Moment mal: Das Vaterunser und das Kollektiv

Am Sonntag war Taufgottesdienst. Während des Vaterunsers begann irgendwo im Bauch der prall gefüllten Kirche ein Baby zu weinen. Ich konnte es ihm nicht verübeln.

Ich meine – habt ihr da schon mal mit Verstand mitgehört? Dutzende Menschen, die in dieser merkwürdigen monoton-religiösen Tonlage unisono Sprüche rezitieren. Das kann durchaus – sagen wir mal – einschüchternd wirken.

Ich persönlich muss deshalb dabei immer an die fiesen Borg aus Gene Roddenberrys Star Trek denken. Die Ähnlichkeit mit einer Sonntagsgemeinde ist nicht zu leugnen. Seht selbst: (auf Englisch, aber es geht ja ums Prinzip)

Die Borg des Star Trek-Universums bilden ein sogenanntes Kollektiv, eine Art Schwarm. Die einzelne Drohne ist irrelevant, alles was zählt, ist das Wohlergehen der Gesamtheit aller Borg, des Kollektivs. Dabei wird jeder Individualismus unterdrückt – „Wir sind die Borg. Widerstand ist zwecklos.

Unser Vater im Himmel

Im Gottesdient ist es doch ähnlich. Als Gemeinde stehen wir vor Gott „wie ein Mann“ (Nehemia 8,1). Ich hoffe aber, dass wir noch nicht so weit assimiliert sind, dass wir unsere Individualität aufgegeben haben. Das Reich Gottes ist schließlich kein Kollektiv, sondern eine Familie. Und wir müssen keine willenlosen Drohnen sein, sondern dürfen Kinder Gottes heißen.

Deshalb können wir uns das Vaterunser zu eigen machen: Wir reden zwar als Gemeinde zusammen, aber in Gottes Antwort wird jeder als Persönlichkeit wahrgenommen.

Aber ein wenig gruselig klingt es trotzdem…

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3 Kommentare anzeigen

  1. Ach, ich find das eigentlich immer schön, hat was von Zusammengehörigkeit. Aber die Borg sagen das ja auch in manchen Enterprise Folgen, daß die Stimmen des Kollektivs ihnen Geborgenheit oder so vermitteln.
    Ich denke beides: Kollektiv und INdividualität hat in der Kirche seinen Platz, denn wir sind einerseits EIN LEIB, andererseits aber auch jeder für sich von Gott geliebt und angenommen, so wie wir individuell sind…

  2. Christopher

    Ich habe neulich in Sanctorum Communio, der Promotionsschrift von D. Bonhoeffer, geblättert und bin darin auf den interessanten Gedanken gestoßen, dass der Mensch nur in einer Gemeinschaft ein Einzelner sein kann und umgekehrt auch nur als für sich Seiender Teil einer Gemeinschaft.
    Das sei als Schlagwort mal dahingeschrieben, aber wen das Thema interessiert, dem kann ich Sanctorum Communio empfehlen, immerhin geht es darin um eine soziologisch-theologische Beschreibung von Kirche, also u.a. auch in gewisser Weise um die Borg-Problematik.

    Aber ich muss gestehen, unter mit Trauermiene ohne jede (sinnvolle und natürliche) Betonung runtergeleierten auswendigen liturgischen Texten leide ich. Als würden diese Texte nichts aussagen oder als könnten sie nicht im Herzen anrühren. Zugegeben, der poetische Wert des Apostolicums ist minimal und die Bitten des Vaterunsers sind in unserer westlichen Individualitäts- und Überflussgesellschaft für den nicht kirchlich sozialisierten (auch: konditionierten) Menschen ungefähr so dringlich wie ein Kropf. Vielleicht sollte sich jeder, der diese Worte spricht, sie für sich selbst einmal irgendwann erschließen und sich dabei fragen: Wem sage ich das alles eigentlich? Und warum? Die Resultate können spannend sein.

  3. Tim Wendorff

    Ich finde das ein spannendes Phänomen: Wenn in Filmen z.B. Gottesdienste gezeigt werden, dann finde ich das ganz gruselig. Gerade das Vaterunser oder das Glaubensbekenntnis wirken dann, selbst, wenn es gut dargestellt ist, befremdlich, bedrohlich, geleiert, die Betenden identitätslos, willenlos, uneigenständig. Wenn ich selber Teil eines Gottesdienstes bin und mitbete, dann ist das anders. Manchmal ist es einfach ein Ritual, meine Gedanken schweifen ab in dieser Zeit, mein Mund spricht die bekannten Worte und das Gebet gibt mir dabei die Zeit nachzudenken, das was vorher war zu reflektieren, oder auch ganz alltäglichen Gedanken nachzugehen… auch mal über das anschließende Mittagessen oder die Pläne für den Abend. Manchmal bete ich aber auch ganz bewusst mit. Dann ist es so, wie Jesus es wohl meinte, als er sagte, wenn wir nicht wüssten, wie wir beten sollen, dann sollen wir diese Worte beten: Die bekannten, gemeinsam gesprochenen Worte füllen sich mit ganz eigenen Gebetsanliegen, Bitten, Wünschen und Hoffnungen und trotz der Gleichförmigkeit und des oft emotionslosen Tons wird das Gebet ganz individuell. Manchmal erlebe ich das auch bei meinen Banknachbarn, da fällt mir dann auf, dass eine Bitte z.B. eine besondere Betonung bekommt, sicher nicht zufällig.

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