Mein eigener Klagepsalm

Vor meinen Augen flimmert es
Einzelne Pixel formen sich zu einem Bild
Fernsehen – Nachrichten
Japan – Tsunami, Erdbeben
Häuser werden weggeschwemmt
Wie eine Sandburg, die ein Kind am Strand gebaut hat
Kinder – Wie viele werden gestorben sein?
Aus dem AKW Fukushima dringt Rauch
Unsere Erde vergiftet
Libyen – ein unterdrücktes Volk rebelliert
Gaddafi schießt – die UNO auch
Es flimmert
Ich schließe meine Augen
Doch auch jetzt kann ich den Bildern nicht entfliehen
Ich denke zurück nach Südafrika
Wie mein 5-jähriger Gastbruder mir erklären konnte, wie man Klebstoff schnüffelt
Wie mir schon am ersten Tag Drogen angeboten wurden
Wie ich um Essen angebettelt wurde
Wie bei meiner Gastfamilie dreimal eingebrochen wurde
Wie eine Freundin schwanger wurde, von der Schule flog und heiraten musste
Wie Väter verschwanden
Wie ein Mädchen sich umbrachte, aus Angst vor der Zukunft
Wie der immer noch währende Rassismus das Land zerfrisst
Warum Gott, warum?
Zorn kommt in mir hoch
Ich habe einen schalen Geschmack im Mund
Gott, du bist der Allmächtige, der Liebende
So wird es mir erzählt
Zweifel
Ich wende mich ab von dir
Meine Fäuste ballen sich
Und mit einem Ruck mache ich die Augen auf
Im Fernsehen flimmert immer noch eine Reportage über Fukushima
Gott, du bist entsetzlich
Wie konnte ich je an dich glauben?
Ich renne
Will weg von diesem Gott
Ich atme schneller, keuche, falle zu Boden
Als ich mich wieder aufrappele, habe ich ein Gänseblümchen in meiner Hand
Ich betrachte es, lasse mich langsam wieder zu Boden gleiten
Das Blümchen sieht wunderbar aus
So einfach und doch komplex
Und plötzlich fällt mir wieder das Lächeln ein
Das Lächeln meiner südafrikanischen Freunde
Die Kraft dieses Lächelns kam von Gott
Mit dem Gänseblümchen in der Hand denke ich an die Schöpfung
Hast du diese Welt gemacht, Gott?
Und sie dann verlassen?
Wo ist deine Macht, die du nicht präsentierst?
Wo dein liebevolles, gütiges Handeln?
Ich schaue dem Ziehen der Wolken zu
Und weiß auf einmal wo du bist, Gott
Du bist hier bei mir, wo ich so verzweifelt nach dir suche
Du warst bei jedem Südafrikaner, der mir ein Lächeln schenkte
Du warst bei dem Überfallenen in der Samaritergeschichte
Du warst bei Hiob
Du warst bei Jesus am Kreuz
Du bist in Japan, in Libyen
Du leidest, so wie ich
Ich klage und du hörst zu
Ich schreie und du beruhigst
Ich verzweifle und du zeigst mir einen Weg
Ich suche und du findest
Mir wird wärmer
Die Sonne kommt hinter den Wolken hervor
Es flimmert
Gott, du gibst mir eine Aufgabe
Verantwortung zu tragen für die Leidenden
Damit ihr Schrei nicht verstummt
Gott, ich verstehe
Der Wind zerzaust mir die Haare
Bäume um mich herum knacken, Blätter rascheln
Die Sonne verteilt ihr Licht
Die Welt lächelt und ich lächele zurück

Dieses Gedicht entstand im Frühjahr 2011 als die Autorin sich im Rahmen einer schulischen Facharbeit mit der Theodizee-Frage beschäftigte.

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