Ein stiller Beobachter – der Tod in der „Bücherdiebin“
Foto: Blanvalet Verlag
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Die Bücherdiebin von Markus Zusak ist zwar kein Film, wird aber gerade verfilmt. Die Geschichte spielt im zweiten Weltkrieg. Das Außergewöhnliche: Der Tod ist der Erzähler  – das muss doch einige Konsequenzen haben, oder? Wer oder was ist dieser „Tod“? Welche Funktion erfüllt er im Gesamtkontext der Geschichte?

Es geht also, wie gewöhnlich, um den religiösen Gesichtspunkt dieses Buches (anhand der Figur des Todes), aber – und ich sage es noch einmal, da es beim letzten Mal anscheinend nicht klar war – das ist nicht die einzige Weise, das Buch zu sehen. Man kann das Buch lesen und sich einfach an den Figuren erfreuen, an der bildhaften, fast schon lyrischen Sprache oder einfach an der Geschichte an sich, die einem auf die beste Art und Weise das Herz immer wieder bricht. Es gibt viele Zugänge und das hier ist lediglich einer davon.

Zum zweiten wie gehabt: Der Eintrag enthält Spoiler, obwohl das Ende im Buch selber

schon am Anfang verraten wird, aber trotzdem: Falls ihr es noch nicht gelesen habt, kann ich euch nur wärmstens empfehlen, das unbedingt nachzuholen. Ihr werdet es nicht bereuen.

Prolog

„Darum, wie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und durch die Sünde der Tod – so ist der Tod zu allen Menschen durchgedrungen, weil sie alle gesündigt haben“ Röm 5,12

Markus Zusak , der Autor der „Bücherdiebin“, hat, das muss man ihm lassen, gänzlich davon abgesehen, sein Werk mit irgendwelchen hochtrabenden Zitaten anzufangen. Das muss ich jetzt natürlich sofort nachholen ;-). Bevor wir nämlich auf den Tod in der Bücherdiebin eingehen, will ich ein wenig über den Tod in der Bibel sprechen. Dort spielt er nämlich keine unerhebliche Rolle. Der Tod ist eine der Mächte der Welt, die die Menschen beherrschen. Ursprünglich – im Paradies – gab es keinen Tod. Das ist auch sinnvoll: Gott wird u.a. mit dem Leben identifiziert – er ist ein Gott der Lebenden. Wenn also die Beziehung zwischen Mensch und Gott ungestört ist, kann es auch keine Trennung von Gott geben, indem man stirbt. Das kommt erst durch den Sündenfall zustande und diese Trennung von Gott – vom Leben, bedeutet letztendlich, dass man sterben muss. Erst durch Tod und Auferstehung Jesu Christi wurde dieser Graben überwunden und gewährleistet, dass das Leben über den Tod hinaus besteht, dass die Gottesbeziehung über den Tod hinaus besteht.

Für die Ausführungen, die jetzt kommen, ist also zu behalten: Der Tod herrscht über den Menschen, weil dieser von Gott getrennt ist. Eine Trennung, die der erste Mensch (und durch ihn alle nach ihm) selbst hervorgerufen hat.

„Eine kleine Bemerkung am Rande: Ihr werdet alle sterben“ (Die Bücherdiebin – S.9)

Bevor ich nun zur Darstellung des Todes in der „Bücherdiebin“ komme, noch eine kurze Zusammenfassung, was im Buch passiert:

Liesel, ein kleines Mädchen, kommt 1939 nach Molching, einem kleinem Vorort von München. Sie und ihr Bruder müssen zu Pflegeeltern, Hans und Rosa Hubermann, denn ihre richtigen Eltern sind Kommunisten. Ihr Bruder stirbt auf dem Weg. So begegnet sie zum ersten Mal dem Tod und bei der Beerdigung ihres Bruders stielt sie ihr erstes Buch.

In Molching, in der Himmelsstraße beginnt nun ein neues Leben für Liesel. Sie findet Freunde. Sie lernt lesen und schreiben. Sie stiehlt weitere Bücher. Doch immer nebenbei tobt der Wahnsinn des 2. Weltkriegs und des dritten Reichs. Das erfährt der Leser durch Anmerkungen des Todes und durch Dinge, die in Liesels Leben geschehen: Bücher werden verbrannt, Liesels Familie versteckt einen Juden im Keller, während andere Juden durch Molching nach Dachau getrieben werden. Am Ende, ja am Ende da fallen Bomben auf die Himmelsstraße und erschlagen alle ihre Bewohner. Nur Liesel nicht, die im Keller sitzt und die Geschichte ihres Lebens aufschreibt. Dieses Buch findet der Tod und erzählt anhand dieser Aufzeichnungen und seiner eigenen Erfahrungen Liesels Geschichte.

I Der Beobachter, der das Ende kennt

„Zuerst die Farben. Dann die Menschen. So sehe ich die Welt normalerweise. Ich versuche es zumindest.“ (S. 9)

Das ist die offensichtlichste Funktion: Der Tod wandert durch die Welt und betrachtet die Menschen, nein nicht die Menschen, sondern die Farben, weil ihn das Leid der Hinterbliebenen zu sehr mitnimmt. Doch manchmal, da kann er nicht anders, da schaut er hin und hört den Geschichten zu, die sich ereignen. Natürlich ist klar, wie es ausgeht: Das Leben der Menschen ist geradlinig, auf das Ende hingerichtet, aber das WIE ist jedes Mal anders.

Dabei bleibt der Tod nicht unberührt vom Schicksal der Menschen. Er beobachtet, er bewertet. Manche Arten zu sterben findet er schlimmer als andere. Manche Menschen findet er sympathischer als andere. Selbst einige Seelen (vor allem die, die besonders vor Leben strotzen) rühren ihn mehr an als andere Seelen. Die besonders schönen merkt er sich als Beweis dafür, dass trotz allem das Leben es wert ist, die Menschen es wert sind.

Dabei bemerkt er immer wieder, dass die Menschen ihn überraschen, im Guten wie im Schlechten. Sie sind für ihn ein Rätsel. Wie kann etwas gut und schlecht zugleich sein? Ein Rätsel, auf das er keine Antwort findet.

Manchmal wird er wütend über das Geschehene, will am liebsten eingreifen, klagt Gott an, warum er das geschehen lässt. Doch niemand antwortet ihm und er selbst kann nichts gegen das Unglück tun. Auf Gedeih und Verderb ist er der letzte Zeuge, der zuschaut und machtlos bleibt. Und so versucht er seinen Blick von den Menschen abzuwenden und betrachtet die Umgebung, die Wolken, die Farben, doch die verlängern sich und werden zum Ausdruck des menschlichen Geschehens um ihn herum (so schaut er z.B. in einem Lazarett, wo die Verletzten von Stalingrad liegen, durch eine Öffnung, durch die man den Himmel sehen kann – und auf den Wolken zeigen sich die Fußspuren des Führers, der natürlich verantwortlich für das alles ist). Die Farben und die Geschichten – zusammen wird daraus ein fast zauberhaftes Bild der Welt.

II Der letzte Freund, der wenigstens etwas retten will

„Irgendwann einmal werde ich über euch allen stehen, so freundlich, wie es mir möglich ist. Eure Seelen werden in meinen Armen liegen. Auf meiner Schulter wird eine Farbe ruhen. Sanft werde ich euch davontragen.“ (S.10)

Eine der bemerkenswertesten Eigenschaften des Todes in der „Bücherdiebin“ ist, wie sanft er ist, was für ein mitleidiges Herz er hat. Selbst wenn er es selber wahrscheinlich nicht so sehen würde. Wie bereits im Absatz davor anklang: Der Tod bleibt vom Schicksal der Welt nicht unberührt. Er leidet mit. In einer Art und Weise geht er zum tiefsten Punkt der menschlichen Existenz und rettet und heilt wenigstens die Seelen für die Ewigkeit. Er wickelt Soldaten aus Stacheldraht aus, klettert zusammen mit den vergasten Juden aus den „Duschen“ von Auschwitz, fängt diejenigen auf, die sich verzweifelt über eine Klippe werfen bevor sie unten aufschlagen. Die kalte, kranke Seele von Liesels Bruder nimmt er und wärmt sie, lässt sie heilen. Dabei freut er sich nicht über das vorzeitige Ableben der Menschen. Er sieht es eher als einen Raub, als etwas Tragisches an, was nicht sein sollte, aber gegen das er nichts tun kann. Wenn keiner mehr weint und angerührt ist, so weint er wenigstens über das verlorene Leben. Und was für eine Freude ist es für ihn, wenn einer gegen ihn kämpft und nicht stirbt. Freude und ein kurzer Moment der Ruhe. Der Tod freut sich nicht über diejenigen, die sich ihm aufdrängen, die Selbstmörder. Doch wenn sie es wirklich wollen, kann er sich ihnen nicht verweigern.

Nur denjenigen, die nach einem langen und erfüllten Leben sterben, die keine Angst mehr haben und nun alles zurücklassen können – denen begegnet der Tod wie ein Freund und gemeinsam gehen sie in die Ewigkeit.

III Der müde Arbeiter

„Es war ein denkwürdiges Jahr [1942], […]. Vergesst die Sense – ich hätte einen Besen oder einen Wischmopp gebraucht. Oder Urlaub.“ (S. 335)

Der Tod ist nicht der Freund des Krieges. Er ist sein Diener. Der Krieg sendet ihn hier und dorthin, und zum Glück ist der Tod kein Mensch, denn einem Menschen wäre es unmöglich, all die Seelen aufzusammeln. Er ist ein technisches Wunder. Er ist der Handlanger Hitlers. Egal wie müde er ist. Er wird die Toten aufsammeln.

Es gibt da ein Missverständnis im Krieg. Die Soldaten glauben, dass sie aufeinander zu laufen, aber eigentlich laufen sie nur dem Tod entgegen. Sie sehen ihn bloß nicht.

Der Tod macht vor niemanden halt. Egal wie freundlich eine Person ist, egal wie geliebt sie ist. Er wird kommen und sie mitnehmen.

Das weiß der Tod. Er weiß, dass das sein Fluch ist. Er sieht das Leid und will, dass es aufhört. Aber es sterben immer und immer wieder Menschen und er ist so müde. Das Herz des Todes schlägt in Kreisen (nicht wie die Menschen, deren Herzschlag geradlinig ist). Das bedeutet er kann überall sein. Das bedeutet er wird für immer sein, egal wie müde er ist.

Der Tod beneidet die Menschen: Sie sind wenigstens in der Lage, zu sterben.

IV Der Verfolgte

„Ich bin nicht gewalttätig. Ich bin nicht bösartig. Ich bin das Ergebnis.“ (S.13)

Der Tod ist nicht derjenige, der das Ende des Lebens herbeiführt. Es sind die Umstände: Hunger, Krankheit, andere Menschen. Er ist nur da, um die Reste der menschlichen Existenz aufzusammeln. Wenn es nach ihm ginge, würde jedes Leben erfüllt enden, würden die Menschen es nicht vorzeitig verlieren. Aber es ist so, wie es ist. Nicht der Tod fordert das Leben der Menschen, sondern die Menschen fordern vom Tod, dass er sie mitnimmt. Ob er will oder nicht, er kann es ihnen nicht verweigern und das ist sein Fluch.

Epilog

„die einzige Wahrheit […], die ich wirkliche kenne [ist] […] Ich bin von Menschen verfolgt.“ (S.586)

Was bedeutet das alles nun? Der Tod ist eine Macht in der Welt. Doch er herrscht nicht. Er ist eher der hilflose Beobachter, entsetzt und traurig über jedes verlorene Leben. Er handelt nicht, sondern ist das Resultat menschlichen Handelns. Er ist ewig, aber er hört Gott nicht. Und irgendwie erinnert das auf eine ganz fremde Art und Weise auch an den Tod in der Bibel. Natürlich, bei Paulus ist der Tod eine durch und durch negative Macht und hat nichts von der Sanftheit des Todes in „der Bücherdiebin“, aber die Tatsache, dass der Tod vom Menschen hervorgerufen wird und eine Ausdruck der Trennung von Gott ist, passt. In einer Welt, wo die Menschen Gott und der Ewigkeit vollkommen entfremdet sind, – oder wäre es besser, zu sagen: Wo Gott der Welt vollkommen entfremdet ist – wird der Tod zu einer Verbindung zur Ewigkeit. Er nimmt die Seelen, er heilt sie, er klettert mit ihnen Richtung Ewigkeit. Auch wenn er nicht weiß, wohin das führt. Der Tod wird zum übernatürlichen Verbündeten, nicht Verfolger, nicht Henkermeister sondern mitleidigen Zuschauer. Auf eine Art und Weise wird er zum Tröster für die Toten.

Was in der Bücherdiebin fehlt, ist der Schritt zur Überwindung des Todes. Die wirkliche Hoffnung, dass das Leben nach dem Tod weitergeht, das nicht alles im Dunklen endet. Hier ist der Tod ein ewiges Wesen, das sich wünscht aufzuhören und doch nicht kann. Es würde ihn trösten zu wissen, dass Gott letztendlich auch seinem verfluchten, im Kreise schlagenden Herzen ein Ende gesetzt hat.

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5 Kommentare anzeigen

  1. Hans-Christian Bandholz

    Eine tolle Darstellung(!), dich nicht zuviel vorwegnimmt und Lust auf die bewegende Schönheit des Romans macht. Vielen Dank!

    • Elisabeth Koppehl

      Dankeschön. Es freut mich, dass es dir gefallen hat.
      Elisabeth

  2. Vielen Dank für die Vorstellung des Buches. Hattest Du dazu schon mal was geschrieben, Deine Einleitung ließ das vermuten?! Besonders der letzte Absatz beinhaltet viel Wahres.

    Wer eine sehr kurzweilige Geschichte lesen möchte, die sich sehr gut eignet, Kindern (und ihren Eltern) den Tod einschließlich christlicher Hoffnung zu vermitteln, dem empfehle ich »Sommerland« von Eivind Skeie, mit Illustrationen von Robert Stulier.

    • Elisabeth Koppehl

      Hallo
      DAnke für den Kommentar :-). Zu dem Buch selber hatte ich noch nichts geschrieben, aber meine beiden Blogeinträge davor waren über Filme, deshalb die Einleitung. Und danke für den Buchtip ich werde ihn mir mal ansehen.
      Elisabeth

  3. Gela

    Hey Elli,

    den Tod aus der „Bücherdiebin“ hast du ganz wundervoll geschildert, danke! Ist schon ne Weile her, seit ich das gelesen habe, aber jetzt bin ich wieder voll drin. Die Verbindung, die du zum Tod der Bibel schlägst, kann ich aber so nicht wiederfinden, zumindest nicht zu dem des Paulus. Dort bleibt der Tod der schlimmste aller Feinde, der mit Jesus besiegt wird! Er bleibt „der letzte Feind, der besiegt werden wird.“ (1.Kor 15,26. Übrigens solltest du über einen Blogeintrag zu dieser Stelle bei Harry Potter nachdenken ;p) Der Sanfte, der die Menschen aufnimmt, erinnert mich eher an Darstellungen in weisheitlichen Schriften wie Kohelet…

    Grüße, Gela

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