Theologie – ein Kinderspiel?

Theologietreiben kann man erst, wenn man drei alte Sprachen gelernt und eine Bibliothek zur Verfügung stehen hat? Falsch, sagen Befürworter_innen der Kindertheologie: Auch Kinder können eigenständig Theologie betreiben.

Ich studiere Theologie. Wenn ich nach meinem Studiengang gefragt werde, ernte ich auf meine Antwort hin häufig ratlose Blicke. Normalerweise erkläre ich dann je nach Situation kurz oder etwas ausführlicher, was man im Theologiestudium macht. Dabei ist die Frage, was Theologie ist, gar nicht so einfach zu beantworten. Der Begriff „Theologie“ kommt aus dem Griechischen und setzt sich zusammen aus der Wörtern θεος (Gott) und λογος (Sprechen, Lehre). Theologie ist demnach das Sprechen über Gott, die Lehre von Gott. Gott ist nun aber kein Gegenstand, den man behandeln könnte, wie etwa die Neurologie sich mit dem Nervensystem beschäftigt. Darum definiert D. Sölle Theologie folgendermaßen:

„Der Gegenstand der Theologie kann nur die Beziehung zwischen Gott und den Menschen sein, das bedeutet Reflexion der Erfahrungen, die Menschen dazu gebracht haben, von so etwas wie ,Gott‘ reden zu müssen.“

Das Sprechen von Gott allein ist keinem Menschen ohne weiteres möglich. Mit der Beziehung zwischen Gott und den Menschen können sich allerdings auch Kinder beschäftigen, denn auch Kinder haben eigene religiöse Vorstellungen, Fragen oder Erlebnisse, die sie reflektieren können.

In der Praxis stellt uns die Kindertheologie jedoch vor viele Fragen: Theologisieren Kinder anders, etwa magischer, als Erwachsene? Wo könnte für die Kindertheologie ein geeigneter Ort gefunden werden – im privaten Raum, in der Schule, in der Kirche? Und wie verhält sich eine Theologie erwachsener Menschen zu einer Theologie von Kindern? In der praktischen Theologie werden alle diese und weitere Fragen zunehmend ernsthaft diskutiert. Dass es sich bei Kindertheologie um ein gegenseitiges Geben und Nehmen im Austausch von Kindern und Erwachsenen handeln soll, ist relativ unumstritten. Natürlich unterscheidet sich die Kindertheologie von der akademischen Theologie. Diese wird durch die grundsätzlichen Infragestellungen der Kindertheologie allerdings auch in ihren gängigen wissenschaftlich-theologischen Vorstellungen auf den Prüfstand gestellt, indem die Kindertheologie die wissenschaftliche Theologie herausfordert, Rechenschaft über eigene selbstverständlich gewordene theologische Begrifflichkeiten abzulegen.

Kinder selber denken lassen

Häufig diskutiert wird nun die Frage, inwieweit eine Korrektur der kindlichen Aussagen durch Erwachsene getätigt werden sollte oder nicht. Einerseits sollen die Kinder ernst genommen und nicht als naiv abgestempelt, belächelt oder verbessert werden, andererseits haben die Kinder ein Recht auf Bildung. Es darf immerhin nicht vergessen werden, dass die Kindertheologie bei aller Bemühung um Eigenständigkeit dennoch in der christlichen Tradition beheimatet ist.

Meiner Meinung nach ist die Frage, ob Kinder in ihren theologischen Vorstellungen korrigiert werden sollten, nicht eindeutig zu beantworten. Es ist jeweils in der konkreten Situation zu entscheiden, ob es sich bei einer Korrektur um für Kinder einfach verständliche Fakten handelt oder ob es sich um komplexere Sachverhalte oder Theorien handelt, die ein bestimmtes (Gottes-)Bild der erwachsenen Person widerspiegeln. Zwei Beispiele praktizierter Kindertheologie aus einem Aufsatz von M. Saß können das vielleicht verdeutlichen: Es ist ein Unterschied, ob ich einem Kind erkläre, dass Maria nicht Jesu Frau, sondern Jesu Mutter war, oder ob ich einem Kind erkläre, was es bedeutet, gesegnet zu sein. Die theologischen Vorstellungen oder Ideen des Kindes hängen wahrscheinlich nicht an der Frage, welche Beziehung Jesus zu Maria hatte; anders verhält es sich, wenn dem Kind eine ihm fremde Vorstellung vom Segensvollzug übergestülpt wird. Ein eigenes theologisches Konzept ist für das Kind besser verständlich und es fällt leichter daran zu glauben.

Dem möglichen Gegenargument, dass bei einer Weiterentwicklung der kindlichen Vorstellungen dann das ganze Konzept umzustürzen droht, würde ich entgegensetzen, dass auch bei Erwachsenen eine ständige Weiterentwicklung theologischer Vorstellungen zu beobachten ist. Den Kindern soll auch bei der Kindertheologie keine Reflexion ihres Glaubens aufgezwungen werden. Sie sollen nicht zu kleinen Erwachsenen gemacht werden, sondern Kinder bleiben. Mit ihrer ihnen eigenen kindlichen Neugierde hinterfragen sie sicher selbst teilweise ihre kindliche Vorstellungswelt. Ein gemeinsames Antwortensuchen der Erwachsenen mit den Kindern innerhalb der kindlichen Vorstellungswelt ist dann eine ehrlichere Reaktion, als den Kindern erwachsene Antworten vorzugeben, zumal auch Erwachsene meistens noch keine wirklich befriedigenden Antworten für sich gefunden haben.

Kinder weiter denken lassen

Dennoch sollten die Kinder auch nicht vollkommen auf sich gestellt Antworten finden müssen. Im Gespräch kommen sicher auch Fragen seitens der Kinder auf, die die Erwachsenen nach bestem Wissen und Gewissen beantworten sollten. Ohne jeglichen Input könnten Kinder keine eigene Theologie entwickeln. Ich möchte behaupten: Eine Theologie für Kinder ist Voraussetzung für eine Theologie von Kindern. Damit nach Antworten gesucht wird, müssen Fragen gestellt werden und mögliche Denkanstöße der Erwachsenen regen das Interesse und weitere Überlegungen der Kinder an. Reflektieren können wir nur, was wir kennen. Voraussetzung für religiöses Reflexionsvermögen von Kindern ist also eine religiöse Praxis sozialer Kontakte, zum Beispiel durch religiöse Erziehung. Bei den Überlegungen zu einem geeigneten Raum für die Kindertheologie muss deshalb auch berücksichtigt werden, wie Kindertheologie milieuübergreifend betrieben werden könnte.

Solchen gehört das Reich Gottes

Letzten Endes lässt sich wohl sagen, dass wir als Erwachsene natürlich mehr über religiöse Inhalte gelernt haben. Dennoch meine ich nicht, dass wir uns anmaßen können besser über Gott – d.h. über unser Verhältnis zu Gott – sprechen zu können als Kinder. Deshalb möchte ich schließen mit einer Erzählung, in der deutlich wird, dass Jesus Christus den Glauben und das Denken von Kindern als vollwertig und vorteilhaft anerkannte:

„Und sie brachten Kinder zu ihm, damit er sie anrührte. Die Jünger aber fuhren sie an. Als aber Jesus es sah, wurde er unwillig und sprach zu ihnen: Lasst die Kinder zu mir kommen! Wehrt ihnen nicht! Denn solchen gehört das Reich Gottes. Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, wird dort nicht hineinkommen. Und er nahm sie in seine Arme, legte die Hände auf sie und segnete sie.“ (Mk 10, 13-16)

Literatur: Saß, Marcell: „Maria war die Frau von Jesus“? – Chancen und Grenzen kindertheologischer Zugänge, in: Jahrbuch für Kindertheologie, Bd. 10, 2011, 133–152.

Schlagwörter: , , ,

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.