Katholischer Osten statt Wilder Westen – Eine Studienexkursion nach Krakau
Marienkirche in Krakau, Foto: Thea Sumalvico

Ein bunt zusammengewürfelter, Leipziger Haufen aus Theologiestudierenden, Kulturwissenschaftlern, European-Studies-Studenten und zwei abenteuerlustigen Professoren machte sich im Juni auf nach Krakau. Das Thema: Die Polen und ihre Religiosität. Unsere eigene Religiosität deckte schon ein weites Spektrum ab – vom braven Sonntagskirchgänger bis zu Menschen, die in diesen Tagen den ersten Gottesdienst ihres Lebens besuchen würden. Und auch in Polen, dem so homogen katholischem Land, erwartete uns ein Strauß ganz unterschiedlicher Religiositäten.

Jüdisches Leben in Krakau

Marienkirche in Krakau, Foto: Thea Sumalvico

Marienkirche in Krakau, Foto: Thea Sumalvico

Das jüdische Viertel von Krakau, Kazimierz, sprüht vor Leben. Es ist eines der In-Viertel der Stadt mit den schönsten Cafés und Kneipen, einigen Synagogen und der besten polnischen Pizza (Zapiekanka) der Stadt. Das Viertel gibt es bereits seit dem 14. Jahrhundert. Vor dem zweiten Weltkrieg lebten 70.000 Juden in der multikulturellen Stadt Krakau – etwa ein Viertel der Bevölkerung! Das änderte sich mir der deutschen Besatzung seit 1939, wo Kazimierz geräumt wurde und die jüdische Bevölkerung am anderen Ufer der Weichsel, also möglichst isoliert, im Ghetto angesiedelt wurde. Nach Kriegsende verfiel das Viertel großenteils – erst in den letzten Jahrzehnten ist es wiederentdeckt und mit vielen Geldern, auch aus dem Ausland, aufgehübscht worden. Jedes Jahr findet hier ein großes jüdisches Festival statt. Das alles suggeriert natürlich ein Stück Realität, die es so leider gar nicht mehr gibt – die jüdische Gemeinde ist sehr klein, zählt nur etwa 180 Glieder. Es ist also ein trauriger Ort, wenn man sich vorstellt, wie viele jüdische Menschen hier einmal lebten. Es ist gleichzeitig aber ein Ort voller Hoffnung, denn die jüdische Kultur lebt wieder auf.

Katholischer Wallfahrtsort Częstochowa

Częstochowa, Foto: Thea Sumalvico

Częstochowa, Foto: Thea Sumalvico

Einer der Höhepunkte der Exkursion war unser Tagesausflug nach Częstochowa, einer Stadt etwa 150 Kilometer nördlich von Krakau. Viele Pilgerer kommen jährlich hier her, um das berühmte Bild der Schwarzen Madonna zu sehen, zu beten und Heilung zu erfahren. Wir fühlten uns – als „Wallfahrtstouristen“ – ein wenig wie Eindringlinge in eine ganz andere Welt. Gerade für uns protestantische Theologiestudierende war die enorme Marienfrömmigkeit befremdlich, aber auch die „Jahrmarktsatmosphäre“ erstaunte uns alle. Die wenigen von uns, die schon einmal an einem Wallfahrtsort gewesen waren, bestätigten uns, dass das nicht unbedingt spezifisch für diesen Wallfahrtsort sei. Was Częstochowa vielleicht dennoch von anderen Wallfahrtsorten unterscheidet, ist die starke nationale Prägung: Częstochowa ist ein Nationalheiligtum, um das Bild der Schwarzen Madonna ranken sich zahlreiche Legenden: So brachen die Schweden ihre Belagerung der Stadt 1655 überraschend ab, was der Schwarzen Madonna zu verdanken sei. Diese gilt seitdem als „Königin Polens“. Dieser Ort ist also enorm identitätsstiftend für polnische Katholiken; Nationalität und Katholizismus sind in Polen immer eng verknüpft worden und an Orten wie Częstochowa manifestiert sich das.

Ist das immer so?

Kaum jemand von uns hatte jemals vorher einen Wallfahrtsort besucht, von daher war es für uns alle – ob nun kirchlich sozialisiert oder nicht – vor allem ein Gefühl der Fremdheit, was nach dem Tag in Częstochowa blieb. Umso mehr freute ich mich über eine wunderschöne katholische Messe, die einige von uns am Tag darauf in den Abendstunden besuchen. Sie wurde von Dominikanern gehalten und war speziell für Studierende. Tolle Musik, eine mit jungen Menschen übervolle Kirche und feierliche Stimmung machten die Messe zu einem wirklich schönen Erlebnis auch für diejenigen von uns, die kein Polnisch sprachen. Und nach den Erfahrungen in Częstochowa war es gut, noch einmal bewegt zu werden, hineingenommen zu sein in eine Religiosität, die man wieder verstand und zu sehen: Katholisch, das ist nicht nur Wallfahrtsort.

Protestanten in Polen

Es gibt sie tatsächlich: Protestanten in Polen! Etwa 75.000 Glieder zählt die Evangelisch-Augsburgische Kirche, das sind nur 0,2% der Gesamtbevölkerung. Dazu kommen noch etwa 3500 Reformierte sowie evangelische Freikirchen. Wir besuchten am Sonntag Vormittag einen protestantischen (sogar, wie sich später herausstellte, reformierten) Gottesdienst. Ein schlichter Wortgottesdienst – nach Częstochowa eine gute „Erholung“, besonders für die protestantischen Seelen. Für einzelne war es der erste Gottesdienst ihres Lebens. Sicher nichts Umwerfendes – aber immerhin polnisch und protestantisch, was wirklich eine außergewöhnliche Kombination ist!

Und sonst so?

Częstochowa, Foto: Thea Sumalvico

Jahrmarktatmosphäre in Częstochowa, Foto: Thea Sumalvico

Krakau ist eine wunderbare Stadt mit einem manchmal südländischem Flair und wahnsinnig viel Leben. Es gibt einen riesigen Marktplatz, um den herum abends die Menschen sitzen. Einen Burgberg über der Weichsel. Viele tolle Kirchen. Wunderschönen Cafes und Kneipen. Gutes, polnisches Essen (und Trinken!). Um es kurz zu machen: Fahrt mal hin!

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Ein Kommentar

  1. Tabea

    Der Artikel beschreibt die Fahrt wunderbar, genauso war es. Vielen Dank Thea :)

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