Luther als Vorbild der Kirche – und dann waren da noch die Juden
Schedelsche Weltchronik (1493, gemeinfrei)

Man kann ja zur Lutherdekade so oder so stehen, zeitlich stehen wir mittendrin. Sie läuft schon Jahre und endet 2017, im Jubiläumsjahr des Thesenanschlags.

Im Rahmen eines Seminars in Berlin ist mir der folgende Gedanke gekommen: Martin Luther, der bei uns bekannteste und wichtigste Reformator, war schon ein schwieriger Charakter. Wir Protestanten haben ihm zweifelsohne viel zu verdanken, doch kann er als Lutherdekade-Vorbild hochgehalten werden, wenn man sich seine persönliche Entwicklung in Hinsicht auf die Juden vorhält?

Dazu bin ich nicht der erste, der etwas sagt. Die Zeitschrift Evangelische Aspekte setzte sich im vergangenen Jahr ausgiebig mit Luthers Antijudaismus und Reaktionen der letzten hundert Jahre auseinander. Ein höchst lesenswerter Artikel. Er nimmt Bezug auf die Nazi-Zeit, in der Luther als der größte Judenfeind aller Zeiten dargestellt wurde; bis hin zur EKD-Denkschrift Nr. 144 mit dem Titel „Christen und Juden“ aus dem Jahr 2000 (Dort wird beispielsweise der Rheinische Synodalbeschluss von 1980 bestätigt, dass es abzulehnen sei, Juden zu missionieren. Ja, so lange ist das noch nicht her). Die Denkschrift und tiefergehend auch mein Seminar versuchen Luthers Weg in Ansätzen nachzuzeichnen und seine Entwicklung in der Haltung gegenüber Juden zu erklären. Was besagter Artikel jedoch fordert, ist „aus der Ablehnung von Luthers Judenhass Konsequenzen für die Vorbildstellung des Reformators für den Protestantismus zu ziehen.“

Nun fragt sich die geneigte Leserschaft vermutlich, was denn Luther judenfeindliches von sich gegeben habe. Da findet sich zuvorderst eine Schrift mit dem schlagenden Titel „Von den Juden und ihren Lügen” (1543), dann aber auch subtilere Schriften (wie „Daß Jesus Christus ein geborener Jude sei“ 20 Jahre zuvor) und Tischreden. Die überlasse ich der eigenen Lektüre, lesenswert sind sie allemal.

In Luthers frühen Jahren wird immer wieder deutlich, dass er sich um Juden bemühe und für eine bessere Behandlung durch Bürger und Obrigkeit sei. Er schreibt: Man müsse das Hebräische lernen und mit den Juden über ihre eigene Schrift, unser Altes Testament, auf Augenhöhe reden, dann würden sie ganz von alleine überzeugte Christen werden, wenn man sie anständig behandele. Hätte man jedoch die Christen so behandelt, wie Luthers Zeitgenossen die Juden behandeln, schreibt er, so wäre er selbst eher eine Sau als ein Christ geworden.
In späteren Jahren fühlt sich Luther zunehmend in seiner Großmütigkeit ausgenutzt und ist enttäuscht, dass sich kaum Juden dem Christentum anschließen. In der Schrift von 1543 verfasst er sieben Ratschläge an die Obrigkeit, in denen er das Verbrennen von Synagogen, das Zerstören jüdischer Häuser, Lehrverbot, Konfiszierung von Talmud und Gebetbüchern, Handelsverbot und Zwangsarbeit anrät.
Drei Jahre später starb er. Ein Kind seiner Zeit und noch vieler Jahrhunderte vor und nach ihm.

Und nun stehe ich da. Was kann, was darf, was soll die Kirche widerrufen? Reicht die Denkschrift von vor 13 Jahren oder muss vielleicht einer Lutherdekade eine Art „Aufarbeitungsdekade“ folgen, in der die Kirche sich auf allen Ebenen und besonders in den Gemeinden ins Gedächtnis ruft, wessen Erbe sie angetreten hat und haben? Kann die Evangelische Kirche in Deutschland vielleicht einen substantiellen Beitrag dafür leisten, dass Synagogen keine Polizeibewachung mehr brauchen?

Meinungen und Kommentare sind erbeten…

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8 Kommentare anzeigen

  1. Schön, dass sich der Autor fragt, wie Luthers Antijudaismus sich auf die lutherische Kirche ausgewirkt hat und wie dies in der Lutherdekade thematisiert wird.
    Schade, dass wieder nur das Augenmerk auf die „Anderen“ außerhalb des Christentums liegt, und Luthers Verdammungen der „Anderen“ in der Christenheit nicht bemerkenswert scheinen.
    Was ist mit den Täufern, mit Bodenstein zu Karlstadt, mit den Bauern?
    Als täuferischer Theologiestudent wünsche ich mir mehr Bewusstsein für die problematischen Aspekte Luthers (und anderer), und nicht eine Verengung auf bestimmte Gruppen.

    • Jonathan

      Tja, ich dachte mir halt, ich fange mal an. Ergab sich aus einer spezifischen Situation. :)
      Luthers Meinung zu ‚Täufern, Bodenstein, Karlstadt und den Bauern‘ ist mir allerdings auch noch nie so um die Ohren geknallt worden, wie’s mit seinen Ratschlägen zu den Juden passiert ist.
      Magst du deinen Wunsch möglicherweise noch etwas ausführen?

  2. Christopher

    Ich bin der Meinung, dass wir einmal prüfen sollten, ob wir aus Luther, einem, zwar theologisch genialen, aber dennoch einem von vielen Reformatoren nicht zu sehr einen charismatischen Kirchengründer gemacht haben. Manche von Luthers Schriften haben heutzutage wieder geradezu kanonischen Charakter. Dabei ist auch Luthers Theoloie ganz klar kontextuelle Theologie (wie auch jede andere Theologie!), die doch unseren heutigen Kontexten in vielen Teilen nur noch sehr bedingt entspricht. Das gilt generell und nicht bloß hinsichtlich Luthers Einstellung gegenüber Juden.

    Wir dürfen nicht vergessen, dass die relative Hochschätzung Luthers heutzutage wahrscheinlich wesentlich mehr und subtilere Gründe hat als lediglich seine theologischen Erkenntnisse und deren gesellschaftliche Folgen. Meiner Erfahrung nach schwingt in dieser Hochschätzung oft gleichermaßen eine gewisse Geringschätzung der katholischen Kirche und eine gewisse Überheblichkeit jener gegenüber mit: „Endlich hatte es mal einer gewagt und geschafft, gegen diesen korrupten und feisten Haufen anzustinken.“ Gleichermaßen herrscht manchmal das Gefühl vor, Luther habe die evangelischen Christen aus einer Bevormundung befreit, er habe die Lehre von der Hölle (oder auch vom Teufel) abgeschafft und die bedingungslose Vergebung der Sünden im Evangelium wiederentdeckt. Kurz: Luther ist zur Projektionsfigur eines neuzeitlichen individualistischen, vulgär-liberalen, theologisch ungebildeten Protestantismus geworden, der gleichzeitig Sozialneid und Ressentiments gegenüber der katholischen Amtskirche bedient und ein Gefühl des Besserseins vermittelt. Zudem kommt Luther in manchen Gegenden Deutschlands auch eine gewisse wirtschaftliche (touristische) und identitätsstiftende Bedeutung zu.

    Was das Verhältnis von Christen und Juden angeht: Natürlich sind die Positionen, die Luther in seinen späten Schriften einnimmt, nicht tragbar. Aber auch das vernichtende Urteil über Luther, das Bernd Rebe in „Evangelische Aspekte“ spricht, ist unverhältnismäßig. Schon zu Beginn seines Artikels legt er seine Meinung dar: „Luther war sein Leben lang Judengegner.“ In welcher Hinsicht Luther „sein Leben lang Judengegner“ war, erläutert er hingegen nicht. Den Versuch, Ursachen für Luthers deutlich erkennbaren Gesinnungswandel im Lauf der Jahrzehnte zu nennen, bezeichnet er als Unterstellung entschuldigender Motive. Als wäre Luther die Ursache für die Katastrophe im 20. Jh. gewesen! Freilich sind die „Erklärungen“, die die Denkschrift liefert, ungenügend. Das heißt aber nicht, dass es nicht möglich wäre, Gründe für den Wandel zu finden.
    So merkwürdig das auch klingen mag: Luthers Gegnerschaft und späterer Hass gegen die Juden war stets theologisch motiviert. Wenn also später die Nazis bzw. Deutschen Christen Luther als Begründung für den rassisch und biologistisch motivierten Judenhass heranzogen, sind das zwei verschiedene Ebenen und ist das bereits ein Missbrauch des lutherischen Denkens. Das soll nicht der Versuch sein, Luthers Hassschrift zu entschuldigen. Jedoch plädiere ich dafür, dass es nicht in gesonderter Weise nötig ist, sich von Luthers spätem Judenhass im 16. Jh. gesondert zu distanzieren, weil er als Katalysator eines „evangelischen“ Judenhasses im 20. Jh. herhalten musste. Schon eine generelle und grundsätzliche Distanzierung gegenüber jeglicher Gewalt aus religiösen/ethnischen/rassischen etc. Gründen schließt das ein und die ist bereits geschehen.

    Zur Frage der Judenmission: Gerade da herrscht meiner Meinung nach noch einiges an Klärungsbedarf. Wir erinnern uns noch, wie Ratzinger in das Karfreitagsgebet die Mission der Juden aufnahm und damit einen Eklat auslöste. Dabei berief er sich natürlich nicht auf Luther, sondern dieses Anliegen gehört schon seit fast 2000 Jahren zur Kirche Christi. Sowohl der rheinische Synodalbeschluss als auch die EKD-Denkschrift berufen sich auf Abschnitte in dem paradigmatischen Text Röm 9-11. Darauf, dass darin aber auch von Paulus vorausgesetzt wird, dass Gott die Juden verstockt habe (Röm 11,7ff.) und ersich das auch selbst kaum erklären kann (Röm 11,33ff.), wird verständlicherweise nicht eingegangen.

    Außerdem scheint es mir wichtig, auf den Wortlaut des Synodalbeschlusses zu achten: §4(6): „Wir glauben, daß Juden und Christen je in ihrer Berufung Zeugen Gottes vor der Welt und voreinander sind; darum sind wir überzeugt, daß die Kirche ihr Zeugnis dem jüdischen Volk gegenüber nicht wie ihre Mission an die Völkerwelt wahrnehmen kann (…).“ Hier wird keinesfalls gesagt: „Wir dürfen Juden nicht missionieren.“, sondern bestenfalls: „Die Mission von Juden muss anders aussehen als die von Heiden.“ Der Begriff von Mission wird erweitert, nicht die Einstellung zur Judenmission verändert! Das Verhalten, das anstelle von dem klassischen Begriff der „Mission“ gegenüber Juden angebracht sei, ist das „Zeugnis geben“ und die „Begegnung“ (Abschn. 3.4 aus der EKD-Denkschrift). Das wiederum entspricht inhaltlich voll und ganz unserem Verständnis des Begriffes Mission im 21. Jahrhundert. Und dieses Verständnis hatten auch Paulus und Luther.

    Daher ist es meiner Meinung nach unredlich zu behaupten, wie ich es öfter mitbekommen habe, man dürfe nicht erreichen wollen, dass Juden an Christus glauben oder man dürfe Juden nicht missionieren, während man sich dabei auf Paulus (Röm 9-11) beruft. Deswegen empfand ich auch die Reaktion mancher Evangelen auf das Karfreitagsgebet Benedikts XVI. sehr unreflektiert.

    Jetzt ist meine Antwort doch wesentlich umfangreicher ausgefallen als ursprünglich geplant. Ich hoffe doch, dass sie ein paar Denkanregungen liefert. :)

    PS @Wiedertäufer: Vollkommen berechtigtes Anliegen! Niemanden sollte man so sehr differenziert betrachten wie seine Helden …

    • k.T.

      Danke, Christopher! Kann Deinem scheinbar sehr differenzierten Kommentar nur zustimmen.

  3. Michael Krämer

    Von Luthers Antijudaismus bis zum politischen Antisemitismus war es zwar ein ca. 400 Jahre währender, aber doch ein gerader Weg. Ohne die evangelische Volkskirche und den in ihr tief verwurzelten Antijudaismus wäre die Festigung des Naziregims und seine Politik der Judenvernichtung nicht möglich gewesen. Mehr dazu finden Sie hier:

    http://f3.webmart.de/f.cfm?id=2614366&r=threadview&t=3980729&pg=1

    • Nun, sie mögen vielleicht recht haben. Aber in Ihrem Verlinkten Beitrag bringen Sie die Fakten ganz schön durcheinander: Zu behaupten „Von den Juden und ihren Lügen“ wäre eine „grundlegende“ Lutherschrift ist doch quatsch. Vor den Nazis hat diese Schriften kaum jemand rezipiert!
      Außerdem finde ich es hinterhältig, Luther ein „geplantes Progrom“ zu unterstellen, welches er nur nicht ausführen konnte, weil er starb. Das ist doch eine unsinnige Argumentation.
      Mag sein dass Luther, besonders in seinen späten Jahren, ein Antijudaist war. Aber ihm den Antijudaismus schlechthin (oder gar den Antisemitismus des 20. Jahrhunderts) in die Schuhe schieben zu wollen, ist einfach Unsinn.

  4. Petzi

    Empfehlung zur differenzierten Einführung von kompetenter Seite: Thomas Kaufmann: „Luthers ‚Judenschriften‘ – Ein Beitrag zu ihrer historischen Kontextualisierung“, Tübingen 2011. Versachlichung tut not, scheint mir.

  5. Michael Krämer

    Zur Klarstellung:
    Der Antijudaismus -wie er sich in Luthers Schrift von den Juden und ihren Lügen aus dem Jahre 1543 findet- diente in den 1930iger Jahren und insbesondere nach der Reichspogromnacht vom 09. auf den 10. November 1938 führenden Vertretern der evangelischen Kirche dazu, die Pogrome gegen die Juden und deren Ausgrenzung aus dem gesellschaftlichen Leben unter Berufung auf diesen Text Luthers zu rechtfertigen.

    Ich verweise insoweit noch einmal auf meinen obigen Link
    http://f3.webmart.de/f.cfm?id=2614366&r=threadview&t=3980729&pg=1

    und auf den Text des Thüringischen Landesbischofs Martin Sasse
    herausgegeben am 23. November 1938 mit dem Titel:
    „Martin Luther über die Juden: Weg mit ihnen!“.
    Siehe hier: http://www.digam.net/?dok=8498

    Insofern gibt es sehr wohl einen direkten Bezug zwischen den antijudaistischen Texten Luthers von 1543 und den antisemitischen Texten
    führender evangelischer Kirchenvertreter in den 1930iger Jahren.
    Selbstverständlich kann man Martin Luther nicht für den Antisemitismus in der Nazizeit verantwortlich machen, wohl aber führende evangelische Theologen, die sich zur Rechtfertigung des Antisemitismus der nazizeit auf die antijudaistischen Texte Luthers beriefen, und davon gab es nicht wenige. Immerhin gründeten 11 von 29 evangelischen Kandeskirchen im Mai 1939 das „Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“.
    Näheres siehe hier: http://www.kirchengeschichten-im-ns.de/Das%20_Entjudungsinstitut_.pdf

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