Von Giftgas, christlichen Werten und dem Mut zum Handeln

In Syrien herrscht Krieg, Bürgerkrieg – seit zweieinhalb Jahren. Über 100.000 Menschen sind der Gewalt bislang zum Opfer gefallen. In Worten: einhunderttausend Menschen! Über sechseinhalb Millionen Syrer, darunter eine Million Kinder, sind auf der Flucht. Syrien stirbt – langsam und qualvoll. Und die Welt schaut dabei zu.

Ein Kommentar von Henning Menke, Hamburger Student der Evangelischen Theologie, als zustimmende und weiterführende Reaktion auf den Videokommentar „Wir müssen in Syrien handeln“ von chrismon-Chefredakteur Arnd Brummer.

Erinnern Sie sich noch an den Kirchentag in Dresden 2011, an den vielumjubelten Auftritt einer Ex-Bischöfin, an ihre Worte und die emotionalen Reaktionen darauf? Getragen von einer schier endlosen Welle der Sympathie hatte Margot Käßmann – nach Martin Luther und Dietrich Bonhoeffer vielleicht der (!) große „Popstar“ des deutschen Protestantismus – in Bezug auf den schrecklichen Krieg in Afghanistan verlauten lassen, es sei „besser mit den Taliban zu beten, als sie zu bombardieren“. Der umgehenden und lautstark bekundeten Zustimmung einer überwältigenden Mehrheit der 5000 zumeist evangelischen Zuhörer in der Dresdener Eisarena folgte nur wenig später harsche Kritik an Käßmanns Äußerungen aus der deutschen Politik. So stellte beispielsweise Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière zwar die Wichtigkeit von Gebeten deutlich heraus, „praktische Politik“ könnten diese jedoch nicht ersetzen. Unter dem Eindruck eines erneuten Anschlags auf die Bundeswehr, bei dem ein weiterer deutscher Soldat ums Leben gekommen war, machte der CDU-Politiker damals deutlich: „Vor Gewalt darf man nicht weichen.“

Als Käßmann und de Maizière mit ihren Stellungnahmen im Juni 2011 eine langwierige, öffentlich geführte Diskussion über die als blauäugig oder populistisch verunglimpfte Forderung zum Gewaltverzicht angestoßen hatten – der evangelische TV-Journalist und Diplomtheologe Peter Hahne hatte gar von „weltfremd-naiver Friedenslyrik“ geschrieben –, war der Bürgerkrieg in Syrien schon seit einigen Monaten in vollem Gange. Damals wie heute standen und stehen wir vor unzähligen, bisher ungeklärten Fragen, deren Beantwortung einzig und allein den Frieden zum Ziel haben darf.

Seit die Weltöffentlichkeit vor wenigen Tagen davon erfahren hat, dass es einen Giftgasanschlag auf Teile der syrischen Bevölkerung gegeben hat, bei dem – je nach Quelle – hunderte bis weit über 1000 Menschen qualvoll gestorben sein sollen, scheint ein militärisches Eingreifen des politischen Westens unumgänglich geworden zu sein. Noch besteht zwar die theoretische Möglichkeit, das Regime von Staatspräsident  Baschar al-Assad durch weitere Sanktionen auf den friedlichen Weg diplomatischer Verhandlungen zurückzuführen, doch die Äußerungen aus Großbritannien, den Vereinigten Staaten oder Frankreich lassen Gegenteiliges vermuten. Klar zu sein scheint: „Phantasien für den Frieden“, wie sie Margot Käßmann schon in ihrer umstrittenen Weihnachtspredigt von 2009 für Afghanistan gefordert hatte, sind in der Syrienfrage nicht mehr vorstellbar.

Dabei war und ist die Lage im angesprochenen Afghanistan oder auch dem Krisenherd Irak eine völlig andere, als jene, die sich uns derzeit in Syrien darstellt. Ein denkbarer Militärschlag dürfte nicht etwa einer Invasion und einem langwierigen Kriegsgeschehen gleichkommen. Nicht das Einmischen in einen Bürgerkrieg einer scheinbar fernen Nation steht im Zentrum der Diskussion, sondern vielmehr die Reaktion auf das Überschreiten einer von US-Präsident Barack Obama politisch zwar äußerst unklug gezogenen, historisch jedoch längst verankerten Roten Linie: der Einsatz von Giftgas. Aufgrund vieler schrecklicher Vorkommnisse des vergangenen Jahrhunderts – u.a. des Gaseinsatzes französischer und deutscher Truppen im Ersten Weltkrieg – sind Entwicklung, Herstellung, Besitz, Weitergabe und Einsatz chemischer Waffen durch die Chemiewaffenkonvention als internationales Übereinkommen der UNO seit 1997 verboten. Sollten die nach Syrien beorderten Inspektoren der Vereinten Nationen also bestätigen, dass der Gasanschlag bei Damaskus tatsächlich von Assad ausgegangen ist – worin sich die meisten Experten bereits jetzt einig zu sein scheinen –, wird der Kriegseinsatz ohne Zweifel beschlossen und durchgeführt werden. Es wird aller Voraussicht nach zu militärischen Nadelstichen kommen, die das Regime schwächen und vor weiterem Chemiewaffengebrauch warnen sollen. Assad endgültig zu stürzen, dürfte dagegen keine wirkliche Zielsetzung der angreifenden Mächte sein.

Die Frage nach dem Für und Wider eines Militärschlags sollte dabei immer auch auf dem Fundament persönlich christlicher Werte gestellt werden. Natürlich kann man sich nicht auf Jesus berufen und zugleich mit dem tödlichen Säbel des Krieges rasseln. Niemals wieder dürfen Waffen im Namen des Glaubens oder der Religion ins Feld geführt werden, wie wir es schon so oft im Laufe der Geschichte erleben mussten und dennoch leider weiterhin erleben. Natürlich hatte Frau Käßmann mit ihren genannten Äußerungen von 2009 und 2011 recht. Grundsätzlich wollen wir keinen Krieg. Als Christen kämpfen wir für das Leben und glauben, den Tod durch Jesus Christus überwunden zu haben. Doch selbst wenn wir auf das Wirken des Heiligen Geistes in dieser Welt vertrauen sollten, was ich uneingeschränkt tue, dürften wir niemals die Augen vor der gegenwärtigen Realität verschließen. Unmenschlichkeiten, Grausamkeiten und Verbrechen existieren. Als freie und im besten Sinne gerechtfertigte Menschen haben wir daher die Pflicht, Brüdern und Schwestern auf der ganzen Welt zur Seite zu stehen und zu handeln. Diesen Mut sollten wir nach reiflicher Überlegung und Abwägung der Alternativen aufbringen können.

Beten und Handeln müssen dabei nicht nur dieser Tage Hand in Hand gehen. Es gilt, stets die Gesamtlage der Spannungen des Nahen Ostens im Blick zu behalten. Wie lange kann der Libanon, von europäischen und deutschen Geldern unterstützt, die massiven Flüchtlingsströme noch tragen? Wie lange reicht es noch aus, die syrische Opposition und deren Verbündete mit Waffen zu beliefern, wenn Russland, China, Nordkorea und der Iran selbiges doch für die Regierung tun? Oder verlängert all das nur die Leiden, zumal sich längst auch ausländische Terroristen unter das für Freiheit kämpfende Volk gemischt haben? Wie positioniert sich Saudi-Arabien als politisch wichtiger Stabilisator der Region? In wieweit gerät Israel durch das Handeln des Westens weiter in Bedrängnis? Und vor allem: Wie reagiert die NATO, falls Assad erneut die Türkei beschießen sollte? Käme es in einer solchen Situation zum Bündnisfall, wäre auch Deutschland verpflichtet, den NATO-Partner Türkei zu verteidigen. Bei diesem Szenario gäbe es politisch keinen Spielraum mehr. Ein weiterer Militäreinsatz wäre unumgänglich. Soweit sollten wir es nicht kommen lassen.

Wer sich nun geographisch fern des syrischen Bürgerkrieges hinter der sympathisch christlichen „Du sollst nicht töten“-Haltung verstecken mag, möge sich doch bitte an den Zweiten Weltkrieg zurückerinnern. Wo stünde die Welt heute, wo Europa, wo Deutschland, hätten nicht US-Amerikaner, Briten, Kanadier und andere mutig in den Krieg eingegriffen, um die Menschen zunächst vom Nationalsozialismus zu befreien und später die weitere Ausbreitung des Kommunismus‘ zu verhindern? Eine solche Realität möchte ich mir gar nicht erst ausmalen und komme daher gemeinsam mit Arnd Brummer zu dem bedauerlichen aber unumgänglichen Schluss, dass es leider Situationen im Leben geben kann, in denen ein militärischer Einsatz „nur die zweitschlechteste Lösung ist“. Wenn mein Herz auch für die Haltung Margot Käßmanns schlägt, muss ich Herrn Brummer doch beipflichten, wenn er sagt: „Die schlechteste Lösung ist, gar nichts zu tun. […] Man kann nicht akzeptieren, dass ein Diktator Vernichtungswaffen gegen die eigene Bevölkerung einsetzt.“

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Ein Kommentar

  1. Käßmann wollte ja nicht nichts tun. Sie wollte Beten. Das mag zwar von vielen nicht als ausreichend empfunden werden, wenn man nicht den Nutzen ganz negiert und Beten für frommes Nichtstun hält.
    Ich bin sicherlich kein Pazifist, und ich verstehe, daß man das Gefühl verspürt, es müsse was getan werden.
    Aber wie beim Afghanistan Krieg und später im Irak will ich auch hier vorher genau wissen, oder zumindest ein Konzept sehen:
    Was wird mit dem Einsatz bezweckt? Welche Ziele hofft man mit welchen Mitteln zu erreichen? Und inwiefern ist das dann besser als der aktuelle Status Quo?
    Außerdem frage ich mich, inwieweit man anderweitig die Auswirkungen des Krieges lindern kann. Wenn der Libanon unter den Flüchtlingen erdrückt wird, wieso holen wir sie nicht hierher? Dazu müßten wir freilich unseren Umgang mit Asylanten allgemein überdenken, sehr gastfreundlich sind wir bei Leibe nicht.
    Auch humanitäre Hilfe in der Religion, soweit beim Kriegsgeschehen möglich, ist wichtig. Gespräche mit den Konfliktparteien, Vermittlungsversuche. Kurz vorm Irakkrieg gaben sich die Diplomaten bei Saddam die Klinke in die Hand. In Bezug auf Assad fällt mir das zumindest nicht auf. Zumindest mir ist absolut unklar, was die einzelnen Konfliktparteien wollen, ob es Bedingungen gibt, unter denen sie das Kämpfen einstellen würden etc etc.
    Militäreinsätze beenden keinen Krieg, wenn sie nicht mit der nötigen Konsequenz und dem nötigen Aufwand durchgeführt werden. Weder Afghanistan noch der Irak sind heute Inseln des Friedens. Gleiches gilt für Lybien (wobei man da auch nicht mehr viel hört).
    Wenn die Alternativen Gottesstaat oder Assad-Diktatur sind, dann wäre es wohl am gescheitesten, die Opfer zu evakuieren (wie viele Einwohner hat Syrien?) und die Betonköpfe einander zu überlassen.
    Freilich geht das auch nicht zu 100%, aber wieso nicht mal andenken?

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