Moment mal: Jesus lebt!

Samstagnachmittag. Eine größere Stadt, irgendwo im Westen Deutschlands. Auf einem Platz steht in der Mitte ein Holzkreuz. Daneben ein Klappstuhl, darauf sitzt ein junger Mann mit Bart und Kapuzenpulli, grinsend, aber alleine.

Wenige Minuten später in der Fußgängerzone: über den Menschenmassen schwebt ein Schild. Blau. Mit weißer Schrift darauf der Satz: „Jesus lebt!“ Nahezu unbeachtet läuft sein Träger durch die Menge. Mit seiner kurzen Jeanshose und den weißen Tennissocken wirkt er nicht gerade wie jemand, der es gewohnt ist, von interessierten Menschentrauben umzingelt zu sein, die gebannt darauf hören, was er zu sagen hat.Als ich am nächsten Abend, zurück in meiner Heimatstadt, auf den Bus warte, hängt dort ein Plakat. Gleiche Schrift wie auf dem Schild. Auch hier lautet die Botschaft: „Jesus lebt!“ Darunter eine Hand mit einem Buch: „NT – Das Neue Testament“. Und die klare Aufforderung: „Lies es… und lebe danach!“ Nur wenige Zentimeter darunter heißt es: „Bekehr Dich!“ Und rundherum dann klein und grau all die Sünden, von denen man sich abwenden soll um Jesus nachzufolgen: „Fressen“, „Zigarretten“ [Rechtschreibfehler im Original], „Fernsehen“, „Modische Kleidung“, „Instrumental-Musik“, „Koffein“, „Alkohol“ – Oh Gott, hab Erbarmen mit mir Sünder! Und natürlich mit Jesus, dem „Fresser und Weinsäufer“ (Mt. 11,19).

Ein ganz normales Wochenende, irgendwo in Deutschland. Sicher, ich bin auch an mancher Kirche vorbei gelaufen, imposante Gebäude waren das. Ich habe auch ein katholisches Altenheim gesehen und die Bahnhofsmission. Aber das, was mir vom Christentum ins Auge stach, waren die Ausrufezeichen. Und das riesige Kreuz.

Plakate, die zur Bekehrung aufrufen

Foto: Tim Wendorff

Ich habe ja gar nichts einzuwenden gegen das Kreuz, für mich als Christ ist es nicht nur ein Zeichen der Folter und des Todes, sondern auch der Hoffnung und der Auferstehung. Aber das weiß ich als Glaubender, das steckt nicht allein in dem Symbol. Dass Jesus lebt, das ist für mich eine Glaubenswahrheit, wenn auch eine, die schwer zu begreifen ist. Umkehr, Nachfolge… Begriffe, die immer mal wieder irgendwie eine Rolle spielen in meinem Leben. Nur: Wer lässt sich davon ansprechen, der nicht weiß, worum es geht? War es das, was Jesus meinte, als er seinen Jüngern den Missionsbefehl mit auf den Weg gab? Als er aufforderte das Evangelium, die Gute Nachricht, zu verkünden, meinte er da eine Verbindung von unverständlichen Symbolen und Floskeln mit Anklagen und Ausrufezeichen? Macht man so zu Jüngern alle Völker (Mt 28,19) – oder doch nur sich selbst zum Affen?

Erst habe ich mich darüber geärgert, dass samstagnachmittags den Freaks das Feld in der Fußgängerzone überlassen wird. Dass diejenigen, für die das Christentum eben nicht frohe, befreiende Botschaft, sondern v.a. ein Lasterkatalog ist, meinen Herrn Jesus Christus für sich vereinnahmen können, unwidersprochen. Aber es war Samstagnachmittag. Die Sonne schien. Ich habe dann ein Eis gegessen.

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9 Kommentare anzeigen

  1. Ich frag mich ja immer, wieso die Ausrufezeichenfraktion diese „Missions“aktionen immer ganz schnell auf die Beine stellt, aber „normale“ Christen wie Du und ich uns da eher im Hintergrund halten. Wo macht denn die (Landes)kirche noch Mission statt PR?

    • Eva-Katharina WellEva-Katharina Well

      Da stellt sich die Frage, was du unter Mission verstehst. Ist nicht schon das tägliche Angebot einer Kirchengemeinde auch eine Art Mission? Oder wenn du es öffentlicher haben willst: die Sendungen in Fernsehen und Radio? Oder wenn du es persönlicher haben willst: Geburtstags-, Kranken- und andere Besuche? Und auch hier ist nicht jeder offen für: aus Rücksicht auf die Anwohner schränken immer mehr Städte und Gemeinden das Glockenläuten ein in Zeit und Dauer. Im Frühjahr habe ich die Schifferseelsorge bzw. Schiffermission kennen gelernt. Als ich im Familienkreis darüber berichtete gab einen (einzelnen) Aufruf der Entrüstung, dass der Besuch der Schifferfamilien auf ihrem Schiff ein Eindringen in deren Privatssphäre sei. Also, auch wenn die Mission nicht so offensichtlich ist, wie die Ausrufezeichenmission, ist sie nicht doch auch da? Wo fängt Mission an? Und wo hört sie auf? – und wie weit darf sie gehen?

  2. Ich denke, daß man einerseits sehen muß, daß man zwar wahrgenommen wird, aber nicht aufdringlich wirkt. Von wegen Eindringen in die Privatsphäre…
    Und dann eben, wenn der Kontakt da ist, nicht mit einer Lehre erschlagen (glaub das und Du kommst in den Himmel, aonsonsten in die Hölle)…
    Besuchsdienst könnte etwas sein. Aber ist der wirklich missionarisch ausgelegt? Und tut das nicht vor allem der Pfarrer?
    Gehen, außer bei Jehovas Zeugen, wirklich Menschen zu anderen Menschen hin zu Besuch und reden über ihren Glauben?
    Die Mission mag da sein, aber eher zufällig. Wirkliche Konzepte in dem Bereich kenne ich nicht. Und Missionsgesellschaften, die sich damit befassen, gibt es auch nicht. Was spräche gegen eine Missionsgesellschaft eben auch für Deutschland? Innere Mission 2.0 sozusagen. Aber eben mit einer vertretbaren, reflektierten Theologie…

  3. Wie oft man sich doch an solchen Aktionen als Christ stößt…. nunja als Landeskirchlicher ist einem so etwas sicher sehr fremd, aber wenn man sich darüber ärgert hat es doch auch etwas erreicht, oder nicht? Ärger bringt einem zum Nachdenken, zudem dieses Ärgernis ja vor allem denen gilt die sich eigentlich nicht daran stoßen sollten (wie Pauluas im 1. Kor. 1,23 es als Ärgernis für die Juden darstellt).
    Es bleibt natürlich die Frage, ob es wie oben geschildert noch zeitmäßig ist, aber sein Recht hat es, da ja die Christenheit so verschieden ist und dementsprechend auch verschiedene Ansätze hat, auf Jesus hinzuweisen. Zudem glaube ich, dass bei einer Umfrage die Menschen eher etwas von solchen Aktionen mitbekommt, bzw. schon miterlebt hat, als persönliche Besuche durch die Pfarrei o.ä.
    Ich würde eher dazu tendieren, dass man sich zum Affen macht sich über konservative aufzuregen und diffamieren zu wollen, denn das zeugt letztendlich von schlichter Überheblichkeit. Zumal man ja dann auch wenigstens mit solchen Christen einmal in’s Gespräch kommen könnte und den Diskurs suchen, aber das wäre ja dann wieder zu viel verlangt, stattdessen schreibt regt man sich lieber auf einem Blog ab, …. klingt irgendwie erbärmlich ;)

    • Ich glaube es ging hier weniger um die Kritik an der Form (Aktion in Fußgängerzone) sonder viel eher um Inhalte. „Modische Kleidung“ und „Instrumental-Musik“ in einen Sündenkatalog aufzunehmen ist nämlich nicht etwa konservativ, sondern in vielerlei Hinsicht Schwachsinn.

      • Für „solche“ Gruppen fallen aber eben oft Form und Inhalt zusammen und das sollte einem klar sein…und kurz zur „modischen Kleidung“, wie schaut’s denn aus wenn Frauen wie die sogenannten VIP’s der Mode nachrennen und versuchen auf Teufel komm‘ raus dürre (oft nur durch Magersucht erreichbar) zu werden, oder sich kleiden als würden sie alles nehmen was bei 3 nicht auf den Bäumen ist (gegenüber der Verantwortung zu du sollst nicht begehren…)

  4. Kleemann Jürgen

    ich bin Christ Seit 2006 und mir geht es gut
    das ist eine gute sache Christ zu sein
    ich heise Jürgen und ich Liebe Jesus sehr
    Ich in eine Mennomiden Gemeinte
    zu zeit Bauen wir an ein neues Gemeite Haus
    ist schon fast fertig
    Gottessegen
    Jürgen Kleemann

  5. Samuel Zacharias

    Ein guter Beitrag, ich denke da hat jemand die „Gute Nachricht“ falsch verstanden.
    Jesus ist für uns am Kreuz gestorben, weil er uns liebt.
    Wir dürfen uns am Leben erfreuen, Gott hat uns diese Welt nicht gegeben damit wir in Trauer leben und uns ein Joch nach dem anderen auferlegen.
    Wir Christen haben eine Verantwortung unseren nächsten gegenüber, das stimmt,
    aber wenn wir wirklich evangelisieren, brauchen wir dafür den heiligen Geist.
    Wir Menschen sind fehlerhaft, wie man an dem Beispiel oben gut sehen kann, aber nicht mit dem heiligen Geist ;)
    Seid mächtig gesegnet!

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