Moment mal: Schnee von gestern?

„Ach, ihr Deutschen. Immer tut euch alles Leid. Was auch immer man euch vorwirft, ihr nehmt es hin und entschuldigt euch dafür.“Diese Aussage, mit der ich mich vor ein paar Tagen konfrontiert sah, hat mich sehr beschäftigt, zumal sich in den letzten Tagen zum 75. Mal die Reichspogromnacht jährte und als Gedenktag unwillkürlich die üblichen Fragen hinsichtlich der Aufarbeitung von Nationalsozialismus und Antisemitismus mit sich brachte. Ich habe die öffentliche Debatte über diese Fragen mit gemischten Gefühlen verfolgt. Wie Vielen, fällt es auch mir häufig schwer, das Vorgehen Israels in Fragen von Militäreinsätzen, Geheimdienstarbeit und Siedlungsbau nachzuvollziehen oder zu verteidigen. Mitzubekommen, dass Leute, die ähnliches vertreten, sich häufig mit dem Vorwurf konfrontiert sehen, sie seien „sekundär antisemitisch“, lässt mich an einer zielführenden und konstruktiven Antisemitismusdefinition in Teilen der deutschen Öffentlichkeit leider ernsthaft zweifeln. Und so kann ich verstehen, dass es manchem mitunter so erscheint, als gäbe es in Deutschland ein Kritikverbot an Israel. Denn worauf sonst läuft es letztlich hinaus, wenn Henryk M. Broder behauptet jeder Antizionismus habe seinen Ursprung im Antisemitismus?

Ebenso erschließt sich mir, dass es ermüdend und widerständig ist, sich zu den omnipräsenten Gräuel des Naziregimes immer neu verhalten und sie – als Geschichte des eigenen Volkes – auf sich selbst beziehen zu müssen. Es mag nämlich noch so viel Wahrheit in dem berühmten Satz des Philosophen George Santayana stecken, dass „[t]hose who cannot remember the past are condemned to repeat it“, aber eine fast schon zwanghafte Dauerbeschäftigung mit dem dritten Reich, wie ich sie beispielsweise aus meiner Schulzeit erinnere, nützt letztlich niemandem. Das ist die eine Seite.

Auf der anderen Seite kann ich es in Kenntnis der deutschen Geschichte nun einmal wirklich nicht erstaunlich oder verwerflich finden, dass gerade die hier lebenden Juden in höchstem Maße sensibel für antisemitische Äußerungen und Handlungen sind. Zu fordern es nun endlich einmal gut sein zu lassen mit den ewigen Kniefällen und Schuldbekenntnissen, mit der Rücksichtnahme auf jüdische Befindlichkeiten, scheint mir deshalb auch nicht weniger als die erste Stufe auf dem Weg zur Verharmlosung und Relativierung der Shoah zu sein. Es geht beim „Holocaust“ schließlich nicht einfach um eine historische Notiz, die, nachdem sie eine angemessene Zeit der Berücksichtigung erfahren hat, guten Gewissens zu den Akten gelegt werden kann. Norbert Lammert hat Anfang diesen Jahres treffend betont, dass die Nazidiktatur kein Betriebsunfall der Geschichte war, weder zufällig, noch zwangsläufig. Daraus folgt mit Sicherheit keine erbsündenartige, nationale Kollektivschuld und erst recht keine Verpflichtung deutschen Juden oder dem Staat Israel unkritisch gegenüberzutreten. Wenn aber, wie jüngst veröffentlicht wurde, das Gefühl bei europäischen Juden diskriminiert zu werden wieder steigt, dann ist das ein Problem, das Beachtung verdient hat.

Als am 9. November 1938 die Synagogen brannten, war dies bereits der Anfang vom Ende jüdischen Lebens in Deutschland. Was von da an auf deutschem Boden passiert ist, bedingt in meinen Augen vielleicht nicht die Pflicht zur fortwährenden Entschuldigung, aber zumindest die Verantwortung nie wieder zuzulassen, dass Juden Angst vor Verfolgung haben müssen, dass sie beschimpft und diskriminiert werden, dass ihr Willkommensein in diesem Land zur Debatte steht. Wenn das gelingt, muss im freundschaftlichen Miteinander auch manch kritisches Wort fallen dürfen. Gelingt es aber nicht, dürfte es noch lange dauern, bis wir beruhigt aufhören können, uns immer wieder zu entschuldigen.

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