Nachtmenschgedanken

Als ich neulich durch den sommerlich vor sich hintrocknenden Park spazierte, wurde mir klar: Ich finde es schön, wenn Frühling wird, wenn die Leute aufatmen und lächeln, wenn die Pflanzen aufleben und die Temperaturen knappere Kleidung nahelegen. Nicht etwa wegen der Sonne. Die kann mir gestohlen bleiben. Wenn andere Leute sich über das angeblich schöne Wetter freuen, sage ich oft, dass sie über meine Portion Sonne frei verfügen können. Denn Sonne macht mich mürrisch, erschwert das Sehen, verursacht den sprichwörtlichen Sonnenbrand und ist nicht nur für milde Temparaturen verantwortlich, sondern auch für Hitzewellen und Dürre.

Dafür freue ich mich über Regen. Regen bringt Segen und Wonne.
Hingegen Sonne …

Michael Moore fragt im Zusammenhang der globalen Erwärmung ironisch in seinem Buch Stupid White Men: Wenn die Sonne urplötzlich heute um Mitternacht aufgehen würde – würdest du dann sagen: ‚Oh, wow, das ist wunderschön! Ich liebe es! Mehr Tageslicht‘?
Ich kenne mehrere Leute, die in jenem Satz keine Ironie hören würden, sondern sehnsüchtig seufzten.

Allerdings gehöre ich nicht zu den Fans der hellen Stunden, zu den im-Winter-in-den-Süden-Ziehenden, zu den Sonnenbadern, den Sonnenbrillen-Absetzerinnen, den Bräunungshilfe-Großpackungsbestellern, den Tiefdruckgegnern und Wolkenwegwünschern …

… so wollte ich meine Kolumne eigentlich beginnen lassen. Nachdem ich diesen Anfang allerdings in meinem Kopf zurechtgerüttelt hatte, stellte sich mir plötzlich die Frage: Ist das unbiblisch? Bin ich damit ein Häretiker, wenn doch Gott in Genesis 1 erstmal Licht macht, bevor er mit der Materienreformierung loslegt? Ist es ketzerisch, so zu denken, wenn Jesus sich „das Licht der Welt“ nennt? Ist das Christentum nicht eine Religion des sich-nicht-verzehrenden Feuers, der intellektuellen Erleuchtung, des aufgehenden Morgensterns und dergleichen im Übermaß mehr?

Luzifer ist der Licht-Bringer, hat mein Prof einmal gesagt. Er muss doch für so eine etymologische Steilaussage mit theologischen Konsequenzen auch einen Rückhalt in der Schrift haben!

Also blättere ich in der Bibel und orakele. „Gott will im Dunklen wohnen“ lese ich und atme erleichtert auf. Da bin ich dabei. Ein Gott, „der im Verborgenen sieht“, das ist mir mehr als recht. Ich beginne, entspannt den Psalter mitzumurmeln: Nur Finsternis möge mich verbergen und Nacht sei das Licht um mich her! Doch Finsternis würde vor dir nicht verfinstern … und wie Motten das Licht, umgeben mich mehr und mehr Stellen, die meine der Sonne gegenüber eher skeptische Position in das rechte Zwielicht rücken: Wie ein Dieb in der Nacht beginnt das Reich Gottes. Wie ein Bräutigam ist Gott, für den man auch (und gerade!) mitten in der Nacht bereit sein soll; er spricht in der Nacht, gibt’s den Seinen im Schlaf – wahrlich: Jegliches hat seine Zeit. Es gehört zusammen. Glücklich derjenige, der über der Bibel sinnt Tag und Nacht.

Das klingt vielleicht wie ein theoretischer Exkurs. Heliophile werden ihre sanft gebräunten Schultern zucken und sich fragen: Und nun? Was folgt daraus praktisch?
Nun, bei mir folgt daraus Dankbarkeit. Ich bin dankbar, dass die Bibel beide Seiten kennt, Liebe zum Licht und Sympathie für Schatten. Ich kann einstimmen in das biblische Schöpfungslob, dass es nicht nur den hellen Tag, sondern auch die milde Nacht gibt … und mal ehrlich: Nach der Kontrasterfahrung des anderen Extrems kann man seine Vorlieben viel intensiver genießen.

So warte ich gelassen auf die dunklere Jahreszeit und summe auf die Melodie der Puhdys: Jegliches hat seine Zeit

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.