Vom gelingendem Leben – Lord of War und der Tun-Ergehen-Zusammenhang
Foto: stevepb (CC0)

„Lord of War – Händler des Todes“ ist einer der wenigen Spielfilme über den internationalen Waffenhandel. Wenn nicht sogar der einzige. Der Film funktioniert auf zwei Ebenen: Zum einem macht er auf das sehr reale Problem des Krieges und des den Krieg unterstützenden Waffenhandels aufmerksam. Zum anderen folgt er der sehr spezifischen Geschichte von Yuri Orlov, wie er vom kleinem Kriminellen zum größten Waffenhändler der Welt wird. Der Twist am Ende: Er hat Erfolg damit. Die gerechte Strafe bleibt aus. Aber stimmt das wirklich? Ist er am Ende wirklich jeder Strafe entgangen?

Wie üblich werde ich den Film unter einem religiösen Aspekt interpretieren. Das ist, wie ich schon öfter gesagt habe, nur eine Auslegung eines sehr vielschichtigen Films und keine, die man unbedingt übernehmen muss. Außerdem enthält dieser Blog, wie üblich, Spoiler. Ich werde bei der Interpretation also sämtliche wichtigen Wendungen des Films verraten. Ich beziehe mich in meinen Ausführungen diesmal auf die englische Fassung des Films, obwohl ich die deutsche Fassung ebenfalls kenne.

Der Film stellt meiner Meinung nach zwei große Fragen:

  1. Die Frage nach der Gerechtigkeit
  2. Die Frage nach einem erfüllten menschlichen Leben

Die Frage nach der Gerechtigkeit ist eine Frage, die sich dann stellt, wenn man nicht davon ausgeht, dass alles in der Welt nur Zufall ist, sondern es einen gerechten Gott gibt, der über diese Welt regiert. Eine Tatsache, auf die Yuri zweimal von seinem Vater angesprochen wird. Beide Male ignoriert er es. Er scheint Recht damit zu behalten. Bis zum Ende kommt er mit seinem Tun durch, ohne dabei groß zu bereuen.

Die Frage nach dem erfüllten Leben stellt sich, wenn Vitaly (Yuris Bruder) sich mit Yuri darüber unterhält, dass er mehr sein möchte als ein Hund auf zwei Beinen, der frisst, sich prügelt und Sex hat. Yuri fragt, ob das nicht das Beste am Menschen sein könnte. Sie stellt sich auch als Ava, Yuris Frau, Yuri zwischen sich und den Waffenhandel entscheiden lässt. Sie mag in allem versagt haben, aber sie wird nicht als Mensch versagen.

Die Frage nach einer größeren Ordnung der Welt und einem erfüllten Leben hat der Film mit der alttestamentlichen Weisheitsliteratur (z.B. Hiob, Sprüche, Prediger) vor allem in ihrem Ringen um den Tun-Ergehen-Zusammenhang gemeinsam. Ein erfülltes Leben das ist Reichtum, Familie und Gesundheit. Aber auch die Achtung der anderen Menschen und das Gedenken nach dem Tod der betreffenden Person gehören dazu. Das ist zum Beispiel bei der Belohnung Hiobs nach seinem unaussprechlichen Leid zu sehen. (Vgl. Hi 42) Wichtig ist dabei, dass diese guten Gaben bereits in diesem Leben beginnen. Das gelingende Leben zählt und nicht das gesegnete Leben nach dem Tod. Weiterhin typisch für die Weisheit sind folgende Aspekte:

  1. Die Welt hat eine Ordnung und einen gerechten Schöpfer.
  2. Diese Ordnung lässt sich erkennen, indem man die Umwelt beobachtet, sich für die eigene Lebenswelt interessiert und daraus Konsequenzen für das persönliche Leben zieht.
  3. Das Schicksal eines Menschen hängt von seinem eigenen Handeln ab. Eine gute Tat bewirkt ein erfülltes Leben. Eine schlechte Tat bewirkt ein verfluchtes Leben und letztendlich Verderben. (Tun-Ergehen-Zusammenhang)
  4. Es gibt auf der Welt die Weisen, die sich der Wahrheit öffnen, ihre Umwelt beobachten und sich an dieser Weltordnung ausrichten und die Narren, die sich über die Weltordnung hinwegsetzen, sich nicht für ihre Umwelt interessieren und aus diesem Grund in ihr Verderben rennen. (Ausführungen nach Witte, M.: Das Sprüchebuch (Die Sprüche Salomos/Proverbien) in Gertz, J. (Hg.): Grundinformation Altes Testament, 447f.)

Inwieweit ist das System auf „Lord of War“ anwendbar?

Yuris Ziele

Das Ziel der Weisheit ist das gelingende Leben. Yuri Orlov schaut in „Lord of War“ auf sein Leben zurück. Am Anfang hatte er einige Dinge, die er selbst als wichtig empfand:

  • Familie: Sein Bruder Vitaly, der Yuri beschützen soll, wenn er in Schwierigkeiten steckt. Der Partner, mit dem Yuri ursprünglich das Waffengeschäft teilen möchte. Ava, die wunderschöne Frau, die für ihn immer ein Zeichen des Erfolgs ist. Ein Engel auf Erden, den er liebt seitdem er 10 Jahre ist. Sein Sohn, den er nicht in der Nähe von Waffen sehen möchte. Seine Eltern, zu denen er auch auf seine Weise loyal ist.
  • Freiheit: Yuri beschreibt sein erstes Zuhause als Hölle, weil es für ihn keine Perspektive bietet. Er möchte dort unbedingt rauskommen. Er möchte etwas aus seinem Leben machen. Er möchte sein Schicksal selbst in die Hand nehmen.
  • Reichtum. Nicht so sehr der Reichtum ist wichtig, sondern das Prestige und die Freude daran etwas zu machen, was er gut kann. Lange Zeit ist er ein Mittel zum Zweck, um seine Familie (vor allem Ava) zu beeindrucken und seine Freiheit zu bewahren.
  • Überleben. Yuri will auf jeden Fall überleben. Wenn auch alles andere vergeht: Er will Leben. Dazu gehört natürlich auch Gesundheit. Aus diesem Grund lehnt er zwei Prostituierte in Liberia ab, die er normalerweise niemals abgelehnt hätte. Er hatte kein Kondom und die beiden könnten Aids haben.

Die gute Erinnerung fehlt. Yuri wird darauf angesprochen, aber er tut es damit ab, dass gute Erinnernung etwas für die Toten sei. Auch Ansehen ist ihm nicht so wichtig.

Weltordnung und höhere Werte

Wie sieht es mit der Weltordnung in Lord of War aus? Hier wird es schwierig. Die Sache ist nämlich, dass wir alles aus Yuris Sicht sehen. Der glaubt dezidiert nicht an eine Weltordnung. Auf jeden Fall nicht an eine gerechte Ordnung. Yuri glaubt, dass alles durch die Biologie determiniert ist. Der Mensch hat den Drang zu essen. Der Mensch hat den Drang nach Gewalt. Es gibt fast nichts, was mit Geld nicht zu kaufen ist. Am Ende siegt das Böse. Dabei nimmt er sich selber aus. Yuri sieht sich in diesem Punkt von den anderen Menschen getrennt. Erst im Laufe des Films zählt er sich immer mehr selbst in diesen Determinismus mit hinein. Da nun Yuri die Geschichte erzählt, ist es schwer zu sagen, wie die Welt für die anderen aussieht.

Aber es gibt Hinweise. Wie schon gesagt: Yuris Vater macht Yuri zweimal darauf aufmerksam, dass er auf das Höhere achten soll. Yuri lacht darüber. Ava fragt Yuri, ob er an das Schicksal glaube. Yuri und der Zuschauer wissen, dass es nicht Schicksal, sondern Yuris Manipulation war, die ihr Treffen bestimmt hat. Ava versteht das später und weist ihn daraufhin, dass er selbst nicht an Größeres glaubt.

Während die höhere Macht zu diskutieren wäre, kann man zumindest sagen, dass es positive menschliche Werte gibt, für die es sinnvoll ist, selbst das eigene Leben zu riskieren. Wenn man diese Werte nicht beachtet, setzt ein inneres Sterben ein. Ein Verrohen, das so lange wirkt, bis man nur noch ein Hund auf zwei Beinen ist. Bis man als Mensch versagt hat.

Ich würde also sagen, dass es eine Weltordnung gibt, dass Yuri sie aber nicht versteht bzw. sie nicht bemerkt.

Yuris Erfahrung

Yuri beobachtet die Welt. Aber er zieht daraus keine Konsequenzen für das eigene Leben. Oder man könnte sagen, dass er die Warnzeichen nicht sieht. Er zieht keine Verbindung zwischen sich und z.B. der Gewalt. Er selbst ist ja nicht gewalttätig. Erst als ihn einer seiner Kunden zwingt, selber zu schießen, wird er sich kurz seiner eigenen Verantwortlichkeit bewusst. In diesem Moment, wo er seine eigene Medizin schlucken muss (schön symbolisiert dadurch, dass er sein eigenes Schießpulver zusammen mit Kokain schnupft), will er nichts anderes als sterben. Aber er muss weiterleben. Das eigene Leben wird zum Fluch.

Jeder zahlt seinen Preis

Womit wir beim dritten Punkt der Weisheit sind. Dem Tun-Ergehen-Zusammenhang. Funktioniert er hier? Teils, teils könnte man sagen. Von außen betrachtet, greift er nicht. Yuri wird nicht nur aus dem Gefängnis entlassen, er bekommt sogar noch Geld dafür. Sein Geschäft floriert und er macht weiterhin das, was er am besten kann. Nach der kurzen Situation der Selbsterkenntnis, in der er sterben will, ist er wieder vollkommen von seiner eigenen Lüge überzeugt. Er selber nimmt nie eine Waffe in die Hand. Man kann die Menschheit nicht davon abhalten, sich gegenseitig umzubringen und einer muss ihnen die Waffen geben. Er ist nun mal ein notwendiges Übel. Etwas, das man nicht ändern kann.

Selbst die Bergpredigt zitiert er. Nicht die Friedfertigen, sondern die Waffenhändler werden die Erde erben, weil sie die einzigen sind, die nicht am Krieg teilgenommen haben.

Trotzdem würde ich Yuris Gegenspieler Jack Valentine (auf den am ehesten die Beschreibung des Gerechten passt) zustimmen, wenn er kurz bevor er Yuri wieder freilassen muss, sagt: „I would tell you to go to hell. But I think you’re already there.“ (Ich würde sagen fahr zur Hölle, aber ich denke da bist du schon.) Wenn man sich noch einmal Yuris Ziele ansieht, bemerkt man etwas. Yuris wichtigstes Ziel war seine Familie. Am Ende des Films haben seine Eltern ihn enterbt, seine Frau hat ihn verlassen und sein Bruder ist beim Versuch, Yuris Seele zu retten, gestorben.

Wie sieht es mit der Freiheit aus? Auch damit ist es nicht weit her. Andrew Niccol hat in einem Interview Yuris Waffengeschäft mit Spielsucht verglichen. Das passt erstaunlich gut: An einem Punkt (als Ava ihm ein Ultimatum stellt) versucht Yuri, mit dem Waffengeschäft aufzuhören. Aber er kann es nicht. Die Gier nach Geld und die Herausforderung ziehen ihn wieder zurück. Ich denke, wenn man Yuri am Ende des Films fragen würde, würde er einem sagen, dass er keine Wahl hat. Er muss Waffengeschäfte machen, es läge in seiner Natur. Also hat Yuri keine Freiheit mehr.

Bleibt noch das Leben. Aber ist es noch ein erfülltes Leben? Vitaly warnt Yuri an einer Stelle, dass der Waffenhandel von innen töte. Yuri im zugekoksten Zustand bezeichnet sein Überleben als Fluch. Es ist ein Leben, bei dem er zugeben muss, dass er ein notwendiges Übel ist und vielleicht  eines Tages in einer Gefängniszelle enden wird, weil die US- Amerikanische Regierung einen Sündenbock braucht. Es ist kein erfülltes Leben. Es ist eine Tragödie und Yuri ist sich dessen noch nicht mal selbst bewusst. Und das ist das Tragischste.

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