Gedanke – ein Gedicht zur Schöpfung

Manchmal kann man über theologische Texte keine gelehrten Abhandlungen über zwanzig Seiten schreiben. Nein, eigentlich kann man das schon, aber ich will es nicht immer. Es folgt also die Schöpfung in Gedichtform, oder ein Gedicht zur Schöpfung. Habt Freude damit.

Dunkelheit. Wabernde Dunkelheit.
Und Stille.

Da schießt aus dem Nichts ein Gedanke hervor.
Breitet sich strahlengleich über alles aus,
denkt, betrachtet, erhellt:

Wasser wird Wasser.
Himmel wird Himmel.

Berge erheben sich.
Aus den Tiefen kommen die Quellen –
werden breiter, werden reißend, werden Fluss, werden Meer.

Der Boden so grau, so braun und so rot – ehemals tot
wird grün wie die Hoffnung. Gräser und Bäume und Sträucher und Blumen.
Der Gedanke zieht weiter.

Nun leuchtet der Himmel im strahlenden Schein, brennend und heiß –
ganz anders als Wasser,
doch manchmal  noch kühl und silbrig und spiegelnd  –
ganz wie das Wasser
brennende Punkte flüstern –
erzählen von Orten und Abenteuern, die doch nur Gedanke sind.

Da erwachen die Tiere:
Der Löwe so groß und so mächtig – er weiß, was er ist.
Die Kakerlake so klein und robust – sie weiß, was sie ist.
Vom Einzeller zum Elefanten, sie alle erwachen und fressen und schlafen
– wissend was sie sind.

Nun ganz zum Schluss stehen da Menschen in strahlender Pracht.
Als Teil des Gedankens
so vielfältig, so wunderbar.
Nicht sicher, was sie sind.

Nun ist Zeit des Ruhens, Zeit des Jubelns. Tag des Feierns – Feiertag.
Erstrahle, oh Welt, im Glanz des Gedankens!

Doch da, was ist das? Der Träumer erwacht. Der Gedanke verschwindet.

Da vergehen
die Menschen in  ihrer Unsicherheit,
die Tiere in ihrer Sicherheit,
die Gestirne, flüsternd von fernen Welten,
Sonne und Mond, in ihrem Spiegelspiel –
Sie alle vergehen.

Da welken die Blumen, die Gräser, die Sträucher,
werden erst gelb, dann braun, dann grau wie die Erde.

Da werden die Meere dünner und kleiner,
werden Flüsse, werden Quellen, werden begraben unter den zusammenfallenden Bergen.
Das Wasser wird Himmel.
Der Himmel wird Wasser.

Am Ende ist nichts als Dunkelheit. Wabernde Dunkelheit.
Und geduldige Stille.
Wartend
auf den nächsten Gedanken

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2 Kommentare anzeigen

  1. Opa Joachim

    Ja, so ist das mit den Gedanken, die einer träumt. Wenn man dann erwacht, ist manchmal noch was bewußt, aber oft ist alles weg. Du hast einen Traum als literarischen Wachtraum aufgeschrieben. Der ist aber zu Papier gebracht nicht weg, sondern erfreut sich nachgelesen werden zu können. Dann muß er aber nicht negativ enden. Du kannst Dich also weiterhin an Deinem Wachtraum freuen. – Ich freue mich auch. Liebe Grüße Opa Jo

  2. Ein angenehm vielschichtiges Gedicht. Erfreulich untheologisch, undogmatisch. Und doch religiös.
    Vielleicht ist Träumen die einzige, die einzig reale Form des Seins. Und Aufwachen das Hinabfallen ins nicht-selbst-Sein: nicht mehr Gleicher unter Gleichen sein, sondern oben sein, Krone sein, weit entfernt von den anderen sein, sie aus dem Blick verlieren und einsam sein. Nicht träumend, sondern überlegend überlegen sein.
    Und das, obwohl der Träumende Teil des schöpferischen, göttlichen Gedankens ist.
    Was mag die Lösung sein? Tagtraum, Nachtgedanken?
    Ich kann bei deinem Text grad nicht anders als unschlüssig sein, auf dem Weg sein und vielleicht auch zu Hause sein: zwischen den Stühlen und dadurch ganz bei mir.

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