Leben nach Luther Eine Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses

Ein Bericht der Ausstellungseröffnung im Deutschen Historischen Museum (DHM)

Es ist schon ein großartig brisanter Zeitpunkt, zu welchem das DHM seine Ausstellung über Wohnhäuser von Geistlichen eröffnet… Es geht natürlich aber um mehr als nur kostspielige Einrichtungen. Der Pfarrberuf wird in seiner kulturhistorischen Relevanz beschaut.

03

Porträt des Pfarrers und Gelehrten Gustaf Fredrik Hjortberg mit seiner Familie, Jonas Dürchs, um 1770 © Swedish church in Vallda o Släp, Foto: Boel Ferm

Abgeholt werden die BesucherInnen beim Betreten der Ausstellung natürlich zunächst von ihm, Doctor Martinus. Bilder begrüßen uns, auf denen er und Katharina im Kreise der Kinder um den Tannenbaum sitzen und musizieren. Durch den kleinen Schritt in den nächsten, nur gering abgetrennten Raum, wird nun Luther eine Aufzählung von Talaren und liturgischer Mode durch die Zeit gegenübergestellt. Hierbei schwach, der Versuch mit einem Talar für Frauen dem 400 von 500 Jahre alten Bild des PfarrERberufs entgegenzuwirken. Zunächst also nur eine scheinbar triviale Einführung in die sechs Kapitel umfassende Ausstellung, stellen die BesucherInnen doch fest, das heutige Bild vom Pfarrberuf scheint noch erstaunlich nah am „Original“ und damit immernoch enorm idealisiert. Der Eindruck verstärkt sich noch, wenn im Folgenden das Pfarrhaus selbst in seiner Geschichte dargestellt wird. Es kommen Bilder „wie man es eben kennt“: Vollgepfropfte, gemütliche einladende Studierstuben. Die historische Pfarrersfamilie als sittliches Vorbild. Der Pfarrer selbst als Universalgelehrter. Wohl aber auch mahnend, unterrichtend, ja prüfend. Durchaus wird das protestantische Pfarrhaus in seiner Geschichte auch als wirtschaftlicher Betrieb dargestellt: Es musste sich der Lebensunterhalt verdient werden, gab es doch noch nicht immer Verbeamtung und Festgehälter.

Der vielleicht bewusst etwas abseits liegende Teil Pfarrer in Mission ist sehr knapp und stellt Dinge wie ein Buch „Darf man Chinesenkinder lieb haben“ in keinerlei klärenden Kontext. Aufarbeitung verstehe ich hier vielleicht als Auftrag, das mag wohl aber nicht jeder BesucherIn so ergehen.

Für uns nun spannend wird’s natürlich beim historischen Bild der Theologiestudierenden, das dargestellt wird. Auch diese prägten die Kulturgeschichte „des Studenten“ erheblich. „In seiner Kleidung schon hebt sich der Theologiestudent von den anderen Studenten als sittlich reifer ab“, zitiere ich hier mal ungefähr aus meiner Erinnerung.

07

Orangeroter Talar das damaligen Vikars Friedrich Gehring für die Predigt zum 2. Dienstexamen in Stuttgart, 1971 © Backnang, Pfarrer i. R. Friedrich Gehring, Foto: Deutsches Historisches Museum, Berlin. Die provokante Farbe des Talars unterstrich eine Predigt im Geist der Studentenbewegung von 1968.

Im letzten Teil der grob chronologisch aufgebauten Ausstellung kommen die Studierenden schlechter weg. Es ist der moderne, politische aktive Teil des Pfarrideals, der nun dargestellt wird. Aktiv allerdings natürlich auch negativ. So wird’s tief braun, wenn der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund nun wie z.B. im „Fall Dehn“ aktiv wird und theologische Berufungen verhindert. Wir sind mitten in KG V und natürlich will man denken, dass das Aufrechterhalten eines Pfarrideals nach der Kirche im Nationalsozialismus unmöglich geworden wäre. Zu eng die Verstrickungen mit der Macht, zu leise (und ja eigentlich hilflos überidealsiert) der Widerstand. Insgesamt wohl der spannendste Teil, der mit „Spiegel“-Exemplaren zur Gauck-Wahl endet.

Die Ausstellung des Deutschen Historischen Museums lässt Fragen offen: Ist ein Leben (zeitlich) nach Luther heute immernoch ein Leben (in der Folge) nach Luther? Ja, das Bild ist so stark idealisiert, dass es sich z.B. im Bezug auf die bedauerlicherweise tatsächlich noch nicht alte Frauenordination schwer reformieren lässt. Warum eigentlich? Reform? Reformationsjubiläum? Wie sieht es aus mit dem Pfarrberuf der Zukunft? Sind nicht viele PfarrerInnen der Gegenwart traurig, wenn sie ihren Alltag mit diesem Ideal vergleichen? In den mehr oder weniger gut vorangetriebenen Reformprozessen unserer Landeskirchen wird doch eines klar: Im Pfarramt der Zukunft kann man sich kaum um jeden Menschen kümmern. „Zeit haben für andere“ mag mal eine Perspektive für PfarrerInnen des letzten Jahrtausends gewesen sein. 2013 geht’s ums Organisieren, Managen, Entertainen, wenns gut läuft und nicht zum Burnout kommen soll, bilden Geistliche vielleicht Seelsorger und vielleicht so etwas wie Verkündigungsmultiplikatoren aus.

Nun, eine Ausstellung im DHM darf ja keine undifferenzierte Antwort geben und muss zumindest Fragen aufwerfen. Das geschieht leicht, denn bevor es hinaus geht, stehen über den o.g. Gauck-Spiegeln unkommentiert Zeitungsschlagzeilen an der Wand. In etwa: „Merkel, Nietzsche und co, bildet das Pfarrhaus die deutsche Seele?“ Oje, national? Wirklich? Ok, DHM und so. Kulturrelevant, mhh? Joa, Vielleicht? Eine Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses wurde dargestellt und m.E. zumindest als gesamtkutureller Impulsgeber nachvollziehbar. Wohl aber eben nur für ältere protestantische KirchgängerInnen und nicht unbedingt für TheologInnen. Für eine eigene Berufsschau können sich PfarrerInnen dafür wahrscheinlich zu wenig wiederfinden und gute Denkanstöße, wie es weitergehen soll, fehlen ebenfalls.

Gut, ab zum Ausgang. Achja, dann im Flur noch ein paar Bilder an die Wand gebeamt, die nach „google-Suche: Pfarrhaus“ anmuten, was ja wahrscheinlich sogar für das heutige „Bild“ Pfarrhaus/-amt repräsentativ ist. Über Homosexualität im Pfarrhaus – im DHM wie bei google keine Spur.

Die Ausstellung für Theologiestudierende eine Empfehlung? Mhh. Gut, es sind keine fünf Minuten von der Berliner Theologischen der HU über die Museumsinsel hin zum DHM und wer hier zu Besuch ist, kann es wagen: Sie hält schon sehr genau, was der Titel verspricht, eine historische Ausstellung, sich nur leicht ans heute annähernd. Und es ist eben auch eine Ausstellung zur Frage, welche Kulturrelevanz das Pfarrhaus bisher hatte. Gut könnt ihr natürlich auch eure Partner mitnehmen und sie mit dem historischen Bild der „Pfarrers-Gemahlin“ schocken.  Das Potential eines Zukunftsblicks bleibt insgesamt aber unmutig vernachlässigt.

Theologie studieren heißt, in Zukunft Theologie machen, sowie eben im Regelfall auch, Pfarrhäuser beziehen. Die Frage der Ausstellung gilt somit uns: Bleibt Leben nach Luther also leben nach Luther?

www.dhm.de/ausstellungen/pfarrhaus

Schlagwörter: ,

Ein Kommentar

  1. Christopher

    Danke für diesen Einblick! Ich werde mir nächste Woche einmal selbst diese Ausstellung – ja, gemeinsam mit meiner Freundin ;) – zu Gemüte führen. Mich würde ja interessieren, inwiefern das Leben im lutherischen Pfarrhaus mit der evangelischen Verkündigung korrespondiert. Natürlich wird man das nur exemplarisch und an Details festmachen können, aber auch so etwas könnte ein Museum leisten …

Christopher antworten … Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.