Warum die Alten Sprachen wichtig sind – auch wenn man sie vergisst
Foto: Max Melzer

In etwas mehr als einem Monat wird eine neue Gruppe Theologiestudierende den gefürchteten einmonatigen Sommerkurs Griechisch beginnen. Und wie alle anderen angehenden Theologen zuvor werden sie sich fragen, was es überhaupt bringt die biblischen Sprachen zu lernen. Schließlich hat man das ein paar Jahre nach dem Examen eh alles wieder vergessen. Wer könnte schon mitten im stressigen Pfarr-Alltag Zeit finden, die alten Sprachen im Gedächtnis frisch zu halten?

Aus diesen Fragen heraus entscheiden manche Studierenden von Anfang an, dass sie die alten Sprachen nur ertragen müssen. Sie sind wie die Bizutage alter Studentenverbindungen. Keiner will, aber jeder muss da durch, wenn er oder sie dazu gehören möchte. Und dann hat man’s hinter sich.

Hinter dieser Vorstellung der alten Sprachen als „bittere Medizin“ stehen einige Vorurteile, die in Frage gestellt werden müssen. Zuerst einmal ist das Bild vom mit den Sprachen unvereinbaren Pfarramt (aus Stress oder anderen Gründen) ein unglückliches Missverständnis darüber, worum es im Pfarramt wirklich geht. Natürlich sollte ein Pfarrer damit beschäftigt sein, die Herde zu hüten, Mitarbeiter zu organisieren und die Gemeinde am Laufen zu halten. Aber der Kern des Pfarrberufs ist der „Dienst am Wort“.

Und wenn es Beruf(ung) des Pfarrers ist, ein Diener des Wortes zu ein, dann sollte ein signifikanter Teil des Pfarrlebens dazu gegeben werden, den biblischen Text gründlich zu studieren – über die Predigtvorbereitung für den nächsten Sonntag hinaus. Anders gesagt, Pfarrer sollten weiterhin Studierende bleiben. Sie müssen Leser, Denker und Theologen sein.

Unglücklicherweise sehen sich viele Pfarrer nicht mehr so. Das zeigt sich an der Art und Weise, wie man den Arbeitsplatz eines Pfarrers bezeichnet. In früheren Generationen nannte man ihn des Pfarrers „Studierzimmer“ (Das war es nämlich, was er dort tat!). Jetzt nennt man es das „Büro“ des Pfarrers (weil der Pfarrer mehr als Unternehmensleiter gesehen wird).

Ich bin immer sehr enttäuscht, wenn ich in ein Pfarrbüro komme, in dem keine (oder nur sehr wenige) Bücher stehen. Es ist wie eine Werkstatt ohne Werkzeuge. Solche Pfarrer erinnere ich an die Worte Ciceros: „Ein Raum ohne Bücher ist wie ein Körper ohne Seele“.

Wenn Pfarrer ihre Berufung als Diener des Wortes wiederentdecken, dann sollte es ein natürlicher Teil ihrer Arbeit sein, die alten Sprachen frisch zu halten. Wenn sie in einem Studierzimmer statt eines Büros arbeiten, dann fällt das Studieren vielleicht gleich viel leichter.

Aber es gibt noch ein zweites Vorurteil hinter einer falschen Einstellung zu den alten Sprachen. Viele Studierende denken, dass das Lernen der Sprachen umsonst ist, wenn man den Großteil später wieder vergisst. Tatsächlich ist das vermutlich der größte Irrtum in den Köpfen heutiger Theologiestudierender.

Diese Annahme ist nämlich von Grund auf falsch. Selbst wenn man jede einzelne Vokabel und jedes Paradigma vergisst, spielt die intensive Beschäftigung mit den Sprachen während des Studiums dennoch eine enorm wichtige Rolle. Sie hilft dabei, textuell zu denken.

Bevor man die alten Sprachen lernt, wissen die meisten von uns einfach nicht, wie man bei der Beschäftigung mit der Bibel auf einer textuellen Ebene denkt. Aber nachdem man Griechisch oder Hebräisch gelernt hat (selbst wenn man es wieder vergessen sollte), versteht man nun Grammatik, Syntax, Logische Schlüsse und Satzstruktur. Weiter noch versteht man, wie Wörter funktionieren, wie sich ihre Bedeutung bestimmt (oder auch nicht); man lernt die Wichtigkeit von Kontext und bestimmte exegetische Trugschlüsse zu vermeiden.

Diese Dinge allein sind enorm wichtig für die korrekte Auslegung eines Textes und die Vorbereitung einer Predigt. Und sie werden zusammen mit den biblischen Sprachen in unsere Köpfe gehämmert – auch wenn wir die Sprachen dann wieder vergessen sollten.

Deshalb sollten Studierende und Pfarrer ermutigt sein. Es gibt gute Gründe, warum man sich die Sprachen erhalten sollte, wenn man seine Rolle als „Diener des Wortes“ richtig versteht. Aber selbst wenn nicht, werden viele der Vorteile trotzdem bleiben.

(Übersetzung ins Deutsche: Max Melzer)

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