„Unser tägliches Geld gib uns heute“?

Kirchengelder – Eine sachliche Debatte?

In letzter Zeit werden zunehmend Stimmen laut, die sich gegen eine Präsenz von Kirche im öffentlichen Leben schlechthin und gegen sogenannte kirchliche Privilegien äußern. Dabei wird der Kirche sogar zum Teil unterstellt, sie wolle, wie die Banken, Geld verdienen.

Es soll nicht bestritten werden, dass die Reformbedürftigkeit einiger Regelungen von Kritikern teilweise richtig erkannt wird, besonders im Bereich des Arbeitsrechts. Vielmehr geht es darum, dass eine Debatte, in diesem Fall über die Finanzierung der Kirche, differenziert, faktisch und auf der Basis von religiöser und weltanschaulicher Akzeptanz geführt werden muss. Was meist fehlt, ist der Versuch einer Kritik, die nicht einhergeht mit einer Herabwürdigung entsprechender Institutionen und Gläubiger.

Es kommt manchmal das Gefühl auf, dass gar kein echtes Interesse an einer objektiven und konstruktiven Kritik besteht. Vielmehr scheint das Thema Kirchenfinanzierung von Menschen, die dem Religiösen an sich oder dem Christentum im Besonderen ablehnend gegenüberstehen als Ventil benutzt zu werden, um dem eigenen Unmut und Unverständnis über diesen vermeintlichen Schwachsinn Luft zu machen.

Dieses Gefühl kann einen auch schnell beschleichen, liest man den Artikel von Patrick Spät. Er prangert im Zusammenhang mit dem Volksbegehren in Österreich nicht nur die kirchlichen Einnahmen über den Staat an, sondern fordert den vollständigen Rückzug der Kirche aus dem Bereich des öffentlichen Lebens. Im Folgenden sollen die Hauptargumente Späts etwas näher beleuchtet werden und einige Fakten und Gedanken zur Finanzierung, besonders in Bezug auf die evangelische Kirche in Deutschland, zusammentragen werden.

Kirchen und Religionsgemeinschaften als private Vereine?

„In weltlichen Gefilden hat sie nichts zu suchen“, so lautet auch der Standpunkt, den Spät in jüngster Zeit in Hinblick auf die Kirche in der Gesellschaft in seinem Artikel „Unser täglich Geld gib uns heute“ vertritt.

Spät fordert den Rückzug der Kirche aus der Öffentlichkeit, aber die Thesen und ihre argumentative Entstehung sind dabei nicht immer ganz nachvollziehbar. Geht es ihm im Allgemeinen um die Anerkennung von Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften als Körperschaften des öffentlichen Rechts? Dann müsste Spät konsequenter Weise auch von den jüdischen Gemeinden, der Freireligiösen Religionsgemeinschaft, der unitarischen Religionsgemeinschaft Freie Protestanten und der Alt-Katholischen Kirche in Deutschland sprechen. Oder geht es ihm um falsche Berechnungen? Oder sieht er tatsächlich die Umsetzung seiner Kritik in einer Herabstufung kirchlicher Arbeit auf die Ebene von Vereinsarbeit verwirklicht?

Jedenfalls zeigt Letzteres, der Vergleich mit einem Verein, der sich um Kaninchen kümmert, bereits, dass es schwierig ist so eine Kritik ernst, geschweige denn anzunehmen. Sind die Glaubensgegenstände Gott, Christus und Heiliger Geist etwa wirklich vergleichbar mit Kaninchen? Oder die Aufgabengebiete der Diakonie, Kranke und Bedürftig sind sie etwa mit Kaninchen vergleichbar? Von Akzeptanz und Anerkennung gelebten Glaubens und Gläubiger ist hier nichts zu spüren. Gerade bei einer Herabstufung des Glaubens auf die Ebene privater Vereine müssten auch die Konsequenzen für die Gläubigen und für die einzelnen durch religiöse Träger bestehenden Institutionen bedacht werden.

Entgegen einer Zurückdrängung religiösen Lebens, kann es auch als Bereicherung für die Gesellschaft empfunden werden, wenn mehr als die Hälfte der Deutschen ihren Glauben in die Gesellschaft einbringen können. Diese Entwicklung sollte vielmehr im Sinne einer positiven Religionsvielfalt und -freiheit ausgeweitet werden. Diese Hoffnung formulierte der EKD Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider kürzlich bei einem Interview sehr treffend:

„Aus unserem jetzigen Staatskirchenrecht wird sich – so hoffe ich – in Zukunft ein Religionsrecht für alle Religionen entwickeln, das Rechtssicherheit und Entfaltungsmöglichkeiten im Sinne der positiven Religionsfreiheit sichert – also der Freiheit zur Religion und nicht nur der Freiheit von Religion. Das tut einer Gesellschaft gut, so lange Religionen die Normen unseres Grundgesetzes achten. Denn so sehr der Glaube von einzelnen Menschen gelebt werden muss: Er ist nicht reine Privatsache, weil er den öffentlichen Raum wesentlich mitgestaltet und mitbestimmt. Wenn das in friedlicher Weise geschieht, profitiert die Gesellschaft davon.“

Staat und Kirche müssen endlich strikt getrennt werden?

Seit 1919 sind Staat und Kirche in Deutschland voneinander getrennt. Das Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften bleibt laut dieser Regelung ebenso bewahrt, wie die weltanschauliche Neutralität des Staates und ist Ausdruck der Religionsfreiheit, die das Grundgesetz garantiert (Artikel 4,1.2.). Der Staat ermöglicht den Gläubigen dadurch, ihren Glauben im öffentlichen Leben zu praktizieren, zur Geltung zu bringen.

Die Finanzierung – Staatsleistungen und Luxusprivilegien

Überwiegend finanziert sich die Kirche durch Kirchensteuern. Sie machen über 80 Prozent des Haushaltes der Landeskirchen aus. Dabei handelt es sich um einen Beitrag der Kirchenmitglieder, für dessen Eintreibung der Staat eine Provision des eingenommenen Steuerbetrags erhält. Der Staat tut dies also nicht umsonst.

Es sind grundsätzlich die finanziellen Leistungen von Bund, Ländern oder Kommunen, die auf der Grundlage allgemeinen Rechts erfolgen, von einer bestimmten Art von Staatsleistungen zu unterscheiden. Bei diesen Staatsleistungen handelt es sich keineswegs um Unsummen, sondern sie machen gerade einmal zwei Prozent der Kirchenfinanzierung aus.

Sie haben ihre Grundlage darin, dass im Rahmen der Säkularisation 1803 kirchliche Güter umfangreich enteignet wurden. Diese Güter sind überwiegend noch heute staatliches Eigentum. Damals übernahmen die Landesherren quasi im Gegenzug die Verpflichtung, die Besoldung und Versorgung der Pfarrer, wenn nötig, sicherzustellen. Es handelt sich daher um eine Art von Pachtersatzleistungen (Artikel 140 des Grundgesetzes; Artikel 138,1 der Weimarer Reichsverfassung).

Diese Regelung ist in neueren Verträgen mit den Bundesländern konkretisiert worden. Die regelmäßigen Zahlungen sollen gegen eine angemessene Entschädigung aufgehoben werden. Diese Ablösung würde jedoch eine erhebliche Einmalleistung für den Staat bedeuten, weshalb es dazu noch nicht gekommen ist.

Von diesen Staatsleistungen zu unterscheiden sind die Kostenerstattungen aus staatlichen Mitteln für die Wahrnehmung öffentlicher Aufgaben, wie z. B. den Betrieb von Kindergärten, Altenheimen oder Krankenhäusern. Diese Leistungen erhalten alle Wohlfahrtseinrichtungen.

Ferner gehören Kostenübernahmen im Bereich gemeinsamer Angelegenheiten von Staat und Kirche, wie beispielsweise Religionsunterricht, Seelsorge in der Bundeswehr oder Gefängnisseelsorge nicht zu den Staatsleistungen. Der Staat als Träger der betroffenen Anstalten und Einrichtungen sorgt für die Gewährleistung der Religionsfreiheit nach Artikel 4 bzw. den Religionsunterricht als Teil auch des staatlichen Bildungsauftrags nach Artikel 7 des Grundgesetzes. Allerdings sind auch die finanziellen Beiträge der Kirchen in diesen Bereichen sehr hoch. Die genaue Zusammensetzung der Gelder für die kirchliche Arbeit der EKD steht auf deren Homepage zum Download zur Verfügung.

Die EKD ist grundsätzlich nicht steuerpflichtig. Dabei handelt es sich nicht um ein Privileg oder eine Vergünstigung der evangelischen oder katholischen Kirche, sondern trifft auf andere Körperschaften des öffentlichen Rechts ebenso zu. Es gibt nur wenige Ausnahmen von diesem Gleichbehandlungsgrundsatz, die sich historisch und sozialstaatlich begründen und durch ihre Ausrichtung auf das Gemeinwohl legitimieren und nicht nur Kirchen oder Religionsgesellschaften von der Steuer befreien (Artikel 137, 5 Weimarer Reichsverfassung).

Die sogenannte Heidensteuer

Bei dem besonderen Kirchgeld handelt es sich um eine Angleichung an die Praxis und die Schließung einer Gerechtigkeitslücke. Letztlich entspricht es gängiger Praxis, dass auch wenn ein Partner konfessionslos ist, dieser die Institution Kirche zumindest in Teilen mit nutzt. Beispiele können der Gottesdienstbesuch an Weihnachten, die Taufe oder die Konfirmation des gemeinsamen Kindes oder schließlich Beerdigungen und Trauerarbeit sein, die häufig auch bei Konfessionslosen von Pfarrern durchgeführt werden.

 Christliche Feiertage und § 166 StGB

Schließlich verlässt Patrick Spät das Gebiet der Finanzierung der Kirche und empört sich generell über kirchliche Feiertage und den § 166 StGB.

Der Paragraph 166 des StGB, der die Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen unter Strafe stellt, erinnert Spät an „Hexenverfolgung im Mittelalter“.

Dabei lautet der Gesetzestext wie folgt:

(1) Wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
(2) Ebenso wird bestraft, wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) eine im Inland bestehende Kirche oder andere Religionsgesellschaft oder Weltanschauungsvereinigung, ihre Einrichtungen oder Gebräuche in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören.

Gerade vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus und in Anbetracht der sich immer weiter entwickelnden Vielfalt von Weltanschauungen, sollte dieses Gesetz als Grundlage für ein friedliches Miteinander und Gesetz gegen religiöse oder weltanschauliche Diskriminierung verstanden werden. Schließlich bezieht es sich nicht nur auf Gott oder Kirche, sondern auch auf alle anderen Weltanschaungsvereinigungen.

Neben diesem Gesetz beklagt Spät die christlichen Feiertage, wobei er den häufigsten christlichen Feiertag, den Sonntag, namentlich gar nicht erst erwähnt. In der Debatte wäre es zunächst von Vorteil ökonomische Gründe, wie Ladenöffnungszeiten von jenen Argumenten zu Unterscheiden, die sich auf den Wertewandel in der Gesellschaft beziehen. Spät bezieht sich in seinem Artikel besonders auf Letzteres. Dabei werden aber leider wieder keine Argumente gegeneinander abgewogen. Die Debatte ist umfangreich und kann nicht einfach mit einem Verweis auf eine angebliche Rückschrittlichkeit der Feiertagsregelung kurz abgehandelt werden. Feiertage als Ausdruck der Religionsfreiheit einer Religion, der immerhin über 50 Prozent der Deutschen angehören, Feiertage als Zeit für Familie oder Feiertage als Erholungszeit, sind nur ein Auszug an Aspekten, die in diesem Zusammenhang Beachtung finden müssten.

Letztendlich bleibt es fraglich, ob sich in Patrick Späts Forderung eines allgemeinen Religionsrückzugs in den privaten Bereich die Mehrheit der deutschen Bevölkerung wiederfinden kann. Oder geht der Trend nicht vielleicht doch vielmehr in die Richtung einer erneuten Wertebesinnung und Stärkung der vielfältigen Religionen und Weltanschauungsgemeinschaften auch im öffentlichen Leben? Der Weg dorthin wäre jedenfalls nicht eine Entrechtlichung der Kirche, sondern ein Religionsrecht für alle Religionen, das Rechtssicherheit und Entfaltungsmöglichkeiten im Sinne der positiven Religionsfreiheit sichert.

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6 Kommentare anzeigen

  1. Danke für diesen guten Artikel. Die einzige relative Schwäche ist vielleicht die Stelle, wo es darum geht, wieso man aus der Kirche nicht einfach einen Verein macht.
    Ich denke, daß viele gesamtgesellschaftliche Aufgaben der Kirche als Verein schlechter zu bewerkstelligen wären, denn als KdöR. Beispielsweise die genannte Polizei-, Militär- oder Gefangenenseelsorge. Vor allem wäre es schwieriger zu entscheiden, ob und warum nun der Kaninchenverein nicht auch Kaninchenzüchter nach Afghanistan entsendet, um Vereinsmitglieder über die Unmöglichkeit im Einsatz Kaninchen zu züchten hinwegzutrösten… (ja, blödes Beispiel, aber was besseres fällt mir grad nicht ein).
    Man müßte vielleicht thematisieren, wieso es überhaupt einen Unterschied zwischen Verein und KdöR gibt. Mit dem Wissen darum könnte man dann klarer entscheiden, wieso Kirchen dem einen und nicht dem anderen zuzurechnen sind.

    • Michael Simon

      Ein Blick nach Wikipedia hilft: „Körperschaften des öffentlichen Rechts unterscheiden sich von den Körperschaften des Privatrechts (Verein, Aktiengesellschaft, Kommanditgesellschaft auf Aktien, GmbH, Genossenschaft) dadurch, dass sie öffentlich-rechtlich organisiert sind und öffentlich-rechtlich handeln.“ Genau hier setzt die Kirchenkritik an. Die Kirche handelt öffentlich-rechtlich, d.h. sie handelt als staatliche Institution: „Eine Körperschaft des öffentlichen Rechts ist eine mit öffentlichen Aufgaben betraute juristische Person des öffentlichen Rechts…“ Damit wird die Kirche mit Polizei, Militär, Schule u.ä. gleichgesetzt. Jetzt kommt der Knackpunkt: als staatliche Institution muss sie die Interessen aller Deutschen wahrnehmen. Leider repräsentiert die Kirche aber nicht alle Deutsche, sondern nur die Christen. Es gibt aber auch noch viele Andersgläubige und Atheisten, die von der Kirche ausgegrenzt werden. Damit darf die Kirche keine KdöR sein, sondern muss als KdpR (sprich Verein) organisiert werden.

  2. SpassHeide

    Hi,
    ich bin zum Thema konfessionelle Schule auf diesen Artikel gestoßen. Man könnte diesen Artikel noch mehr und ausgefeilter sezieren, dazu fehlt mir aber die Lust und Zeit.

    „…Herabstufung kirchlicher Arbeit auf die Ebene von Vereinsarbeit verwirklicht?“

    (Das ist übrigens der Teil des Artikels, der mich am meisten geärgert hat)

    Diesen Teilsatz und den folgenden Vergleich mit einem Kaninchenzüchterverein muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.
    Ach so, Ehrenamt nicht unter dem Dach der Kirche ist also weniger wert bzw. nicht so hoch einzustufen?
    So eine ähnliche These hat ein Pfarrer in unserer Nachbarschaft auch vertreten – wäre ich nicht schon längst ausgetreten, spätestens da hätte ich mir diesen Schritt überlegt (einige haben sich daraufhin diesen Schritt überlegt – ging hier dick und fett durch die örtliche Presse).
    Gut, bei Kaninchenzüchtervereinen könnte ich es ja noch verstehen; aber bei Sportvereinen, Stadtranderholung für Kinder etc. ist das zweierlei Maß nicht angebracht. Hier handelt es sich um durchaus sehr wertvolle Dienste an der Gesellschaft, die gut funktionieren und den Kindern auch ohne kirchlichen Überbau Werte vermitteln (ja, das geht auch ohne Glaube und Kirche).
    So eine Bewertung ist ein Schlag in die Fresse (anders kann man es nicht ausdrücken) all derjenigen, die freiwillig ihre Zeit opfern.
    Passt auch zu Meisner: Kunst ohne Bezug zum Glauben/Gott etc. ist entartete Kunst….

    und jetzt zum Rest:

    „Trennung von Staat und Kirche“

    Staat und Kirche sind eben nicht strikt voneinander getrennt; z.B.:
    Konfessionelle Schulen in NRW (das sind immerhin ca. 30% der Grundschulen) werden zu 100% von der öffentlichen Hand finanziert! Im Vergleich dazu: Waldorf- und Montessourischulen müssen sich zum Teil (Ca. 15 – 20%) selbst finanzieren. Warum nicht auch die konfesionellen Schulen? Nein, da traut sich kein Politiker dran.
    Religionsunterricht als ordentliches Schulfach. Klar, ist im GG über Verträge garantiert – aber warum? Wenn andere als KdöR anerkannte Gemeinschaften ihr Recht auf Religions- (Weltanschauungs)sunterricht beanspruchen würden, wäre es in der Schule irgendwann nicht mehr zu stemmen. Religionsunterricht gehört in die jeweiligen Kirchen und nicht in die Schulen. Im Übrigen ein massiver Verstoß gegen das Gleichheitsgebot.
    Kirchenaustrittsstrafgebühr zwischen 30 und 60 Euro (das i.d.R. als wehrloser Säugling eingetreten werden ist dagegen kostenlos). Kündigungsschreiben per Einschreiben gilt nicht; als Arbeitnehmer ist man i.d.R. gezwungen, sich für den Kirchenaustritt beim Amtsgericht/Standesamt (wieso überhaupt dort? Das ist doch eine innerkirchliche Angelegenheit?) einen Tag Urlaub zu nehmen. Kinder benötigen die Unterschrift beider Eltern. Woanders reicht normalerweise die Unterschrift eines Erziehungsberechtigten.
    Rundfunkstaatsverträge, Ethikräte etc., die nur die Amtskirchen und deren kruden Ansichten berücksichtigen und vertreten. Ich höre morgens gegen 5:55 immer nur Kirche auf WDR 2. Warum nicht auch Islam, Humanisten, Pastafaris etc? Die dortigen Kirchenvertreter und die Sendungen werden zudem von meinen Gebühren bezahlt, nicht von den Kirchen.
    staatlich finanzierte Militär- und Gefangenenseelsorge (warum nicht professionelle Psychologen) ohne Rücksicht, dass mittlerweile 40% der Bevölkerung eben nicht mehr ev. bzw. kath. sind,
    Dotationen, die eigentlich lt. der Weimarer Verfassung schon längst hätten abgelöst werden sollten, stattdessen aber immer schön weiter gestiegen sind (siehe auch Finanzierung)

    Usw…

    Gerade am Beispiel Schulen und Arbeitsrecht zeigt sich die massive Privilegierung und die fehlende Trennung.

    Übrigens: als ich heldenhaft unser Vaterland verteidigen durfte, habe ich nur den staatsfinanzierten Militärpfarrer zu Gesicht bekommen (der nicht nur meiner Meinung nach ein ziemlich aufgeblasenes ….. war), nie aber einen Psychologen. Und wer aus religiösen Gründen am Standortgottesdienst nicht teilnehmen wollte (weil Atheist, Moslem etc.), der durfte als Alternative Putzdienst schieben (wobei wir wieder beim Wert vom Ehrenamt und Privilegierung wären).

    Kirchenfinanzierung:

    450 Mio. sind also keine Unsumme? Und vor allem wofür? Die Finanzierung von z.B. Meisner, Tebartz und Müller ist wohl eher fragwürdig (ok, das ist eure prominente Konkurrenz; aber bei den evangelen gibt’s auch Prasserei-Fehltritte – ich denke da so an meine Heimatgemeinde. Im Übrigen kein Einzelfall.).
    Und die Enteignung der Kirchengüter im Rahmen der Säkularisation ist ein Dolchstoß-Märchen.
    OK, die Kirchen haben Besitztümer abgeben müssen; aber auch Aufgaben (Personenstandsrecht, Schulwesen, Kranken- und Armenpflege etc), denen sie im Rahmen der sich ändernden gesellschaftlichen Verhältnisse (z.B. Industrialisierung mit den damit verbundenen Wanderungsbewegungen) nicht mehr gerecht geworden wären. Kirchturmuhren und Sturmgeläut im Krisenfall braucht heute kein Mensch mehr.
    Zudem stellt sich die Frage, wem (der weltliche Teil) der Kirche gehört. Klar, mehr oder weniger der Gemeinde. Aber was ist, wenn alle gleichzeitig austreten würden? Interessantes kirchen- und staatsrechtliches Problem…
    Ob die Besitztümer, die auf dem mittelalterlichen Feudalwesen basierten, rechtmäßig waren, darüber lässt sich auch ausgiebig streiten. Das zu Vertiefen würde den Rahmen des Kommentars sprengen.

    Meine Großeltern sind als Kriegsfolge auch enteignet worden. Weder sie noch ich als Rechtsnachfolger bekomme bzw. bekamen keine dauerhafte Entschädigungsleistungen für ausgefallene Pachteinnahmen.
    Mein Haus prägt auch das Stadtbild; die Kommune könnte sich ja dann auch an der Fassadenrenovierung beteiligen.

    „Heidensteuer“

    Kirchensteuereinnahmen sinken? Kein Problem, dann erfinden wir das besondere Kirchgeld…
    Man nimmt schließlich auch Dienste als Nicht-Mitglied in Anspruch!?

    Das stinkt einfach nach Versuch der Wahrung der Besitzstände.
    Für 1x im Leben als Säugling den Kopf gewaschen bekommen und 1x jährlich Public Viewing eines Krippenspiels (dem ich seit ca. 30 Jahren ferngeblieben bin) halte ich die ca. 900,- Euro an Kirchensteuer, die ich heute jährlich zahlen müsste, wenn ich noch drin wäre, für sehr, sehr, sehr happig! Die Ostereier sind übrigens eine heidnische Erfindung. Und von der Taufe profitiert die Kirche ja – wieder einer mehr, gegenüber dem man, im Gegensatz zum allgemeinen heutigen Rechtsverständnis zum Recht auf Selbstbestimmung, Rechtsansprüche geltend machen kann.
    Selbst die Heidensteuer, die ich zum Glück auch nicht zahlen brauche, halte ich für diese Gegenleistungen noch übertrieben.
    Und als mein Vater gestorben ist, haben wir keinen Pastor auftreiben können (mein Vater war übrigens Mitglied und hatte damit eigentlich Anspruch auf ein christliches Begräbnis), da aufgrund von Feiertagen (und Urlauben bzw. Tagungen der Geistlichen des Kirchenkreises zu diesem Zeitpunkt) es zu einem „Beerdigungsstau“ kam. Den Toten auf Eis legen ist in DE aber nicht; der muss innerhalb einer Woche unter die Erde. Die Grabrede habe ich dann gehalten.
    Ach ja, die standesamtliche, bürgerliche Heirat kann man auch festlich gestalten – dazu braucht´s keine Kirche und wird auch immer mehr gemacht.

    §166:

    Gummi- bzw. Zensurparagraph, der vor allem dazu dient, berechtigte Kritik bzw. Satire zu unterbinden, was auch schon passiert ist (Stichwort lieber befleckte Verhütungsmittel als unbefleckte Empfängnis und anderes…). Zum Glück wird er nicht allzu häufig angewendet. Manchmal wird gerade aus klerikalen bzw. konservativ-politischen Kreisen wieder eine Verschärfung gefordert. Zu welchem Zweck? Letztendlich geht es denen nur um Zensurversuche, um ihr eigenes Weltbild vor allzu kritischen Nachfragen und Aufdeckung von Widersprüchen zu schützen.
    Den Bezug zum Nationalsozialismus verstehe ich in dem Zusammenhang nicht – früher war der Paragraph wesentlich schärfer formuliert.
    Derjenige, der sich provozieren lässt, ist am Unfrieden im übrigen mitschuldig! Selbstbewusste Personen lassen sich nicht provozieren. Andere Länder brauchen den Paragraphen übrigens nicht. Wo Kirchengeläut und Muezzin nicht allzu laut sich der Gesellschaft ungefragt aufdrängen, gibt es in der Regel auch keine Beschimpfungen.

    Feiertagsregelung:

    Mittlerweile hat sich die Gesellschaft ja wohl etwas geändert. Nichts gegen gesetzliche Feiertage zum Schutz der Gläubigen, aber das Tanzverbot gehört abgeschafft. Und ob 60% der deutschen trotz Taufe wirklich als Christen zu betrachten sind, darüber lässt sich streiten (Siehe auch folgenden Punkt, an den Kommentarschreiber).
    Ich plädiere, meinen Glaubensrichtungen entsprechend, übrigens für den 4. Mai und den 19. September als gesetzliche Feiertage, an denen, verpflichtend für jeden, Lichtschwertkampf und gemeinsames Nudelessen bzw. öffentliches Biertrinken angesagt sind. (Wobei, nach Kirchenrecht bin ich immer noch Christ weil mir irgendwer ein, vielleicht aus Nudelsauce, unauslöschliches Siegel auf die Stirn gedrückt hat – Gröl vor Lachen und auf dem Boden herumwälz!!! Oh, jetzt höre ich mal auf, sonst §166).

    Merkt Ihr was?
    In der heutigen Zeit sind viele Regelungen, die aus einer Zeit stammen, wo >95% der Bevölkerung mehr oder weniger freiwillig und widerspruchslos von oben her zwangsverchristet waren, einfach nicht mehr haltbar. Politik und Kirchen schieben allerdings mit dem Hintergrund Wahrung der Besitzstände nötige Änderungen vor sich her, bis es durch gesellschaftliche Entwicklungen (unter anderem Säkularisierung 2.0 und Patchwork- und Beliebigkeitsreligionen) immer mehr zum massiven Reformstau kommt, was die Kirchen in absehbarer Zukunft wahrscheinlich noch mehr in gewaltige Schwierigkeiten bringen wird.

    Ach ja, an den Kommentarschreiber: bei der Militär- und Gefängnisseelsorge treiben sich hier vorwiegend Hauptberufliche herum – nix Ehrenamt!
    KdöR: Wikipedia; nicht nur Kirchen, auch andere Organisationen können KdöRs werden. Ob dieser Status in deren Sinne wären, sei dahingestellt.
    Für unsere großen Amtskirchen ist es allerdings ein gewaltiger (psychologischer) Vorteil, weil sie damit unter anderem durch die Steuer als quasi staatlich „rüberkommen“ (siehe auch Pkt. Strikte Trennung von Staat und Kirche). Für große Teile der Bevölkerung erscheint dadurch immer noch Kirche = Staat, aus der man nicht so einfach austreten kann/sollte.
    Meinetwegen dürfen Kirchen KdöRs sein. Auch dürfen sie Steuern statt Mitgliedsbeiträge erheben. Und sie dürfen auch einen Teil unserer Gesellschaft bilden. Damit habe ich kein Problem. Aber mit den Privilegien und damit, dass sich Rechtsansprüche daraus ableiten, dass Eltern ihre Religion an ihren Kindern ausgeübt haben, habe nicht nur ich ein sehr großes Problem.

  3. Sebastian Schumacher

    Der Königsweg, bestimmte Weltanschauungen aus der Öffentlichkeit verschwinden zu lassen, ist, ihre Anhängerschaft schwinden zu lassen und ein attraktiveres Angebot zu schaffen. In diesem Sinne sollten Atheisten, Freidenker und co. nicht versuchen, den Kirchen ein Beinchen zu stellen, sondern lieber für ihre eigene Position werben. Schon Überzeugte sollten sich in den einschlägigen Verbänden engagieren, allen voran der Humanistische Verband Deutschland (HVD). Ansonsten ist es mit dem öffentlichen Raum, wie mit den Wahlen: Wer sich nicht die Mühe macht mitzubestimmen, überlässt das Feld den wenigen engagierten Gruppen, in diesem Fall den Christen.

    • Sebastian Schumacher

      Was die Feiertage angeht, so bin ich entspannt. Ich deute mir meine freien Tage, wie es mir passt: Für mich ist Weihnachten einfach ein Wintersonnenwend- und Familienfest, Ostern ein Frühlingsfest usw. Ich brauche also nicht unbedingt weitere oder andere „weltanschaulich neutrale“ Feiertage. Nur den erhobenen Zeigefinger der selbsternannten Abendlandsbewahrer kann ich nicht mehr sehen, die uns ermahnen, wir sollten doch wieder zum vermeintlichen „christlichen Kern der Feste“ zurückkehren: „Aha, in die Kirche willst du nicht, aber den Feiertag willst du doch in Anspruch nehmen!“ Die Feiertage sind aber kein Geschenk der Kirchen unter Vorbehalt, sondern stattlich und an keine Bedingung gebunden.

  4. Spassheide

    Dass in unser immer mehr pluralistischen Gesellschaft das Verhältnis von Staat und Kirche überarbeitet werden muss ist mittlerweile auch bei den Grünen und damit in der etablierten Politik angekommen. Insofern ändert sich schon etwas in unserer Gesellschaft. Und selbst bei den C-Parteien wird in 10…15 Jahren durchgesickert sein, dass ihre Wählerschaft sie nicht unbedingt wegen des Cs im Namen wählt. (Wobei diese Entwicklung wohl weniger dem wachsenden Anteil an konfessionsfreien in der Bevölkerung geschuldet oder der Arbeit des HVD zuzuschreiben ist sondern vielmehr der schmerzlich bewusst gewordenen Erkenntnis, dass Religionen doch nicht immer nur Friede, Freude, Eierkuchen sein können.)

    „Beinchen stellen“ – ich würde es eher als Stichelei bezeichnen – ist aber notwendig, um die Probleme, die sich aus dem spätestens seit dem Mauerfall überholten Staat-Kirchen-Verhältnis ergeben, publik zu machen und anzugehen. Als Beispiele dienen da nun mal z.B. die „stillen“ Feiertage, wo – speziell im Osten – allen Anders- bzw. Nichtgläubigen gesetzliche Regelungen übergestülpt werden, deren Gründe sie nicht nachvollziehen können und für sie auch nicht gelten und sich selbst viele Kirchenmitglieder genaugenommen auch nicht mehr daran halten. Dazu zählen auch die formaljuristisch vielleicht korrekten, nichtsdestotrotz moralisch fragwürdigen Regelungen, wie z.B. die ewigen Entschädigungsleistungen, Bischofsgehälter, Prozesskostenbefreiung, dem besonderen Arbeitsrecht, die unmündigen Täuflingen übergestülpte Mitgliedschaft und auch die nach Konfessionen getrennten theologischen Studiengänge.

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