Die Sterngucker von Nebra
Foto: Dbachmann GFDL; CC-BY-SA-3.0

Die Gestirne haben schon immer die Menschen fasziniert. Der Blick in den Sternenhimmel vermittelt uns den Eindruck, unendlich kleine Wesen in einem unermesslich großen Weltenraum zu sein. Ein Symbol dieser uralten Faszination ist jetzt zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt worden: Die Himmelsscheibe von Nebra.

Die viereinhalb Millimeter dicke Himmelsscheibe wurde vor circa 4000 Jahren gefertigt und zeigt, dass die genaue Beobachtung und Deutung der Natur im Kulturerbe unserer Welt immer eine wichtige Rolle gespielt hat.

Und sie ist für uns Deutsche auch ein Stück Heimat. Nebra ist nicht etwa irgendein antikes, verlorenes Tal voller Farne und Dinosaurierknochen, sondern ein kleines 3000-Seelen-Städchen in Sachsen-Anhalt.

Sonnenschiffe und Sternenkarten

Die Himmelsscheibe von Nebra

Foto: Dbachmann GFDL; CC-BY-SA-3.0

Auf der etwa tellergroßen Bronzescheibe sind goldene Sterne, ein Voll- und ein Halbmond und zwei gegenüberliegende Horizontbögen eingeprägt, Außerdem wurde (vermutlich nachträglich) noch eine sogenannte Sonnenbarke angebracht. Sie repräsentiert die Vorstellung aus dem äyptischen Kulturkreis, dass die Sonnengottheit den Himmel in einem Schiff überquert. Das ganze funktioniert als eine Sternenkarte. Korrekt ausgerichtet konnte man an den Horizontbögen erkennen, wo die Sonne im Laufe des Jahres auf- und untergehen wird (gültig für den Breitengrad des Fundorts). Es wird vermutet, dass es unseren Vorfahren mit dieser Himmelsscheibe möglich war, das Datum von Winter- und Sommersonnenwende vorherzubestimmen. Die Sonnenwenden wurden von den Menschen der Frühzeit intensiv beobachtet, und einige der ältesten Bauwerke sind zu ihrem Studium erbaut (z.B. Stonehenge und der Turm von Jericho). Sie signalisierten den Kreislauf der Natur, die Rückkehr des Lichts. Um diesen Wechsel von Finsternis und Licht ranken sich unzählige Mythen.

Die ägyptische Gottheit Re zum Beispiel wurde mit der Sonne identifiziert. Am Tage überquerte er als größtes Licht am Himmel den Horizont. Und jeden Abend, wenn die Sonne hinter dem Horizont versank, wurde Re im Westen von der Himmelsgöttin Nut verschluckt. Am nächsten Morgen wurde er dann im Schoß der Nut im Osten wieder neu geboren.

Die Azteken wiederum glaubten, dass der Sonnengott Tonatiuh nachts die Sonne durch das Totenreich bewegen musste. Um diese Anstrengung zu bewältigen, verlangte der Gott nach menschlichem Blut. Aus Angst, die Sonne würde nicht wieder aufgehen, wurden Tonatiuh regelmäßig Menschenopfer gebracht.

Die Degradierung der Gestirne

Die Bibel und die großen monotheistischen Religionen hingegen geben sich sehr zurückhaltend in Bezug auf solch abergläubige Astrologie. Die Genesis lässt zwar in Ansätzen noch das Wissen über den Kampf mit den Chaosmächten der Finsternis erkennen, dennoch zeigt das Alte Testament einen sehr nüchternen Umgang mit den Gestirnen. Sie seien keine Gottheiten, sondern Geschöpfe (Gen 1,14Hiob 9,9), gesetzt um die Zeit anzuzeigen! Gott sei es, der sie in Bewegung setzt und leuchten lässt (Hiob 9,7). In Psalm 19 heißt es:

„Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes, und das Firmament verkündet seiner Hände Werk. Ein Tag berichtet es dem anderen, und eine Nacht tut es der anderen Kund.“ – Ps 19,2f

Der Prophet Jesaja macht sich lustig über die „Sterngucker“, die meinen, Weisheit aus den Sternen lesen zu können (Jes. 47,12). Das Deuteronomium geht soweit, die Verehrung der Himmelskörper unter Strafe zu verbieten, in Abgrenzung zu den umliegenden Naturreligionen (Dtn 4,19).

Bis heute hat sich die besondere Beachtung der Sonnenwenden im Kulturgut vieler Völker erhalten. In vielen Ländern werden an diesem Tag heute noch Volksfeste gefeiert (z.B. JulfestMittsommernacht). Auch die Christen haben sich den Tag zu eigen gemacht und die Sonnenwende genutzt, um „Christus, die wahre Sonne“ zu verehren. Es ist kein Zufall, dass der Geburtstag Christi traditionell am 25. Dezember gefeiert wird.

Zum Erbe aller Kulturen gehören die Sterne aber doch. Überall auf der Welt haben Menschen zum Himmel aufgeblickt, wie auch Abraham, als Gott ihm befahl:

„Sieh gen Himmel und zähle die Sterne; kannst du sie zählen? […] So zahlreich sollen deine Nachkommen sein!“ – Gen 15,5

Die Beobachtung – die Astronomie – ist also jedem von uns in’s Herz und an’s Herz gelegt. Deshalb können wir die Himmelsscheibe von Nebra auch so sehen: Als Monument der analysierenden Wissenschaft.

Die Himmelsscheibe ist heute im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle/Saale zu bestaunen. Am Fundort in Nebra kann man außerdem das Besucherzentrum Arche Nebra besuchen.

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