Unter Heiden (4): Glatzen, Punks und junge Christen

Jetzt geht’s auch bei Unter Heiden nach unfreiwillig verlängerter Sommerpause wieder los. Inzwischen ist viel passiert: Deutschland hat gewählt, zumindest 71,5 % der Wahlberechtigten haben das getan. Unter Heiden waren es 67,6 %, Schlusslicht bei der Wahlbeteiligung war wie immer Sachsen-Anhalt mit 62 %. Das heißt, die Wahlbeteiligung unter Heiden wächst genauso schwach wie in den alten Bundesländern, nämlich ca. um 1,5 %. Kein wirklich gutes Zeichen. Was ist noch passiert? In München geht der NSU-Prozess weiter, auch wenn er in den letzten Monaten sichtbar aus dem öffentlichen Interesse gerutscht ist. Und die Deutsche Welle fragt sich pünktlich zum Nationalfeiertag: Sind die Kirchen die Verlierer der Wiedervereinigung? Derweil steigen die Gewalttaten mit rechtsradikalem Hintergrund fleißig weiter.

Unaufgenommener Kampf

Der Titel dieser Ausgabe „Glatzen, Punks und junge Christen“ suggeriert ja ein Nebeneinanderherleben, wenn nicht eine Konfrontation der angesprochenen Personengruppen. Und genauso ist es wohl auch, von Ort zu Ort unterschiedlich. Es gibt sie auch im Osten, die Punks, Skater und solche, die die Rentner gerne als „Taugenichtse“ bezeichnen. Sie bevölkern in den Städten manch schönen Platz, gehen allem Anschein zum Trotz doch einem Job nach, noch zur Schule oder leben von der Stütze. Ich halte hier ja kein Plädoyer für ästhetisch aufgewertete Innenstädte, deshalb sind mir die Punks schnurz. Denn ehrlich, wem haben die schon was getan?

Anders verhält es sich mit den Jugendlichen, die sich z.B. in der Antifa zusammentun. Über ihnen wacht das Auge des Staates besonders aufmerksam, sie sind zu Ärger aufgelegt und so etwas wie Gefährder. Nicht selten, dass sich solche Jugendliche nach einer Prügelei mit Nazis vor der Polizei noch rechtfertigen müssen – „haben sie etwa provoziert?“. Versteht mich nicht falsch, ich unterstütze keineswegs gewalttätige Aktionen. Aber die Verfolgung von linken, antifaschistisch organisierten Jugendlichen unter den Heiden (und besonders in meiner Heimat Sachsen) hat in einigen Fällen schon Orwellsche Züge. Da werden Jugendliche angeklagt und verurteilt, weil sie an Straßensperren teilgenommen haben und verbal über die Strenge geschlagen sind. Die monatelangen Gefängnisstrafen bleiben schwarze Löcher im Lebenslauf. Bewährung gibt’s hier nur für Glatzen, die nach der x-ten Körperverletzung noch eine Chance von Vater Staat bekommen. Prominentes Beispiel dieser Abschreckungskultur – denn das ist ja das Ziel, Leute vom Protest gegen Rechts abzuhalten, damit alles schön ruhig bleibt – ist wohl der Prozess gegen den Jenenser Jugendpfarrer Lothar König, der inzwischen ausgesetzt ist, und – wenn die Staatsanwaltschaft noch alle Sinne beieinander hat – wohl auch ganz eingestellt wird. Doch in seinem pressetechnischen Windschatten gibt es die Fälle, die keiner mitkriegt, weil auch die Tageszeitungen der Heiden nicht drüber schreiben.

Das Beispiel Lothar König macht aber noch etwas anderes deutlich. Den Schutz, den er in seinem Amt genießt, können andere nicht aufbringen, genauso wie das großartige Engagement der Jungen Gemeinde Stadtmitte einmalig ist. Glatzen, Antifa und … junge Christen? Sicher gibt es die, die politisch interessierten und engagierten jungen Christen, auch unter Heiden.

Junge Gemeinden nehmen an Protestmärschen teil, gehen zu Friedensgebeten (ja, die gibt es bei uns immer noch), engagieren sich für kulturellen Austausch, sammeln auch mal Spenden für Ausländer. Es ist nicht so, dass es da nichts gäbe, aber eine wirkliche Konfrontation findet nicht statt. Und von wem sollte man sie auch verlangen. Es wäre an den Kirchenleitungen gelegen, den zahlreichen Menschen, die sich in ihren Gemeinden gegen Rechts engagieren und dabei alle ihre Grundrechte ungestört ausleben wollen eine wirksame Rückendeckung zu geben. Da muss ich die Bischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland Ilse Junkermann loben, die sich gemeinsam mit vielen anderen Pfarrern und Gemeindemitgliedern schnell und unmissverständlich mit der JG Stadtmitte und Lothar König solidarisierte. Aus dem Landeskirchenamt der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens verlautete, man solle ersteinmal das Urteil abwarten, was dem Prozessverlauf nun wirklich unangemessen war. Übertreibt man es hier nicht mit dem Duckmäusertum gegenüber dem Staat? Ist der staatsanaloge Aufbau der Kirchen zum Hindernis geworden?

Hegemonie der CDU

An dieser Stelle muss ich auf die Mehrheit der Christen unter den Heiden zu sprechen kommen. Die wählen nämlich CDU. Das allein ist ja kein Verbrechen. Aber es ist gerade die Christliche Union Deutschlands, die mit einer unguten Vermengung linker und rechter Gewalt das eigentliche Nazi-Problem im Osten verschleiert. Da werden Antifa und Nazis fröhlich in einen Topf geworfen. Das alles im Zeichen einer Law-and-Order-Politik, deren Gerichtsbarkeit auf dem rechten Auge sichtbar blind geworden ist. Viele Bürger sprechen die Sätze der CDU und der wenigen Zeitungen nach: „Wir lehnen Extremismus von beiden Seiten des politischen Spektrums ab“, „Die Antifa provoziert die Rechtsradikalen, man muss die ignorieren, ihnen nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken“.

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Viele Christen, meiner Meinung nach vor allem aus dem evangelikalen Spektrum, interessieren sich kaum für die Nazis vor der Haustür. Manchem bock-konservativem CDU-Kandidaten wird es egal sein, dass neben den bibeltreuen Christen auch Rechtsextreme zu seinen Wählern gehören. Und die Thesen, die manche Evangelikale zum Thema Judenmission, Homosexualität und Familienpolitik verbreiten, findet man so auch auf der Agenda der Nazis. Hier tut Abgrenzung Not. Die NPD plakatierte im Bundestagswahlkampf „Maria statt Scharia“. Abgesehen davon, dass die Gefahr der Islamisierung Ostdeutschlands genauso gering ist, wie die Möglichkeit einer gründlichen Re-Christianisierung, scheinen nicht wenige das tatsächlich so zu sehen. Das Christentum als Mittel gegen die „Überfremdung“ (Ausländeranteil in Ostdeutschland 2011: 4,3 %) und für die Stabilisierung gut-bürgerlicher, stabiler Verhältnisse. Dass auch das Bürgertum unter den Heiden – aber auch in den gebrauchten Bundesländern – vom Rassismus unterwandert ist, wird weggewischt.

Sächsische Schweiz

Kein Artikel über Nazis im Osten ohne einen Blick in die Sächsische Schweiz, die schönste Naturlandschaft des vereinigten Vaterlands. Vor ein paar Wochen machte ein Nazi-Überfall auf eine Schulklasse in Bad Schandau Schlagzeilen. Die Hamburger Schüler waren zu einer Landheimfahrt im Elbsandsteingebirge. Sie kamen, wie so viele Touristen aus Deutschland und der ganzen Welt, wegen der schönen Natur und trotz der Nazis, die es sich hier in Stadt- und Gemeinderäten bequem gemacht haben. Immer noch ist, obwohl das in den letzten Jahren merklich besser geworden ist, der erste Reflex der Politik ein Abwiegeln und Beschwichtigen. Ja keine schlechte Presse, das schadet der Wirtschaft. Zum Glück gibt es auch hier Menschen, die sich wehren. (Zum Bericht des NDR-Medienmagazins Zapp hier entlang. Offenbar haben die Ermittlungsbehörden ermittelt, dass es sich nicht um eine rechtsextrem motivierte Tat handeln soll.)

Die Sächsiche Schweiz ist aber auch eine der Gegenden, in der die Abgrenzung nach Rechts an Grenzen stößt, die mancher Städter kaum nachvollziehen kann. Was tun gegen den lieben Nachbarn, den zuverlässigen Handwerker, den engagierten Organisator des Dorflebens, den Kirchenvorstand – wenn er sich für die NPD einsetzt? Rauswerfen, ignorieren, bekämpfen?

Ein frommer Wunsch

Ich wünsche mir für meine Kirche und die Kirchen in ganz Deutschland mehr Mut, die Nazis mit allen zu Verfügung stehenden Waffen zu bekämpfen.

„Zieht an die Waffenrüstung Gottes, damit ihr bestehen könnt gegen die listigen Anschläge des Teufels. Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Mächtigen und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt, die in dieser Finsternis herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel. Deshalb ergreift die Waffenrüstung Gottes, damit ihr an dem bösen Tag Widerstand leisten und alles überwinden und das Feld behalten könnt. So steht nun fest, umgürtet an euren Lenden mit Wahrheit und angetan mit dem Panzer der Gerechtigkeit und an den Beinen gestiefelt, bereit einzutreten für das Evangelium des Friedens. Vor allen Dingen aber ergreift den Schild des Glaubens, mit dem ihr auslöschen könnt alle feurigen Pfeile des Bösen, und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes.“ (Brief an die Gemeinde in Ephesus 6, 11-17)

Wirksam gegen Rechts vorzugehen, heißt, wenn ich dem Bibeltext folge: Auch vor Kritik am Staat, seiner Rechts- und Sozialpolitik nicht zurückzuschrecken, denn das Naziproblem im Osten ist im Kern ein soziales Problem. Die mediale Beschwichtigung durchbrechen und stattdessen die Wahrheit zu sagen. Es gibt ein Naziproblem in manchen Gegenden des Ostens. In Mecklenburg, auf dem Land in Sachsen-Anhalt und Thüringen, in manchem Brandenburger Dorf und auch im Erzgebirge und der Sächsischer Schweiz. Zu sagen: Wir wollen die Nazis nicht und wir tun etwas dagegen! Wir tragen das Evangelium der Gerechtigkeit und des Friedens auf die Straße und lassen uns von dort auch nicht vertreiben. Wir nehmen unseren Glauben und lassen uns von ihm aufbauen, als eine Kraft, die im Leben der Menschen einen Unterschied zum Guten macht. Der hilft, bevor er verlangt. Der nicht aus- und abgrenzt, sondern vereinnahmt. Der sagt: hier bei uns bist Du Zuhaus, egal woher du kommst, wie Du liebst, welche Musik du hörst, was für Klamotten du auch trägst und auch wenn Du deine Tage mit nem Sterni in der Hand auf dem Marktplatz rumkriegst.

Und es heißt, die stärkste Waffe zur Hand zu nehmen, das Schwert das Geistes. Zu scheiden, was nutzt und was schadet. Unsere Mächtigen wortgewaltig an ihre Verantwortung zu erinnern – auch an der Wahlurne – und uns selbst auffordern, das Wort gegen Nazis zu erheben. Sei es vor Ort, wenn jemand angepöbelt und in Angst versetzt wird, sei es damit, demonstrativ bei Migranten zu kaufen und sich nicht einschüchtern zu lassen, sei es daheim vor dem PC, nicht weiter wegzuschauen.

Mehr:

Das nächste Mal im November: Unter Heiden: Mauerfall

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4 Kommentare anzeigen

  1. Benny

    Ich versteh nur nicht was die Evangelikalen damit zu tun haben sollen? Sind die jetzt auch noch Schuld daran, daß es in Sachsen Nazis gibt? Ich verstehe nicht, was an einer klaren biblischen Haltung als Unterstützung für die NPD zu sehen ist. Jesus hat sich bewusst an Ausländer gerichtet (Sünderin am Brunnen, etc). Wer sich an die Bibel hält ist doch kein Nazi, oder meinst Du das wirklich?

  2. Christian

    Herzlichen Dank für diesen sehr gelungenen Beitrag zur Diskussion. Ich selber erlebe immer wieder, dass die Kirchen vor einer konsequenten Zusammenarbeit mit allen Gegnern der rechts radikalen Hetzer zurückschrecken. Das liegt meiner Meinung nach daran, dass sie eben nicht
    wie von ihnen gefordert, einladend für alle Menschen sind, sondern in ihrem eigenen Milieu gefangen. In Sachsen ist dieses Milieu sehr konservativ und CDU nah. Das zeigt auch das Ergebnis der AfD bei der Bundestagswahl auf das sie in ihrem Artikel leider gar nicht eingehen. Diese erhielt in Sachsen nämlich teilweise bis zu acht Prozent. In Sachsen ist rechtsradikales Gedankengut tief in die Gesellschaft eingewandert. Kein Wunder, dass auch in den Kirchen die Trennung des Geistes, die sie ja ausdrücklich fordern, nicht stattfindet. Bestimmte überzeugungen teilen nämlich auch viele der Christen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Christian L.

    • Ich stimme Ihnen darin zu, dass rechtsradikale Einstellungen in weiten Teilen unserer Gesellschaft anzutreffen sind. Das ist aber kein spezifisch ostdeutsches oder sächsisches Problem. Daher auch der Link an der entsprechenden Stelle im Artikel.

      Das Wahlergebnis für die AfD ist tatsächlich bemerkenswert. Vor allem weil sie ebenso soviele Wähler von der Partei DIE LINKE hat abziehen können wie aus dem rechtsradikalen Spektrum. Sie ist die neue Protestpartei für viele Bürger gewesen. Das ändert nichts daran, dass die NPD in Sachsen in den letzten Jahren Strukturen geschaffen hat, die durch ein oder zwei miese Wahlergebnisse nicht einfach so verschwinden. Es zeigt nur, dass das alte Links-Rechts-Schema hier zur Erklärung nicht mehr zureicht. Vorurteile, die wir klassisch dem rechten Lager zuschreiben, sind auch bei Bürgern vorhanden, die vermeintlich „Links“ gewählt haben.

      • Christian

        Das stimmt , aber viele Leute lassen sich ja immer noch von der NPD anstacheln, z.b. zu Demos gegen Asylbewerber. Was tut die Kirche vor Ort dagegen? Wenn sich die Kirche auf die Seite der Asylbewerber stellt, wo sie meiner Meinung nach hingehört, dann macht sie sich bei anderen unbeliebt, die sie vielleicht auch ganz gerne in die Kirche locken würde. Am Ende hat auch die Kirche einen Selbsterhaltungstrieb, der sorgt dafür, dass sie sich zurückhält wo es wirklich ernst wird.

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