Moment mal: Ein zwölfjähriger Papst?

Neulich besuchte mich eine Freundin und brachte ein neues Kartenspiel mit. Es ging dabei um geschichtliche Fakten von Kirche und Staat. Na dann, dachte ich, bringen wir mal unsere grauen Gehirnzellen in Schwung!

Man zieht eine Karte, liest den Fakt und muss dann aus den eigenen Karten ein Ereignis finden, bei dem man sicher sagen kann, dass es davor oder danach war.
Klingt ja gar nicht so schwer.

Als erstes ziehe ich folgende Karte:

„Der Bischof von Lausanne belegt die Maikäfer mit seinem Bann und weist sie aus dem Land.“

Hm. Klingt nach Mittelalter. Ich entscheide mich eine Karte anzulegen, die definitiv danach sein musste:

„Der heilige Vater fährt einen Ferrari.“

Ich glaube nicht, dass sie im Mittelalter schon Ferrari hatten. Meine Freundin wählt eine Karte, die einen äußerst praktisch-erfinderischen Pfarrer wiedergibt:

„Reverend William Lee erfindet die Strumpfstrickmaschine.“

Sie ordnet sie zwischen Maikäfer und Ferrari ein. Jetzt wird aufgedeckt.
Wir liegen richtig! Die Bannbelegung der Maikäfer war 1505, die Erfindung der Strumpfstrickmaschine 1589 und die Ferrari-Tour des Heiligen Vaters 1889.

Runde 2.

Die erste Karte lautet:

„Der zwölfjährige Papst.“

Wir stutzen. Dass es viele, sagen wir „ungeeignet erscheinende“ Menschen auf den Stuhl Petri geschafft haben, ist durchaus bekannt, aber ein Kind? Spontan dachte ich an die Geschichte vom 12jährigen Jesus im Tempel. Ob der Papst auch so ein Wunderkind war? Der Papst gilt ja als Stellvertreter Christi auf Erden… mein Interesse war geweckt. Als erstes wird Google befragt.

Bei der Recherche wurde mir schnell klar: dieser Papst hat seinen Handlungen nach definitiv nicht den zwölfjährigen Jesus als Vorbild gehabt, zu viel Gewalt, zu viele Intrigen. Aber welcher Machthaber im Mittelalter war schon friedliebend und demütig? Außerdem frage ich mich, ob ein Zwölfjähriger überhaupt verantwortlich für seine „machtpolitischen“ Entscheidungen ist – ich vermute eher, dass er von machtgeilen Erwachsenen ausgenutzt wurde. Ähnliche Gedanken vertritt wohl Peter Prange in seinem Roman „Der Kinderpapst“, auf das man als erstes bei einer Internetrecherche stößt. Diverse Lexika umrahmen meine Kurzrecherche mit geschichtlichen Hintergrundinformationen. Papst Benedikt IX., wie er sich dann nannte, wurde wohl drei mal vom Thron verstoßen, aber jedes mal wieder aufgenommen. In den Zwischenzeiten wurden bereits andere Männer zu Päpsten ernannt, sodass es 1045 tatsächlich drei Männer gab, die mit Fug und Recht behaupteten Papst zu sein. Später soll Benedikt IX. das Papstamt an seinen Onkel verkauft haben, seine Cousine geheiratet und mindestens drei seiner Amtsnachfolger noch erlebt haben. Seine Nachfolger zu kennen, das kann kaum ein Papst von sich behaupten!

Zurück zu unserem Spiel. Wir ordnen die Karten:

„Der amerikanische Präsident leidet an Alzheimer – und führt seine Amtszeit munter zu ende.“

und

„Das englische Parlament schafft Weihnachten ab.“

zeitlich nach den zwölfjährigen Teofilus (so war sein bürgerlicher Name). Diesmal lagen wir fast richtig. Weihnachten wurde schon 1647 abgeschafft, Ronald Regan führte sein Amt trotz Alzheimer 1988 zu Ende. Teofilus wurde übrigens 1032 das erste Mal Papst.

Genug Geschichtsstunde für heute.

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4 Kommentare anzeigen

  1. Jetzt wollen wir aber wissen, was das für ein Kartenspiel war und wo man sich das besorgen kann!

    • CorinnaCorinna Sperlich

      Das Spiel heißt „Anno Domini Kirche & Staat“ und man kann es eigentlich überall kaufen, wo es Spiele gibt… Anno Domini ist eine ganze Reihe, es gibt u.a. „Wort & Schrift“ oder „Erfindungen“, aber die kenne ich auch noch nicht :)

      • Tim Wendorff

        Es gibt übrigens eine schöne Variante des Spiels zum Selberbasteln für das Kirchengeschichtsstudium, erstellt von einer rheinischen Lerngruppe, die 2005 Examen gemacht hat. Das findet sich unter
        http://www.ekir.de/factsheets/archives/kg-spiel.zip
        Es hat zwar ein paar kleine Fehler, aber in der Examenslerngruppe hat es die KG-Vorbereitung deutlich aufgelockert. Einfach ausdrucken, ausschneiden, spielen.

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