der islamische Fundamentalismus wird von palästinensischen christlichen Theologien auch kritisiert (siehe z.B. die entsprechenden Stellen im Kairos Palästina Dokument), ist aber ein Symptom und nicht Ursache..
      Deine Charakterisierung des Islams der Hamas als „orthodox“ und auch die Beschreibung, was die Hamas alles so täte zeigen, das du von der Geschichte des Islam keine Ahnung hast.
      Die Hamas ist der palästinensische Ableger der Muslimbruderschaft, die eine Ausprägung des im 19 Jahrhundert in Ägypten entstandenen Reformislam ist. Dieser lehnt zentrale Inhalte des davor dominanten Rechtsschulenislam ab (wie die Notwendigkeit der nachprophetischen Tradition) und kann weltweit kaum „Orthodoxie“ beanspruchen, weder historisch, noch von den Mehrheitsverhältnissen im weltweiten Islam.

      Was die „übliche Glorifizierung der Palästinenser und die übliche Propaganda gegen Israel, wie das vom theologischen Establishment so für gewöhnlich betrieben wird“ angeht, so weiß ich nicht, woher dein Eindruck kommt, so etwas sei „üblich“ und wen du konkret mit dem „theologischen Establishment meinst.
      Ich habe auf dem Studientag keine „Glorifizierung“ und keine „Propaganda“ gehört, sondern klar als solche gekennzeichnete Perspektiven von betroffenen Menschen, die in dieser Situation über ihren Glauben und aus ihrem Glauben über ihre Situation nachdenken.

      Diese Kontextualisierung begegnet mir im Studium leider zu selten. Schade, dass es hier anscheinend auch nicht anders ist.

      • Tobias

        „…dass sie das Hauptproblem in der israelischen Besatzung des Westjordanlands, des Gazastreifens und Ostjerusalems sehen, das Extremisten Vorschub leistet.“

        Klar, das finde einige palästinensische Christen. Ich kenne welche, die das aber ganz anders sehen und selbst wenn es einen Mehrheit so sieht, heißt das noch lange nicht, dass es auch so ist. Kritische Selbstreflexion ist in orientalischen Gesellschaften meist wenig ausgeprägt.

        Im Übrigen ist gerade der Gaza-Streifen seit 2005 nicht mehr von Israel besetzt. Da müsste es doch im Gaza-Streifen besser sein, was Extremisten angeht, als im immer noch besetzten Westjordanland!

        Im Rest der arabisch-islamischen Welt, der nicht unter israelischer Besetzung leidet, gibt’s ja auch so gut wie keine Extremisten, oder etwa doch nicht?

        „Der islamische Fundamentalismus […] ist aber ein Symptom und nicht Ursache.“

        Klar, wie kommt es dann, dass die Urmutter des islamischen Fundamentalismus, der Wahhabismus im 18. Jhdt. in Zentralarabien entstand und sich ausbreitete, als dort noch kein freier Europäer jemals seinen Fuß hingesetzt hatte, lediglich ganz wenige von Muslimen versklavten Europäer waren zu dieser Zeit schon dort gewesen.

        „… Muslimbruderschaft, die eine Ausprägung des im 19 Jahrhundert in Ägypten entstandenen Reformislam ist. Dieser lehnt zentrale Inhalte des davor dominanten Rechtsschulenislam ab (wie die Notwendigkeit der nachprophetischen Tradition) und kann weltweit kaum “Orthodoxie” beanspruchen, weder historisch, noch von den Mehrheitsverhältnissen im weltweiten Islam.“

        Hast du eine Ahnung von islamischem Recht? Die Muslimbruderschaft baut in ihrem Islamverständnis genauso auf die usul al-fiqh auf, wie der orthodoxe Rechtsschulenislam und kommt im letztendlich zu kaum anderen Ergebnissen. Nenne mir doch mal ein paar relevante Fälle, wo der „Reformislam“ der Muslimbruderschaft zu anderen Ergebnissen kommt wie der orthodoxe Rechtsschulenislam und inwiefern es da Konflikte zwischen beiden Richtungen gibt.

        Im Übrigen zeigt deine Webseite, dass du offensichtlich völlig der verbreiteten Pro-Palästina-Propaganda verfallen bist. Das ist schade, da wird’s wohl schwierig werden konstruktiv zu diskutieren.

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