Bericht über die X. Vollversammlung des ÖRK in Busan (Korea)

Ein Gastbeitrag von Anna Habermann.

Im Rahmen des Global Ecumenical Theological Institute (GETI) habe ich an der X. Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK) teilgenommen. Diese fand vom 30. Oktober bis zum 8. November 2013 in Busan, Korea, statt. Unter dem Thema der Vollversammlung „Gott des Lebens, weise uns den Weg zu Gerechtigkeit und Frieden“ kamen über 3000 Christen, darunter knapp 800 Delegierte, aus 345 Mitgliedskirchen zusammen. Im Folgenden möchte ich gerne über das GETI-Programm und die Vollversammlung im Allgemeinen berichten und dies mit ein paar persönlichen Erfahrungen verbinden.

GETI – Global Ecumenical Theological Institute

Das GETI fand dieses Jahr das erste Mal in Begleitung einer Vollversammlung statt. Über 25 Dozenten, 160 Theologiestudenten und junge Absolventen unterschiedlicher Konfessionen aus 60 Ländern kamen bereits eine Woche vor Beginn der Vollversammlung in Seoul zusammen. Im Mittelpunkt des GETI-Programms stand das Thema „Zukunft der Ökumene und Transformation des Christentums im 21. Jahrhundert“. In Form von Vorträgen, Seminardiskussionen und Exkursionen setzten wir uns damit auseinander.1 Besonderer Fokus lag dabei auf asiatischen Christentümern und Theologien aus und im asiatischen Kontext. So wurden bspw. asiatische Theologie aus Frauenperspektive, die Missionsgeschichte und Pluralität der Kirchen und „eco-theology“ in Korea thematisiert. Der Vorbereitung und der Diskussion in den Seminargruppen vor Ort lag ein Reader zu Grunde, in welchem aktuelle Texte zu zentralen ökumenischen Themen enthalten sind.2
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Während unseres gesamten Aufenthalts in Korea waren wir in kleine Seminargruppen eingeteilt. In meiner Gruppe waren Studenten und junge Absolventen aus Indonesien, Hongkong, Südafrika, USA, Ungarn, Korea, Finnland und unser Seminarleiter war der römisch-katholische Theologe Prof. Stephen Bevans. Für mich waren v.a. die Gespräche in den Seminargruppen eine große Bereicherung, in denen man sich ganz frei über seinen Heimatkontext und theologische Fragen austauschen konnte. So konnte man sich beispielsweise gemeinsam über die Verbindung von Kolonisation und Mission unterhalten und verschiedene Perspektiven in die Diskussion miteinbringen, ohne direkt eine offensive oder defensive Haltung zur Vergangenheit einnehmen zu müssen.

Nach einer Woche in Seoul wurde das GETI-Programm in Busan fortgesetzt, wo wir tagsüber an den Veranstaltungen der Vollversammlung teilnehmen konnten.

Ein ganz „normaler“ Tagesablauf einer Vollversammlung aus Sicht einer Teilnehmerin

Um 8.30 beginnt der Tag mit einer Morgenandacht. In verschiedenen Sprachen und von Menschen verschiedener Konfessionen wird diese angeleitet. Für alle Andachten und Gebete wurde ein Gebets- und Liederbuch erstellt. Darin sind Lieder verschiedenen Ursprungs zu finden, einige Lieder wurden auch eigens für die Vollversammlung geschrieben.

Im Anschluss an die Morgenandacht fand eine Bibelarbeit statt, der meist der Text der Andacht zu Grunde lag. Ich habe eine englischsprachige Bibelarbeit in einer Kleingruppe besucht. In der bunt gemischten Gruppe haben wir gemeinsam jeden Tag einen Bibeltext interpretiert, wobei sichtbar wurde, wie der eigene Kontext die Interpretation beeinflusste.

Danach folgten die Plenarsitzungen, bei denen in einer großen Aula auf der Bühne einzelne Vorträge oder Podiumsdiskussionen stattfanden. An jedem Tag stand ein anderes Thema im Mittelpunkt, u.a. das Thema der Vollversammlung, Asien, Einheit, Mission, Gerechtigkeit und Frieden. Besonders beeindruckt hat mich die Plenarsitzung zum Thema Gerechtigkeit. Dort sprach bspw. ein Pfarrer von dem pazifischen Inselstaat Tuvalu über die Sintfluterzählung und Noahs Erwählung. Da er davon ausgehen muss, dass seine Nachkommen auf Grund des Klimawandels nicht mehr auf seiner Insel leben werden können, identifizierte er sich sehr stark mit Noah und brachte seine Hoffnung auf Gottes Rettung der Guten zum Ausdruck.3

Nach einer Mittagspause gab es entweder Workshops oder Ausschusssitzungen für die Delegierten. In dieser Zeitspanne hatten wir interne GETI-Vorlesungen.

Der Nachmittag endete mit „Ökumenischen Gesprächen“, bei denen in Form von Workshops einzelne zentrale ökumenische Themen diskutiert wurden. Ich habe an dem Ökumenischen Gespräch „Middle East – Whose Justice? Whose Peace?“ teilgenommen. Dort ging es v.a. um den Konflikt in Israel/Palästina sowie um den Krieg in Syrien und die weiteren Umbrüche in der arabischen Welt und ihre Auswirkungen auf Christen. In dieser Art des gemeinsamen Austauschs war es möglich, gegenseitig Erfahrungen, sowohl ähnliche Leidenserfahrungen aus den verschiedenen Kontexten, als auch Formen der Solidarität einzubringen. Nach Ende der Ökumenischen Gespräche wurden gemeinsam Erklärungen erstellt, welche die Ergebnisse der Gespräche festhalten und die Weiterarbeit des ÖRK an diesen Themen aufzeigen.

Der Tag endete mit einer Abendandacht, wobei wir abends wieder unser internes GETI-Programm hatten.

Das Gastland Korea

Das Thema der Vollversammlung „Gott des Lebens, weise uns den Weg zu Gerechtigkeit und Frieden“ gibt die Stimmung der Christen im asiatischen Raum, v.a. von der koreanischen Halbinsel, wieder. Seit über 60 Jahren ist die koreanische Halbinsel geteilt. Für viele Koreaner ist dies Quelle des Schmerzes. Auch die Mehrzahl der koreanischen Christen hofft auf und betet für ein wiedervereinigtes friedliches Korea, worin sie vom ÖRK immer unterstützt wurden. Allerdings gibt es auch Koreaner, darunter auch Christen, die sich gegen eine Wiedervereinigung aussprechen. Dies ist v.a. die jüngere Generation, die oftmals keine persönliche Beziehung mehr in den Norden hat. Dies war auch einer der Gründe, weswegen es im Umfeld der Vollversammlungen zu Demonstrationen von einer kleinen, von den Hauptkirchen in Korea abgespaltenen, christlichen Gruppe kam, da sie die Arbeit des ÖRK als kommunistisch empfindet.

Insgesamt ist die Christenheit in Korea sehr gespalten, dennoch haben viele koreanische Kirchen, welche nicht Mitglied des ÖRK sind, die Vollversammlung unterstützt. Durch die Vollversammlung in Korea hoffte man, die Einheit der Christen im Land zu fördern und das Schicksal des geteilten Koreas in die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit zu rücken. Ich würde argumentieren, dass die Vollversammlung zu beiden Aspekten etwas Positives beitragen konnte. Je ein Beispiel möchte ich anführen: Parallel zu GETI fand ein KETI (Korean Ecumenical Theological Institute) statt, in dem koreanische Theologiestudenten sämtlicher Konfessionen sich erstmals auf einer so großen Plattform begegnen konnten und dadurch mehr über die einzelnen Konfessionen auf sachlicher und persönlicher Ebene erfuhren. Bei einem gemeinsamen GETI-KETI Treffen konnten wir erfahren, wie sehr diese Erfahrung uns allen den Horizont erweitert hat und wir dadurch in der Lage waren, mehr Offenheit und Verständnis anderen christlichen Formen entgegenbringen.

Um auf die Zerrissenheit der koreanischen Halbinsel aufmerksam zu machen fuhr ein „Peace Train“ zur Vollversammlung. Von dem schon über zwanzig Jahre wiedervereinigten Berlin fuhr der Zug durch Moskau weiter über den gesamten asiatischen Kontinent bis nach Busan. Ca. 50 Teilnehmer der Vollversammlung reisten über drei Wochen lang mit dem Zug. Auf den einzelnen Stationen wurden Veranstaltungen und Gottesdienste organisiert, bei denen der Situation Koreas gedacht wurde. Bis zuletzt bestand die Hoffnung, Nordkorea passieren zu dürfen, allerdings musste dann doch Nordkorea umschifft werden.4

Und jetzt?

Mit dieser Frage bin ich von der Vollversammlung zurückgekehrt. Wie wird die Arbeit des ÖRK weitergehen, wie wird sich Ökumene zukünftig in Deutschland, in unseren Städten gestalten und wo werde ich mich einbringen können?

Die Abschlussbotschaft der Vollversammlung lautet „Join the Pilgrimage of Justice and Peace“. Darin werden wir alle aufgerufen, uns mit auf den Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens zu begeben. Eine konkrete Ausarbeitung des Pilgerwegs der Gerechtigkeit und des Friedens gibt es bisher nicht, jedoch ruft der ÖRK seine Mitgliedskirchen auf, mehr Eigeninitiative einzubringen. Für das Konzept eines Pilgerwegs trifft es in jedem Fall zu, dass jeder Pilger sein je eigenes Gepäck trägt, jedoch die Pilgerschar auf einem Weg unterwegs ist. So hat vielleicht jede Mitgliedskirche eigene Stationen auf dem Pilgerweg, an denen sie an Gottes Reich der Gerechtigkeit und des Friedens auf Erden arbeitet. Wir alle können nun überlegen, was wir in unseren Pilgerrucksack packen, um uns dann mit auf den Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens zu begeben.


1 Weitere Informationen über das GETI-Programm sowie Link zu einigen Vorträge auf Youtube unter: http://www.globethics.net/geti.
2 Lorke, Melisande/ Werner, Dietrich (Hg.), Ecumenical Visions for the 21st Century. A Reader for Theological Education, Genf 2013; erhältlich bei Amazon und downloadbar unter: http://www.globethics.net/web/ecumenical-visions/overview).
3 Alle Plenarsitzungen können auch auf Youtube angeschaut werden; der Link zur Gerechtigkeitsplenarsitzung ist: http://www.youtube.com/watch?v=r488zJ39RiE.
4 Weitere Infos, Bilder, Video und Reiseroute auf: http://www.peacetrain2013.org/.
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