Moment mal: Keine Vergebung für Hoeneß?

In dem Medienaufschrei rund um die Steueraffären des Präsidenten und Aufsichtsratsvorsitzenden des FC Bayern geht es nach wie vor hoch her.

An den beiden vergangenen Sonntagen in den Talkshows Günther Jauchs schien er jedenfalls keine Freunde mehr in der Öffentlichkeit zu haben. Menschen, die sich vorher gerne mit ihm fotografieren ließen, wenden sich von ihm ab. Die wenigen, die noch zu ihm halten, tun das nur unter dem Vorbehalt, Hoeneß sei vielleicht falsch beraten worden und die Schuld läge doch zumindest nicht bei ihm persönlich.

Schlecht ist, wer Schlechtes tut – oder doch nicht?

Außer Frage scheint zu stehen, dass, wenn er tatsächlich persönlich Schuld auf sich geladen, also bewusst Steuern hinterzogen hat – und alle Anzeichen sprechen dafür – er ein Mensch ist, mit dem man besser nichts mehr zu schaffen hat, ein schlechter Mensch.

Die Tatsache, dass er sich in vorherigen Aussagen besonders über die nun von ihm selbst begangene Straftat brüskiert hatte, scheint die Schuld noch zu verdoppeln. Er hat sich sozusagen selbst mit dem Stein abgeworfen (Joh 8,3ff) und seine Glaubwürdigkeit dadurch massiv in Frage gestellt.

Es scheint auf zwei Alternativen hinauszulaufen: Entweder es gelingt Hoeneß die Schuld beispielsweise  auf einen Steuer- oder Finanzberater abzuwälzen, und er bleibt damit in der Öffentlichkeit und für seine „Medienfreunde“ akzeptabel; Oder, er muss die Schuld selbst auf sich nehmen und ist für die Öffentlichkeitsarbeit und vermeintliche Freunde gestorben.

Diese Alternative scheint besonders aus christlicher Perspektive äußerst fragwürdig. Sind wir denn berechtigt nun mit Steinen zu werfen? Was ist eine angemessene, öffentliche Reaktion?

Kein Mitleid mit den Reichen!

Das Mediengemetzel um den Fußballstar erinnert an Skandale in jüngerer Vergangenheit: Der Plagiatsskandal um zu Guttenbergs Doktorarbeit im März 2011 und an die Kreditaffäre des Bundespräsidenten Wulff ca. ein Jahr später.  Im jährlichen Takt scheinen die Medien über ein prominentes Opfer herzufallen. Aber sind es denn wirklich Opfer?

Es widerstrebt geradezu, Mitleid mit diesen gefallenen Reichen und Mächtigen zuzulassen, weil sie ziemlich sicher eines nicht sind: unschuldig.

Die Überwindung von Hass und Gehässigkeit

Und dennoch kann gerade eine christliche Sichtweise auf die Debatte viel an Hass und Schuldhetze mildern und diejenigen Werte ins Bewusstsein rufen, um die es hier eigentlich geht. Es ist die Frage nach der Vergebung von Schuld angesichts individuellen menschlichen Versagens  und dadurch letztlich eine Frage der Liebe.

Besonders das reformatorische Menschenverständnis, in dem auch das Scheitern des Menschen mitgedacht wird, stellt die Frage nach Schuld und liebender Vergebung ins Zentrum.

Wird nicht jeder Christ in der Bibel dazu aufgefordert, seinem Nächsten zu vergeben, wie auch uns vergeben wird? Beten wir nicht genau das auch im Vaterunser (Mt 6,14)?

Weshalb Vergebung manchmal dennoch unmöglich scheint

Doch nun noch ein berechtigter Einwand: Es tut ihnen ja gar nicht leid!

Obwohl die Schuld offensichtlicher kaum sein könnte, haben sowohl Hoeneß als auch vor ihm zu Guttenberg und Wulff ihre Schuld bislang nicht zugegeben.

Sie haben nicht erkannt, oder zumindest nicht öffentlich bekannt, was eine Voraussetzung für zwischenmenschliche Vergebung zu bilden scheint: ihre Schuld! Natürlich könnte man die Selbstanzeige von Hoeneß als Schuldeingeständnis werten, doch diese ist, nichtsdestotrotz, überschattet von dem Verdacht, er habe sich letztlich nur vor dem Gefängnis retten wollen.

Es muss wohl offen bleiben, weshalb man so offensichtliche Fehler nicht zugibt. Doch könnte der Medienrummel durch eine öffentliche Entschuldigung wirklich viel schlimmer werden, als das Verdammtsein, das die Promis in Kauf nehmen, indem sie sich nicht entschuldigen? Ob das Verleugnen der Schuld letztlich existentielle Dimension hat, kann von außen nicht beurteilt werden. Diese Verleugnung wäre dann wohl Ausdruck des Getrenntseins von Gott, das schon Luther auf den Wunsch des Menschen zurückführte, er wolle selbst Gott sein. Nach dieser existentialistischen Deutung könnte man in den Mediendebatten exemplarisch das Dilemma des Menschseins wiederfinden.

Insgesamt machen es die kriminellen Promis sich und allen anderen denkbar schwer mit ihrer mangelnden Bereitschaft, Fehler einzugestehen. Fehler als menschliches Versagen zu verzeihen, ist in jedem Fall leichter, wenn als „Ausgleich“ oder „Gegenleistung“ des Schuldigen Reue gezeigt wird.

Der Weg aus dem Dilemma führt über Christus

Doch niemand hat gesagt, dass man es als Christ leicht hat. Gerade in solchen Situationen sind wir Christen dazu aufgerufen, nicht bei einer Strafaktion der Medien mitzumachen, die der Sehnsucht nach Gerechtigkeit scheinbar genüge tut.

Wir sind vielmehr dazu aufgerufen, auch ohne eine Gegenleistung oder eine Wiedergutmachung in Form eines Schuldeingeständnisses zu vergeben. (Lk 6,37: Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammet nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebet, so wird euch vergeben.)

Letztlich ist es der Auftrag zur Nächstenliebe, der eine christliche Perspektive auf aktuelle Berichterstattungen und ethische Diskussionen prägt. Es wird deutlich, wo eine christliche Perspektive ansetzen muss, wenn es um Hass und Hetze in solchen Mediendebatten geht: Bei dem Versuch einer liebenden und vergebenden Perspektive und Haltung.

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2 Kommentare anzeigen

  1. Haß und Hetze steht einem Christen sowieso nicht gut an, egal ob die Person um die es geht nun ihre Schuld bekannte oder nicht. Ich hab weder Hoeneß noch Wulff noch Guttenberg etwas zu vergeben, denn sie haben mir nichts getan (auch wenn ich keinen der drei Herren leiden kann und ich froh bin, daß Wulff und Guttenberg ihre Ämter nicht mehr haben – aber für Fehlbesetzungen hiet ich sie schon vorher).
    Von unserer Seite ist klar, wir sollen ihnen mit LIebe begegnen. Andersherum gesehen, aus ihrer Perspektive, wäre ein Schuldbekenntnis vielleicht doch etwas Erwägenswertes, denn es befreit. Wulff wird immer die Sache anhängen, genau wie Guttenberg und Schavan. Auch wenn alle Christen ihnen weiterhin liebevoll begegnen werden sie immer wieder daran gemessen werden. Bei Käßmann scheint mir das anders zu sein: Sie hat Scheiße gebaut und stand dazu. Und heute ist sie zwar nicht mehr Bischöfin, kann aber weiterhin ihrer Arbeit nachgehen, oder vielleicht sollte man sagen: Ihrer Berufung (was auch immer man von der Frau hält). Das Schuldbekenntnis und die Konsequen, daß sie von allen Ämtern zurückgetreten ist, war die Grundlage dafür, daß sie nicht lange weg vom Fenster war. So empfinde ich es jedenfalls. Aber kann irgendwer sich vorstellen, daß Wulff und Guttenberg nochmal in annähernd so gewichtige Positionen kommen wie sie innehatten? Und falls Hoeneß abgesägt wird in München, wird es das wohl auch gewesen sein mit der Karriere.

    • Das glaube ich auch. Den Vergleich mit Käßmann finde ich interessant. Die hat ja wirklich noch die Kurve gekriegt. Was aber meines Erachtens wirklich daran lag, dass sie mit ihrer Schuld anders umgegangen ist.

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