Lieber Rolf Zuckowski
Foto: Marcimarc (gemeinfrei)

Lange habe ich darüber nachgedacht, ob ich Dich nicht vielleicht besser siezen sollte. Immerhin bist Du – verzeih‘ mir meine Offenheit – mehr als 38 Jahre älter als ich. Und vor allem sind mein Respekt und meine Dankbarkeit für Dich derart groß, dass ein „Verehrter Herr Zuckowski“ eventuell doch passender als ein „Hallo Rolf“ erscheinen mag. Doch jedes Mal, wenn wir von Dir sprechen, sagen wir nur: „Darüber hat Rolf auch so ein schönes Lied geschrieben,“ oder: „Mir hat Rolf die Regeln des Straßenverkehrs erklärt.“

Mit leuchtenden Augen erzählen wir uns dann von „Rolf und seinen Freunden“. Und irgendwie fühlen wir uns seit jeher als Teil dieser Freunde – Deiner Freunde. Obwohl Du uns – mich und meine Freunde – nicht kennst, bist Du schon immer auch ein Mitglied unserer Gemeinschaft gewesen. Darum erlaube ich mir, Dich in diesem Brief zu duzen. Warum ich Dir überhaupt schreibe, ist dabei schnell erklärt: Ich möchte Dir so kurz vor Weihnachten endlich einmal von Herzen danken. Danke, Rolf.

„Das Christkind ist geboren in dunkler Winternacht
und hat in unser Leben das helle Licht gebracht.
Es will uns allen sagen, ob groß wir oder klein:
Ich will an allen Tagen euch Trost und Hoffnung sein.“

Meine 29. Adventszeit auf Gottes schöner Erde erlebe ich derzeit in Hamburg – meinem Studienort, Deiner Heimatstadt. Und dabei ergeht es mir leider wie so vielen: Der Stress bedroht meine Weihnachtsstimmung. Doch auch in diesem Jahr gibt es ein totsicheres Rezept gegen diese Gefahr, und das sind Deine Lieder, Rolf. Weihnachten ohne Musik von Dir wäre wie Hamburg ohne Hafen: Immer noch bedeutend, immer noch schön, doch etwas Entscheidendes würde fehlen. Und so lege ich also rasch Deine Platten auf und erfahre zur Sekunde dieses friedenbringende Gefühl, das mich auch heute noch erkennen lässt, was diese Zeit so besonders macht. Deine Lieder erklingen. Ab jetzt ist für mich Weihnachten. Danke, Rolf.

„Die Zeit beginnt zu laufen, es gibt so viel zu tun.
Jeder wünscht sich ein paar Tage, um endlich auszuruhn.
Da fehlen noch Geschenke und dann der Weihnachtsbaum,
Pakete packen, Karten schreiben, das alles schafft man kaum.
Und in all dem bunten Treiben werden wir noch lange Zeit
auf der Suche nach Weihnachten bleiben, und bald ist es soweit.“

Du hast mir Weihnachten ins Herz geschrieben. Du hast es mir erklärt, noch ehe ich wusste, was all die Worte bedeuten, die am Heiligen Abend von der Kanzel gepredigt werden. Danke, Rolf.

„Da war’n zwei, die wussten einfach nicht, wohin in ihrer Stadt,
da war einer, der den beiden seine Tür geöffnet hat.
Und wenn manchem heute dieses Fest das Herz nicht leichter macht,
hat Maria doch für alle ihren Sohn zur Welt gebracht.“

Du hast mich Toleranz gelehrt und mir beigebracht, meinen Glauben nicht über jenen der anderen zu stellen. Das ist ein ganz wichtiger Teil meiner Identität geworden und beileibe nicht selbstverständlich, wie wir in der ganzen Welt erkennen müssen. Danke, Rolf.

„Da sind viele, die das Weihnachtsfest nicht feiern so wie wir.
Woran immer ihr auch glauben mögt, seid uns willkommen hier.
Da sind viele, die tun irgendwo heut Abend ihre Pflicht.
Seid euch sicher, grad in dieser Nacht vergessen wir euch nicht.“

Du erinnerst mich daran, dass Jesus selbst ein Fremder war. Wir sollten von unserem hohen moralischen Ross absteigen und erst den Balken aus unserem eigenen Auge ziehen, bevor wir jene verdammen, die wegen des Splitters in ihrem Auge Jesus nicht als den Menschensohn erkennen. Danke, Rolf.

„Und wenn er wirklich wiederkäm und wär nicht so wie wir,
hätt andre Haut und andres Haar als unsre Leute hier.
Wer gäbe ihm zuerst die Hand und wollte mit ihm gehn,
und auch in seiner schwersten Nacht noch immer zu ihm stehn?
Wer würde ohne Zweifel ihm und seinem Wort vertraun,
und reinen Herzens, wie ein Kind, in seine Augen schaun?“

Du hilfst mir, einem angehenden Pfarrer, das gewisse Augenzwinkern beim Blick auf die Anzahl der Gottesdienstbesucher nicht zu verlieren. Auch wenn ich natürlich meinen Beitrag zu gefüllten Kirchenbänken leisten möchte. Danke, Rolf.

„Jedes Jahr, wenn Weihnachten ist,
sieht der Pastor all die Schäfchen, die er sonst so sehr vermisst,
doch sein Traum, dass es so bliebe, ist vergebens, wie ihr wisst,
jedes Jahr, wenn Weihnachten ist.“

Du schenkst uns die Worte, um den Schmerz über den Verlust von Freunden und Verwandten ausdrücken zu können. Du bekräftigst unsere Hoffnung, dass wir dennoch immer zusammen sein werden. Danke, Rolf.

„Wenn ich an Weihnachten denk, seh ich die Alten vor mir,
auch die, die uns verließen sind noch mal wieder hier.
Wir spüren, ihre Herzen sind uns immer noch nah,
und längst vergangne Stunden sind für uns wieder da.“

Ich kann mich nicht daran erinnern oder es gar beweisen, doch bin ich mir ziemlich sicher, den Namen „Jesus“ zum ersten Mal aus Deinem Munde gehört zu haben. Du hast mir die Tür des Glaubens geöffnet. Natürlich hätte ich nicht durch sie hindurch gehen müssen. Und sicher haben Art und Inhalt des Glaubens eines erwachsenen Mannes nicht mehr viel mit dem eines Grundschülers zu tun. Doch auch der erste Schritt ist Bestandteil eines jeden Weges. Du hast mich auf die Füße gestellt. Danke, Rolf.

„Bist Du erwachsen oder noch klein?
Das dürfte heute Abend gar nicht wichtig sein.
Sind wir nicht alle ein Menschenkind,
wann immer wir geboren sind?
Bist Du ein Junge oder ein Mann?
War jede Frau nicht auch ein Mädchen irgendwann?
Was uns für immer zusammenhält,
das fühlen jetzt so viele Menschen auf der Welt.“

Wenn ich diesen Brief an Dich nun selbst noch einmal lese, muss ich fast schmunzeln. Das sind weder die Zeilen des Theologiestudenten (meine Professoren würden mich mit allem Recht durch jede Prüfung fallen lassen) noch die eines Pfarrers (keine Sorge, liebe Landeskirche). Diese Zeilen hat ein kleiner Junge geschrieben. Jenes Kind, das Du, Rolf, in mir und so vielen anderen bewahrt hast. Dafür ist kein Dank zu groß. Denn wie anders sollten wir auf Weihnachten blicken, als durch die Augen eines Kindes, wenn sich uns Gott doch selbst als „strampelndes Baby“ – wie Du es singst – offenbart hat?

„Wer kann das verstehen? Wir können es nur glauben. Denn unser Verstand ist zu eng für die Wahrheit. Gott schenkte uns seinen Sohn, um uns zu zeigen, wie sehr er uns liebt, wie sehr er bereit ist, uns zu verzeihen, wenn wir nur seiner Liebe vertrauen. Das ist das Wunder der Heiligen Nacht […]. Das Wunder aller Wunder. Darum wollen wir uns liebhaben und glücklich sein.“

Damit hast Du alles gesagt.

Fröhliche Weihnachten, Rolf. Möge Gott Dich immer begleiten!

Dein Henning

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