Run Jesus Run! Das 10-Sekunden-Evangelium

Es ist immer wieder spannend zu sehen, wie die Kunst über die Jahrhunderte christliche Inhalte aufgegriffen und interpretiert hat. Jedes erdenklich künstlerische Medium hat die christliche Tradition auf seine Weise aufgenommen.

In den letzten Jahren haben Künstler auch das Videospiel zunehmend als Medium für sich entdeckt. Besonders in der Indie-Szene tauchen immer wieder „Spiele“ auf, die kein nennenswertes Gameplay oder Story bieten, sondern nur eine Idee oder Emotionen vermitteln – also „Kunst“ sind. Dezidiert biblische Themen werden dabei aber nur selten aufgegriffen.

Run Jesus Run!

Umso überraschter war ich, als ich im Internet ein kleines Spiel mit dem Titel „Run Jesus run! aka the 10 second gospel“ fand. Ein Computerspiel, in dem man in die Rolle von Jesus schlüpfen und das Evangelium nachspielen kann! Die Anleitung auf der Webseite ist sehr minimalistisch:

Du hast 10 Sekunden, um die Menschheit zu erlösen.
Pfeiltasten zum Laufen; Leertaste, um Jesus-Kram zu machen.

Das Spiel dauert, wie der Titel schon sagt, nur 10 Sekunden, jeder kann also gleich dem Link folgen und es ausprobieren und dann weiterlesen.

Run Jesus run! gibt sich keine Mühe, um ernsthaft zu erscheinen. Die grafische Präsentation und die Soundeffekte sind sehr grob gestaltet. Trotzdem lässt sich in jeder Szene genau erkennen, auf welche biblische Begebenheit angespielt wird – wenn auch meist grob vereinfacht oder verzerrt.

Molleindustria, die Gruppe, die sich Run Jesus run! ausgedacht hat, beschreibt sich selbst als ein Entwickler von „homeopathic remedies to the idiocy of mainstream entertainment“: Spiele, die zum Nachdenken anregen sollen oder einfach Satire auf typische Videospielklischees sind.

Aus meiner Sicht funktioniert Run Jesus run! genau auf diesen Beiden Ebenen. Zum einen ist es eine witzige Parodie auf Videospiele: Zum Beispiel das abstrakte Sammeln von Punkten (Die Maximalpunktzahl erreicht man, wenn man alle zwölf Apostel „gesammelt“ hat) oder die das Spiel mit den Konzepten „gewinnen“ und „verlieren“.[1]

Religionskritischer Angriff oder Einladung zum Nachdenken?

Damit sind wir auch schon bei der zweiten Ebene von Run Jesus run!: Es ist ein Kommentar zur biblischen Geschichte von Jesus Christus. Auf den ersten Blick könnte man meinen, es wäre ein böswilliger Angriff auf die christliche Tradition. Und ganz daneben läge man damit nicht, stammt doch aus dem gleichen Entwicklerhaus auch das weitaus weniger verhohlen religionskritische Operation: Pedopriest.

Aber zugleich stellt Run Jesus run! auch einige spannende Fragen: Zum Beispiel das „was wäre wenn?“. Der Spieler hat nur begrenzte Zeit, um seinen (Jesu) Auftrag zu erfüllen. Fällt er dabei in einen Abgrund oder ertrinkt, war’s das. Was wäre gewesen, hätte Jesus damals noch ein paar Jahre mehr Zeit gehabt? Hätte er noch mehr Menschen geholfen, noch mehr gesagt?

Die Torheit des Kreuzes

Besonders gut gefällt mir das Ende: Die Kreuzigung als Sieg.

Ich habe ein paar Anläufe gebraucht, bevor ich in zehn Sekunden bis ans Ende gekommen bin. Schafft man es nicht, sieht man in der letzten Szene nur zwei Kreuze stehen – dazwischen eine leere Stelle.

Als ich es ans Ende geschafft hatte, war ich gespannt, wie das Spiel mich in der letzten Szene belohnen würde (denn das ist bei Spielen so üblich, der Sieg wird belohnt). Aber nein, wenn man bis ans Ende gelangt, sieht man seine Spielfigur (Jesus) am Kreuz hängen. Ist aber „sterben“ nicht mit „verlieren“ gleichzusetzen? Was ist denn das für ein Sieg? Wäre es da nicht besser, nicht bis ans Ende zu kommen?

Aus christlicher Sicht ist der Kreuzestod ein eschatologischer Sieg – auch wenn es erst einmal überhaupt nicht danach aussieht. Deshalb nennt Paulus das Kreuz Christi auch Torheit (1. Kor. 1). Weil es von außen betrachtet nach einer Niederlage aussieht. Weil die irdischen Maßstäbe auf den Kopf gestellt werden.

Nach der Kreuzigungsszene endet Run Jesus run!. Wir aber wissen, dass die eigentliche Siegesszene des Lebens Jesu erst drei Tage später folgte.

Run Jesus run! kann man auf der Entwicklerhomepage kostenlos im Browser spielen oder für Windows und Mac herunterladen.


  1. Man beachte auch die Anspielung auf das von-unten-an-Würfel-hüpfen aus Super Mario in der Bergpredigt-Szene.  ↩
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Ein Kommentar

  1. MolleIndustria gehören m.E. zu den kreativsten Spieleentwicklern unserer Zeit. Dabei ist es gerade der Minimalismus der Spiele, der sie so anziehend macht und Fragen provoziert
    Dabei ist neben „Run, Jesus, Run“ und dem im Artikel genannten „Operation PedoPriest“ auch noch FaithFighter zu erwähnen, bei dem die Inkarnationen der Weltreligionen einander in einem Beat’Em Up verprügeln.
    Ein zynischer Kommentar zur Gewaltproblematik in den Religionen?
    http://www.molleindustria.org/en/faith-fighter/

    Deine Überlegungen zur Torheit des Kreuzes fand ich sehr gut.
    Letztlich sind solche Spiele Einladungen, ins Gespräch einzutreten.

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