Hä, Wer ist eigentlich Gott? – Eine Episode aus dem Reli-Unterricht

Eine Geschichte aus meinem ganz normalen Studienalltag:

„Ich bin Religionslehrerin, ich bin Religionslehrerin“, wiederholte ich als Mut machendes Mantra im Geiste, als ich vor einem Jahr ins große Schulpraktikum startete. Es war der Tag meiner Prüfungsstunde. Eine erste Klasse wuselte wild durch die Bankreihen. Das Thema war: „Jesus und die Kinder“. Es sollte eine einfache Einführungsstunde zu Jesus sein. Meine Mentorin und ich waren uns einig: die Geschichte werden die wenigsten Kinder schon kennen. Es sollte also keine Probleme geben. Die ersten Minuten liefen grandios. Die Kinder arbeiteten super mit, hatten tolle Ideen und gaben perfekte Antworten. Meine Didaktik schien aufzugehen. An der Tafel hatte ich ein Bild, auf dem Jesus umringt von Kindern zu sehen war. Jesus hielt sogar eines auf dem Arm. „Wer denkt ihr ist auf dem Bild zu sehen?“, fragte ich in die Klasse, nachdem ich die Geschichte von der Kindersegnung erzählt hatte. „Maria und Josef“, quiekte ein Mädchen aus der letzten Bankreihe. Wie zum Geier kommt sie darauf? In der Geschichte kam weder ein Josef noch eine Maria vor! Und Weihnachten ist auch noch in weiter Ferne. „Kannst Du mir erklären, wie Du darauf kommst?“, fragte ich verwundert. Das Mädchen zuckte mit den Schultern. Mein Prüfer notierte sich etwas. „Gibt es noch andere Ideen?“ Ein Junge kam nach vorn, zeigte auf Jesus und sagte: „Das ist Jesus und der hält Christus auf dem Arm.“ Kinder haben ja so viel Fantasie. Leider auch in Prüfungsstunden. Mein Prüfer schaute erwartungsvoll in meine Richtung. Jetzt könnte man doch wundervoll über Christologie reden! Mit Erstklässlern. Ich versuchte ihm zu erklären, dass „Christus“ eher eine Art Beiname ist, wie bei Königen, die dann „der Große“ oder „der Starke“ genannt werden. Er nickte. Verstohlen atmete ich aus.

Irgendwann später in der Stunde, als es um Jesu Liebe für die Kinder ging, fiel das Wort „Gott“. Plötzlich meldete sich der Jüngste in der Klasse und rief ganz laut: „HÄ? Wer ist eigentlich Gott?“ Meine Mentorin, die Schulleiterin, der AKD-Leiter und die ARU-Leiterin starrten mich an. Alle Kinder guckten erwartungsvoll in meine Richtung. Mir brach der Schweiß aus. Wer ist Gott? Na ja. Alles. Irgendwie. Vater. Aber auch Mutter. Und Schöpfer. Und Liebe. Und Jesus, der ist ja auch Gott. Was davon sage ich jetzt? „Ähm, also Gott ist …“, setzte ich an. Der Junge kritzelte schon wieder auf seinem Blatt herum. Meine Prüfer und Beisitzende guckten aber immer noch in meine Richtung. Wer verdammt noch mal ist Gott? Kann man das in einem Satz sagen? Kann man nicht die ganze Bibel lesen und am Ende trotzdem nicht mit Bestimmtheit sagen, wer Gott ist? Wer weiß schon wer Gott ist?

„Gott ist der Vater Jesu, und um das zu lernen sitzt Du ja hier im Religionsunterricht,“ sagte ich schließlich. Irgendwas musste ich ja sagen. Da es gerade um Jesus ging, erschien mir das passend. Mein Prüfer schüttele fast unmerklich den Kopf. Noch so eine Frage und ich werde die Prüfung wiederholen dürfen. Warum wollte ich noch mal Lehrerin werden?

Ein Jahr nach diesem Erlebnis kann ich darüber schmunzeln. Drei Monate Praktikum ohne schwierige Situationen, prekäre Fragen oder schwere theologische Probleme. Selbst die eigentliche Prüfungsstunde hatte ich in einer anderen ersten Klasse ohne Zwischenfälle durchführen können. Die fantasievollen Kinder haben sich das alles natürlich für meine Prüfungsstunde aufgehoben … trotzdem möchte ich werdende Religionslehrerinnen und -lehrern nicht entmutigend. Theologisieren mit Kindern hat gerade in diesen fantasievollen Antworten ihren Reiz und bietet ungeahnte Möglichkeiten über Gott zu sprechen … und wenn man nicht gerade unter Prüfungsstress steht, funktioniert das auch ganz gut.

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Ein Kommentar

  1. Wolfgang Hennig

    Hallo Frau Sperlich,
    lustiges aber auch nachdenkenswertes Erlebnis.
    Eine? „Person(en)?“ beschreiben, die man selbst nicht bewußt
    persönlich kennt. An die man glaubt daß es sie gibt,
    aber die man kaum oder gar nicht begreift. Wie geht es Ihnen damit?
    Darf man kaum Begriffenes eigentlich in der Form weitergeben,
    so wie wir, also Gesellschaft, Kirche, es tun? Haben Sie Gewissensbisse?
    Vielleicht heißt Gewissen ja „Ge(ist)-Wissen“…und was wissen wir?
    Die Interpretationsmöglichkeiten des Bibeltextes geben auch keine
    Erklärungen in der Qualität, das sie als „begriffen“ oder „begreifend
    möglich“, als „Lehre“, verstanden werden können.
    Müßten wir nicht bescheidener lehren oder nur informieren
    und selbst denken lassen? Ihre Antwort ist natürlich freiwillig und
    ich möchte Sie auch nicht damit in Verlegenheit bringen.
    Es sind nur nachdenkliche Gedanken von mir.
    Eine Antwort würde mich freuen.
    Mit freundlichem Gruß
    Wolfgang Hennig…Wolf6an6 Henni6…:-)

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