Unter Heiden (3): Soundtrack meiner Kindheit

Es wird musikalisch unter den Heiden. Diesen Monat beschäftige ich mich mit dem Soundtrack (m)einer Kindheit. Genauso wie beim letzten Mal habe ich auch diesen Titel geklaut, allerdings nicht bei einem alten Pionier-Lied. Jan Josef Liefers, bekannt durch seine Rolle als Prof. Boerne in den Tatort-Krimis aus Münster, schrieb vor ein paar Jahren ein Buch gleichen Namens und nahm dazu mit seiner Band Oblivion die Songs seiner Kindheit und Jugend in der DDR auf. Definitiv hörenswert. Ebenso wie die zahlreichen Songs, auf die ich in diesem Artikel verlinke.

Kinderland
Wer über Musik der Kindheit im Kontext ostdeutscher Lebensart schreiben will, kommt nicht an den großen Kinderliedermachern der ehemaligen DDR vorbei. Was Rolf Zukowski dem Fernsehgarten- und Hitparadenpublikum der alten BRD war, ist Rainhard Lakomy für zahlreiche Kinder diesseits der Mauer und des Grünstreifens gewesen. Der vielseitige Künstler verstarb dieses Jahr an Krebs. Sein bekanntestes Werk ist Der Traumzauberbaum. Die eigentümlichen Geschichtenlieder Lakomys waren (und sind) tatsächlich Soundtrack vieler Kindheiten. Sie begleiteten Aufstehen und Zubettgehen, wurden in Mußestunden, beim Mittagsschlaf im Kindergarten und anderswo gehört. Bis zum Schluss waren auch die Konzerte Lakomys gut besucht, von Kindern und ihren Eltern, die sich ihrer eigenen Kindheit erinnerten. Eine Straßenumfrage in einer beliebigen ostdeutschen Stadt würde auch heute noch zu Tage fördern, dass das Moosmutzel jeden C-Promi, der seine Bekanntheit RTL zu verdanken hat, dem Bekanntheitsgrad nach abhänge.

Mal ’ne Einordnung
An Lakomy lassen sich darüber hinaus drei wichtige Beobachtungen machen, die für fast alle bekannten Musiker aus dem Osten zutreffen. Dazu gehören ihre sehr gute musikalische Ausbildung an den Musikhochschulen des Landes, die post-Wendenotwendigkeit, ihre Verstrickung in das politische System zu rechtfertigen, und die Schwierigkeiten, die viele Künstler nach der Wiedervereinigung hatten, im neuen kapitalistischen System Erfolg zu haben.

Berufsmusiker mussten, um als solche überhaupt eine Arbeitserlaubnis zu erhalten, eine abgeschlossene musikalische Ausbildung oder ein Musikstudium vorweisen. Was für ein Kontrast zu heutigen „Superstars‟! Natürlich führte dieser Zwang vielerorts auch zu systemkonformen Verhalten. Obwohl es unter den noch heute bekannten Musikern aus der ehemaligen DDR auch einige gibt, die durch oppositionelle oder zumindest kritische Texte aufgefallen waren, haftet dem Genre „Ost-Musik‟ immer noch das Stigma der Staats-Propaganda an. Und klar, wer mit seiner Band im „kapitalistischen Ausland‟ auftreten durfte, hatte zumindest einen IM im Gepäck oder war politisch unbenklich. Spätestens nach der Biermann-Ausweisung nahm die Überwachung endgültig paranoide Züge an. Noch heute müssen sich DDR-Künstler, die Reiseerlaubnisse erhielten – wie z.B. Reinhard Lakomy – dazu erklären. Und ja, es gibt sie ja, die staatskonformen Künstler, die auch nach der Wende fast nahtlos Erfolg hatten. Für viele andere Künstler war die Wende aber das (vorläufige) Ende ihres Erfolgs.

Die moderne Evolutionstheorie lehrt, dass auch andernfalls dem Untergang geweihte Arten in einer schmalen Nische weiterbestehen können. Zweifelsohne hat sich eine solche Nische des Ost-Rocks nach der Wende gebildet. Zu den Höhepunkten gehören die gemeinsamen Konzerte vieler Ost-Rocker in der Berliner Wuhlheide. Ein Habitat für die Schlagersängerinnen und Schnulzenbarden des untergegangenen anderen Deutschlands bietet zuverlässig der MDR mit seinen Musiksendungen. Dort erhalten Frank Schöbel & Co. ihr Gnadenbrot aus Gebührengeldern.

Kinderland II
Neben Lakomy ist es vor allem Gerhard Schöne, der den Soundtrack der Kindheit in der DDR und in den 90er-Jahren bestimmte. Mehr noch, nachdem man mit Jule wäscht sich nie und Ein Popel, ein Popel, ein Popel, oh la la ein wenig größer geworden war (nicht zu vergessen: Kalle, Heiner, Peter und Ein Junge weint nicht) , warteten da schon die nachdenklich-kritischen Lieder für „Erwachsene“.

Ungehobene Schätze
Ich kann hier nicht über das ganze Œuvre (yeah…) der Ost-Musik schreiben, nicht alles verlinken. Doch glaubt mir, es gibt da Lieder, die nicht nur Ostalgikern noch die Nackenhärchen aufrichten. Die mehr zu wecken im Stande sind als Erinnerung, sondern immer noch und bis heute etwas von der Sehnsucht, dem Fernweh und der Hintergründigkeit mit sich tragen, die ihre Erschaffer vor Jahrzehnten intendierten. Hört Euch Sunny an und schaut den Film, lauscht Lifts Und niemals (gesungen von J.J. Liefers), Sillys So ne kleine Frau und wer es tatsächlich immer noch braucht, kann auch das elende Gegeige bei Citys Am Fenster mal zur Kenntnis nehmen.

Ich wünsche Euch viel Spaß beim Entdecken!

Das nächste Mal: Unter Heiden: Glatzen, Punks und junge Christen

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2 Kommentare anzeigen

  1. Tim Wendorff

    Schade, leider grade keine Zeit alle verlinkten Lieder zu hören. Das ist schon kurios, wie auch heute noch Kindheitserinnerungen und kulturelle Prägung in Ost und West recht weit auseinander gehen. Wobei: Gehard Schöne ist auch fester Bestandteil meiner West-Kindheitserinnerungen. Aber Lakomy z.B. war mir bisher gänzlich unbekannt.

  2. Thomas Kaltenbrunner

    Wo bist Du, wo bist Du, warum kommst Du nicht?

    Warum wird denn diese gute Musik nicht mehr gespielt? Bei Silly scheint es mir ja so zu sein, daß man jetzt wieder auf die Beine gekommen ist, andere etablierte Künstler aber sieht man höchstens einmal bei einem Ost-Rock-Konzert oder in einer Fernsehsendung, die an die DDR erinnern soll. (An dieser Stelle ein Kompliment für den Seitentritt an den MDR. Daß ist auch ganz meine Meinung, daß sich dieser Sender den wehmütigen Blicken zurück in die DDR vieler Ostdeutscher verdankt.) Ich denke, bei vielen liegt es daran, daß sie einfach mit dem Kapitalismus nicht zurecht gekommen sind. Daß man Werbung für sich machen muss und es eigentlich nicht auf die Qualität der Musik ankommt, sondern auf die Gestaltung der CD oder den Auftritt im Fernsehen in einer großen Sendung. Vielleicht lag es ja auch daran, daß viele Westdeutsche keinen Zugang zu dieser Musik gefunden haben, denn viele Menschen hören ja nur Musik mit englischem Text und haben gar keinen Blick mehr für die Musik aus Deutschland. Dabei sind mir einige Texte als sehr tiefgründig in Erinnerung, auch wenn ich das Musikgenre an sich, z.B. Puhdys, nicht mag.

    Meinen Herzlichen Dank für den Artikel.
    Thomas Kaltenbrunner

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