Moment mal: Wer schreibt, provoziert

Eigentlich wollte ich über die Wahl schreiben. Über die Katerstimmung am Tag danach. Polemisch und herablassend wollte ich sein. Die Nichtwählenden wollte ich schimpfend kritisieren. Alles in voller Unkenntnis des Wahlergebnisses versteht sich. Am Donnerstag bereits die Menschen von Montag zu diffamieren, das kam mir innovativ vor – rebellisch, modern. Doch dann starb Marcel Reich-Ranicki. Mit 93 Jahren bewies die fleischgewordene Literaturkritik ein letztes Mal, dass sie vor nichts Halt macht. Vor keinem Buch der Welt, keinem noch so namhaften Schreiberling, noch nicht einmal vor dem deutschen Fernsehpreis. Und auch nicht vor der Demokratie.

Der Zeitpunkt des Ablebens Ranickis in seinem – wenngleich vielleicht nicht biblischen – doch zumindest gesegnetem Alter, wäre vermutlich ungedeutet geblieben, hätte er nicht dankenswerterweise Günter Grass die letzte Tinte aus der Hand genommen und folgendes zu Papier gebracht:

„Meine Damen und Herren,
Ich habe in meinem Leben, in den knapp 60 Jahren, die ich am Stück in Deutschland bin, vieeeele Wahlen erlebt […] und ich habe [in der Vergangenheit] immer für die Möglichkeit zu wählen gedankt. Und bitte verzeihen Sie mir, wenn ich offen rede, es hat mir keine Schwierigkeiten bereitet. HEUTE, bin ich in einer ganz schlimmen Situation. Ich muss auf die bevorstehende Wahl irgendwie reagieren und die Bundeskanzlerin hat mich gebeten: „Bitte, bitte, bitte… nicht zu hart.“ In der Tat: Ich möchte niemanden kränken, niemanden beleidigen oder verletzen. Nein, das möchte ich nicht. Aber ich möchte auch ganz offen sagen: Ich nehme diese Wahl nicht an.“

Marcel Reich-Ranicki also ein Nichtwähler? Einer, der sich der politischen Verantwortung durch Segnen des Zeitlichen entzogen hat? Schon der Lakedemonier Chilon wusste seinen Landsleuten dereinst das mittlerweile geflügelte Wort nahe zu bringen, über die Toten nur mit guter Absicht zu sprechen. Allein deshalb verböte es sich, dass ich ernsthaft versuchte diesen Eindruck zu erwecken. Aber auch der Lebensleistung Ranickis wegen, die es nicht verdient hat bei Richard David Precht und den ganzen anderen pseudointellektuellen Nichtwählern eingeordnet zu werden. Trivialer Blödsinn à la „die Parteien wollen doch eh alle nur das Gleiche“ wäre Ranicki nicht über die Lippen gekommen.

Ich bin mir sicher: Marcel Reich-Ranicki hätte gewählt.

Mittlerweile ist Montag. Seit gestern Abend wissen wir, wer uns die nächsten Jahre regiert. Entschieden haben werden das aber vermutlich wieder einmal weniger als 75% der Wahlberechtigten. Das wird die Übrigen nicht davon abhalten auch in Zukunft rumzujammern. Wie schlecht und verdorben die Politik ist. Wie wenig der Staat auf die Bedürfnisse seiner Bürger eingeht. Sie werden die Schuld überall suchen, nur nicht beim eigenen Versagen sich zu informieren und alle vier Jahre zwei Kreuze zu machen. Es mag überheblich und vermessen sein das anzuprangern. Mit Sicherheit ist es bequem und wenig originell.

Genauso, wie Nichtwählen.

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