Die Anfänge der Erweckungsbewegung in Deutschland Ein kirchengeschichtlicher Exkurs

Was ist die Erweckungsbewegung?

Die Jahrhunderte nach der Reformation waren durch zahlreiche kleine Erweckungen geprägt, die sich in verschiedenen christlichen Strömungen und Gruppen äußerten. Da gab es die Puritaner, die PietistenMethodisten und Evangelikalen, aber auch viele kleinere Bewegungen, wie den Jansenismus, den Quietismus oder die Quäker.

Die Erweckungsbewegung ist unter ihnen die größte protestantische Bewegung, und eine Fortführung der Ideen ihrer Vorgänger. Im Kern war die Erweckung eine Erneuerungsbewegung, die die Reform und Restauration der lutherischen Kirche im Geist der Reformation und der Frömmigkeit zum Ziel hatte. Sie entzündete sich, wie die meisten Reformationen, an offensichtlichen Missständen in der Kirche. In ihrem Selbstverständnis war die Erweckung eine elementare Bußbewegung. Jedoch war es auch ein kollektives Bewusstsein für die Mission im In- und Ausland, das die Erweckten antrieb.

Die Situation des 17. und 18. Jahrhunderts

Die Vorgeschichte der deutschen Erweckungsbewegung ist im 17. und 18. Jahrhundert zu verorten. Es war eine Zeit großer geistlicher, geistiger und sozialer Neuorientierung, unter anderem initiiert durch das Trauma des Dreißigjährigen Krieges. Nachdem mit dem Westfälischen Frieden 1648 der Krieg beendet worden war, blieb ein kriegsmüdes, gebeuteltes deutsches Volk zurück. Die Bevölkerung wurde in den dreißig Jahren auf 40 Prozent dezimiert und die deutsche Geschichte blieb bis zum Ende des 17. Jahrhunderts vom Wiederaufbau geprägt. Die Schrecken des Krieges und die tiefe gesellschaftliche und wirtschaftliche Krise zeigten sich besonders in der zeitgenössischen Literatur, wie zum Beispiel dem bekannten Sonnet von Andreas GryphiusTränen des Vaterlandes:

„Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret!
Der frechen Völker Schar, die rasende Posaun
Das vom Blut fette Schwert, die donnernde Kartaun,
Hat aller Schweiß und Fleiß und Vorrat aufgezehret.“

Nach dem Ende des letzten großen christlichen Religionskrieges begann nicht nur der materielle Neuaufbau, auch das konfessionelle Bewusstsein der Menschen änderte sich. Es wurde die zerstörerische Kraft der Intoleranz zwischen Katholiken und Protestanten offenbar. Aber auch das eigentliche Wesen des Krieges zeigte sich. Man erkannte, dass am Ende wirtschaftliche und politische Ziele in der Kriegsführung die größte Rolle spielen. Religiöse Motive waren in den Hintergrund gerückt. So gingen die konfessionellen Spannungen nach 1648 deutlich zurück. Man begann damit, Unterschiede einzusehen oder zumindest hinzunehmen.

Aufklärung und Aufklärungschristentum

Das 18. Jahrhundert war das Jahrhundert der Aufklärung. Auch die Kirche in Deutschland konnte sich diesem Einfluss nicht entziehen. Insgesamt fiel aber die deutsche Reaktion auf die Aufklärung deutlich anders aus als beispielsweise in Frankreich. Nicht nur, dass das neuartige Gedankengut erst deutlich später Fuß fasste, es wurde insgesamt in Deutschland eher kritisch betrachtet. Die Theologen, die sich auf die Ideen der Aufklärung einließen und sie in ihre Theologie einzubeziehen versuchten, stießen von verschiedenen Seiten auf Kritik. Man kann sagen, dass der Widerstand gegen die Aufklärung ein Hauptkatalysator für die Restaurationsbewegungen des Jahrhunderts und ultimativ auch der eigentlichen Erweckungsbewegung war.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verbreitete sich das Gedankengut der Aufklärung auch in Deutschland rasch und mit ihm auch die Säkularisierung. Allerdings war die deutsche Aufklärung nicht dezidiert nichtchristlich oder gar widerchristlich. Hier gingen Christentum und aufklärerische Gesinnung miteinander ein Bündnis ein. Es entwickelte sich eine vielschichtige Aufklärungstheologie, die in die Probleme und Fragestellungen der evangelischen Theologie Ideen der Aufklärung einzubeziehen versuchte. Erkennbar ist dies an den führenden Philosophen der Zeit, die zwar überzeugte Aufklärer waren, jedoch sich auch als Christen betrachteten und theologische Fragen nicht außer Acht ließen. Besonders umkämpft war dabei der Begriff der religiösen Offenbarung. Der Aufklärungstheologe Christian Wolff (1679-1754) (nicht zu verwechseln mit dem ehemaligen Bundespräsidenten Christan Wulff) zum Beispiel postulierte, dass es zwar grundsätzlich religiöse Offenbarung gebe, über ihr jedoch die Vernunft stehe. Die Religion insgesamt zu falsifizieren lag ihm jedoch fern. Vielmehr wollte er zeigen, dass große Teile der Offenbarung überhaupt in der Vernunft begründbar seien und deshalb absolut gültig. Jedoch verlor sie so ihren transzendenten Charakter. Dieser Kompromiss, auch „Physikotheologie“ genannt, fand bald Eingang in die protestantische Frömmigkeit. So kam es dazu, dass „aufklärungskonforme“ Elemente des Christentums (Sittlichkeit, Moral) in den Vordergrund, den Aufklärern unangenehme – da schwer mit der Vernunft zu vereinbarende – Elemente (Glaube, Erlösung) in den Hintergrund der Verkündigung gerieten. In der Bibelauslegung wurde nun die Vernunft als Maßstab angesetzt und somit die Entmythologisierung und teilweise auch die Aushöhlung der nunmehr als historische Dokumente angesehenen Schriften und Überlieferungen. Dies war der Anfang der modernen historischen Bibelforschung.

Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) trieb diese Kontroverse deutlich voran mit seiner Position, dass die Aufklärung alle Unterschiede zwischen den Religionen in der historischen Offenbarung überflüssig machen und so zu einem allumfassenden „Aufklärungsglauben“ führen könne.

Ein weiterer Streitpunkt war das Menschenbild. Die Aufklärer malten ein optimistisches Bild vom Menschen, der im Grunde gut und des Guten fähig sei. Er müsse nur noch etwas entsprechend erzogen werden. Dazu im krassen Gegensatz stand das Menschenbild der Reformation des unter der Erbsünde stehenden Menschen, der von Geburt an sündig sei und keine Möglichkeit habe, aus eigenem Vermögen aus seiner „Unmündigkeit“ herauszukommen.

Dass diese Widersprüche in der evangelischen Christenheit nicht nur Zustimmung fanden, ist nachzuvollziehen. Nicht nur die Orthodoxie fühlte sich ihrer theologischen Grundlage entzogen, auch der Pietismus und nach ihm die Erweckungsbewegung trat in scharfen Widerspruch zu diesem seichten, oberflächlichen Christentum.

Die Reaktion der Aufklärungsgegner war das Streben nach Restauration, das Festklammern an den alten Traditionen der Orthodoxie und das sture Beharren auf dem Supranaturalismus und der persönlichen, die Vernunft übersteigenden Gotteserfahrung. Insofern standen die frommen Kritiker weniger im philosophischen Diskurs mit der Aufklärung, als dass sie nach Kräften auf den übernatürlichen und widervernünftigen Teil des Christentums bestanden und die angegriffene Autorität und Historizität der biblischen Schriften verteidigten.

Diesem Eifer in der Verteidigung der pietistischen und orthodoxen Grundlagen ist es auch zu verdanken, dass die Aufklärung letztlich die Erweckungsbewegung in Deutschland provozierte. Die Aufklärungstheologie ist sicher nicht der einzige, aber ein entscheidender Faktor für diese restaurative Gegenbewegung, die schließlich das Zeitalter der Aufklärung überdauern sollte.

In der Erweckungsbewegung selbst mangelte es ebenfalls nicht an Kritik und negativer Polemik gegen die Aufklärung. Theologe Erich Beyreuther betont jedoch zum Beispiel, dass die Aufklärung keineswegs eine zerstörerische Wirkung auf die Erweckungsbewegung gehabt habe, sondern dass die Bewegung überhaupt erst an der Auseinandersetzung mit der Aufklärung entstanden sei. Man könnte soweit gehen und sagen, dass es ohne die provozierende Kraft der Aufklärung womöglich nicht zu einer Erweckungsbewegung im bekannten Ausmaß gekommen wäre.

Die Romantik in der Erweckungsbewegung

Die Romantik ist nach Autor Lienhard Wawrzyn:

„[…] der Höhepunkt eines merkwürdigen Wandels der Mentalität der Menschen, zu dem es im Laufe des 18. Jahrhunderts kam und der, nach und nach, die verschiedensten Lebensäußerung erfasste, bis zur Gartengestaltung, von der Medizin bis zu den Formen menschlicher Geselligkeit und den Liebesbeziehungen.“

Die Erweckungsbewegung und die Romantik gingen in vielen Dingen Hand in Hand. In mancher Hinsicht hat sich der Pietismus unter dem Einfluss der Romantik in die Erweckungsbewegung verwandelt. Auf der anderen Seite ist die Romantik der Inbegriff der Ablehnung des aufklärerischen Rationalismus, gegen den die Frömmigkeitsbewegungen in den Jahrhunderten zuvor gekämpft haben. Insofern sind Erweckungsbewegung und Romantik eng verbunden. Die romantische Betonung des Gefühls fand ihren Ausdruck in der Betonung der spirituellen Erfahrung der „Erweckten“, bis hin zu Mystizismus, religiöser Schwärmerei und Okkultismus.

Weiterhin wichtig waren die neuen Wege zum Erschließen der biblischen Schriften. Die romantische Quellenkenntnis und Quellenoffenheit brachte die Erweckten zurück zu alten Bekenntnisschriften und altkirchlichem Gedankengut. Die Romantik hatte im Gegensatz zur Aufklärung ein starkes Interesse an der Vergangenheit. Wo die Aufklärer noch abschätzig auf die vergangenen, naiven und „unmündigen“ Epochen der Geschichte blickten, sahen die Romantiker in der Vergangenheit, besonders im Mittelalter, große, längst vergessene Schätze und Erkenntnisse, die es wieder zu entdecken galt. Insofern brachte die Romantik auch die christliche Restauration voran, bis hin zum Übergang in den Konservativismus.

An dieser Stelle ist auch die Wirkung der Französischen Revolution (1789-1799) zu nennen. Mit ihr begann zwar in Europa die Entchristianisierung. Dennoch war grade in Deutschland die Stimmung der Revolution gegenüber eher kühl. Die blutige Fratze der französischen Revolution offenbarte den intellektuellen Pseudomessianismus der Aufklärung. Sie entzog der Aufklärungstheologie und -frömmigkeit die Grundlage.

 


 

Die Erweckungsbewegung ist in ihrem vollen Ausmaß noch nicht erfasst. Dennoch ist ihre Wirkung bis in heutige Zeit zu spüren. Das Ziel der Reformer war es, ihre Kirche zu verändern, zu reformieren und ihren Ursprüngen näher zu bringen. In vielen Dingen ist ihnen dies auch gelungen.

Das Bewusstsein, dass die Organisation „Kirche“ sich nicht zwangsläufig mit der Zusammenkunft der wahren Christen deckt, sondern dass es einen Unterschied gibt zwischen „Kirchenmitgliedern“ und „Christen“ ist uns bis heute erhalten. Vor allen Dingen die Notwendigkeit der persönlichen Bekehrung jedes einzelnen Menschen zu verkünden, hat in viele Gemeinden der Landeskirche Einzug gehalten.
Die internationale Mission hat durch die Erweckungen einen enormen Schub erhalten und sehr viele modernen Missionsanstalten sind zurückzuführen auf pietistische und methodistische Initiativen jener Epoche.

Zu guter Letzt ist damals auch der Beginn der modernen Ökumene zu finden. Die Erweckten waren es, die ein Christentum über die Schranken der Konfessionen hinaus predigten. Die unsichtbare Kirche Christi war nicht mehr zwangsläufig mit den Großkirchen identisch. Deshalb waren in der Erweckungstheologie alle Menschen eingeladen, unabhängig der Konfession, sich der Kirche Christi der „Erweckten“ anzuschließen.

Die Erweckungsbewegung war eine Zeit, in der die evangelische – aber auch die katholische Kirche ein recht hohes Ansehen in der Gesellschaft genossen. Wir leben meiner Meinung nach heute in einer Zeit, in der das zumindest in Deutschland nicht mehr so gesagt werden kann. Die Mitgliederzahlen in den Gemeinden gehen zurück, vielerorts ist die Predigt nicht mehr am Evangelium ausgerichtet und weist nicht auf die Notwendigkeit von Buße und Bekehrung hin. Ich denke, dass viele Kritikpunkte der frühen Erweckten an der Kirche auch heute noch (oder wieder) aktuell sind und eine neuerliche Betrachtung angebracht ist. Im September 2011 sprach der hannoversche Landesbischof Ralf Meister in einem Interview mit der F.A.Z. über die Verflachung der kirchlichen Botschaft:

„Man muss ehrlich sagen, dass die Theologie an der ein oder anderen Stelle fast aufgehört hat. Kein Mensch redet mehr über das Gericht. Wir reden nur noch sehr vage über das ewige Leben. Die dunkle Seite Gottes, die verborgenen Seiten – dieses Gottesbild lassen wir kaum noch zu.“

Jedoch möchte ich auch auf Tendenzen in der Erweckungsbewegung hinweisen, die ich kritisch Betrachte. Im Widerstreit mit der Aufklärung kam es dazu, dass Christen auch Gedanken der Aufklärung, die korrekt und dem Fortschritt, ja sogar der Theologie förderlich waren, grundsätzlich ablehnten. Dies führte zur allgemeinen Skepsis gegen Wissenschaft und Forschung und zu einem Misstrauen gegen säkulare Philosophie und Forschung. Ich denke, dass wir als Christen dem Dialog mit Wissenschaft verpflichtet sind, jedoch auch auf den Kern des christlichen Glaubens, dem Tod und der Auferstehung Jesu Christi zu unserer Versöhnung mit Gott, hartnäckig bestehen müssen und diese Botschaft in die Welt hinaustragen sollten.

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6 Kommentare anzeigen

  1. Vielen Dank, fand die Arbeit recht hilfreich. Bin Dozent an der Bibelschule Breckerfeld für historische Theologie und am TRhema sehr interessiert. Viele Grüße, D. Fischer

  2. Lydia Hustadt

    Vielen Dank! Ich fande es auch ganz hilfreich, insbesondere einfach einen Überblick zu erhalten! Es war also eine Bewegung, die die evangelische Kirche gesamtheitlich beeinflusst hat, aber keine bewegung, die sich in Untergruppierungen gefunden und in der Kirche gehalten hat? Andere institutionalisierte Gemendeprofile finden sich also nur in freikirchlichem Kontext?

    • Das ist eine interessante Frage.

      Ich vermute, dass unsere relativ gesunde Tradition von Haus-, Bibel und andere Gemeindekreisen ihre Wurzel in den pietistischen Bewegungen hat.

      Ich glaube, diese Kreise haben die institutionalisierten Gemeinden aber nicht ersetzen, sondern ergänzen wollten. Die „Erweckten“ haben ihre Muttergemeinden ja eben *nicht* verlassen.

      • Lydia Hustadt

        Hm. Ok. Ich beschäftige mich gerade mit der finnischen Kirchengeschichte und da gab es im Jhd. eben auch die sogenannten „revival movements“. Interessanter weise haben, die sich aber in 4 verschiedenen Gruppierunen wiederum formatiert mit unterschiedlichen Betonungen. Alle diese Bewegungen sind aber in der Lutherischen Kirche geblieben, haben aber eigene veranstaltungen. Ich fande das ziemlich interessant, weil mir sowas von deutschland nicht bekannt ist. Klar wir haben eben in manchen Regionen einen starken pietistischen Einfluss, aber es sind immer nur Einflüsse, die sich dann wiederum wie du sagst in verschiedenen hauskreisen individualisiert halten…aber eben keine organistieren „gemeinden“ innerhalb der Kirche…oder?
        Eine scheint es aber tatsächlich zu geben, allerdings erst ab 1960 und zwar die Geistliche Gemeinde-Erneuerung in der Evangelischen Kirche. Ein Freund hat mich darauf aufmerksam gemacht, aber ansonsten ist mir nichts dergleichen bekannt… Liebe Grüße aus Helsinki, ich mache hier ein Auslandssemester, studiere auch Theologie!

        • Und dann wären da noch die Landeskirchlichen Gemeinschaften, die extra Angebote machen, aber innerhalb der Landeskirchen firmieren.

Lydia Hustadt antworten … Antworten abbrechen

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