„Der deutsche Stuhl – Folter in Syrien“. Theater auf dem 34. DEKT

Es ist dunkel im Audimax der Uni Hamburg. Und es ist still. Ein Knall ertönt. Ich erschrecke. Aber es hat nur jemand etwas fallen lassen. Alle Zuschauer, die sich am letzten Abend des Kirchentages hierher getraut haben, schauen gebannt auf die Bühne. Was erwartet mich hier?

Keine Barmherzigkeit, keine Sympathie lautet die Devise

Ich beobachte die Bühne, sehe links eine Gefängniszelle, rechts drei Türen. In der Mitte ein großes Bild: ein erhängter Mann. Wir befinden uns in Syrien im Gefängnis Palmyra während der syrischen Besetzung des Libanons. Ein Mann betritt die Bühne, grüner Soldatenanzug, schwarze Schuhe, Schlagstock in der Hand. Er befiehlt den Gefangenen anzutreten und mit ihnen betritt ein anderer Mann im grünen Anzug die Bühne. Er wird im Laufe des Stückes zum Gefängniswärter ausgebildet. Keine Barmherzigkeit, keine Sympathie lautet die Devise.
Vier Gefangene, schwarz gekleidet, stehen mit gesenkten Köpfen ohne sich zu rühren da und erwarten Befehle. Der erste Schlag des Stockes lässt das Publikum aufraunen. Schreien und die Gefangenen verschwinden. Es ist sieben Uhr morgens und der neue Wärter lernt seine erste Lektion: Wann immer du Gefangene siehst, schlage sie! So wird schon das Frühstück für die Gefangen zum Wettlauf mit dem Tod. Nacheinander öffnen sich die drei Türen rechts und die Gefangenen erhalten ihr Frühstück inklusive Schläge. Eine Schüssel fällt um und der Verursacher wird bestraft. Zu zweit schlagen die Wärter auf ihn ein, bis er sich nicht mehr rührt. Stille. Zwei andere Gefangene werden gerufen und nehmen ihn mit, auch sie werden dabei verprügelt. In ihrer Zelle beraten sie, was sie machen sollen, schreien nach Hilfe, erhalten solange keine Antwort, bis ihr Mitgefangener gestoben ist. Sie haben gesehen, gespürt, gehört, wie der Wärter ihn umgebracht hat, müssen sich aber eine andere Todesursache ausdenken, um nicht auch den Zorn der Wärter auf sich zu ziehen.

Nach langer Zeit wird das Schweigen gebrochen

„Der deutsche Stuhl – Folter in Syrien“ ist nicht einfach nur ein Theaterstück. Es ist eine authentische Erzählung des wahrhaftig Erlebten. Das Stück ist auf Arabisch und die Darsteller sind keine Schauspieler, sondern Libanesen, ehemalige Gefangene, die während des libanesischen Bürgerkriegs verschleppt und zwischen zehn und fünfzehn Jahren im syrischen Gefängnis Palmyra unschuldig festgehalten wurden und unbegreiflicher Folter ausgesetzt waren. Durch eine Amnestie nach dem Tod des ehemaligen syrischen Präsidenten Hafez al-Assad im Jahr 2000 kamen sie alle frei. Sie wollen nach langem Schweigen ihre Geschichte erzählen, sich selbst ein Stück davon freimachen, aber auch auf die rund 600 Gefangen, die noch in syrischen Gefängnissen vermutet werden, aufmerksam machen. Authentisch wird in dem Stück von der Folter und dem unrechtmäßigen Festhalten ohne Gerichtsverfahren erzählt. Geständnisse werden erzwungen durch Folter, wie z.B. das Einquetschen in einen Reifen mit zusätzlichen Schlägen auf die Fußsohle oder durch den „deutschen Stuhl“, bei dem dem Opfer die Wirbelsäule gebrochen werden kann. (Diese Foltermethode heißt „deutscher Stuhl“, weil die Stasi sie angeblich dem syrischen Geheimdienst beibrachte). Als plötzlich die Rollen getauscht werden und der Wärter zum Opfer wird, wird deutlich, wie sehr die Wärter selbst unter Druck stehen. Auch der ehemalige Wärter wird zu zehn Jahren Haft aufgrund von Geständnissen, die unter Folter gemacht wurden, verurteilt. Jetzt wird deutlich: Der Erhängte auf dem Bild ist ein ehemaliger Wärter, der mit den Gefangenen sympathisiert hat.

„Der Mensch und seine Seele sind das Teuerste der Welt“

Wie kann man ein solches Leben aushalten? Eine anschließende Gesprächsrunde gibt Einblicke in die Gefühlswelt der Libanesen. „Ich werde diese Ungerechtigkeit nicht dulden“, hat sich ein ehemaliger Gefangener immer wieder gesagt, um nicht durchzudrehen. Andere haben sich gegenseitig Englisch beigebracht und den Koran auswendig gelernt. „Der Mensch und seine Seele sind das Teuerste auf der Welt“, sagt ein anderer und erklärt so, wie er weiterleben konnte: „Mir hat der Glaube an Gott geholfen, wir hatten alle einen Traum von Freiheit und er ist wahr geworden. Jetzt haben wir den Traum, vernünftig zu leben, der neuen Generation etwas beizubringen und vor allem nicht zu vergessen.“ Um nicht zu vergessen und um das Geschehene zu verarbeiten, haben ehemalige Gefangene die Organisation „Former Lebanese Political Detainees in Syria“ gegründet und studierten dieses Theaterstück in Kooperation mit der libanesischen Organisation „UMAM Documentation & Research“ ein. UMAM hat sich zur Aufgabe gemacht hat, den libanesischen Bürgerkrieg zu dokumentieren und aufzuarbeiten.

Ein kleines Licht der Hoffnung

Wie geht man damit um, das selbsterlebte in Theaterform wiederzugeben? „Man kann gar nicht alles zusammenfassen und man möchte auch nicht alles zeigen und spielen“, gibt einer der Darsteller zu, aber es helfe, das Geschehene zu verarbeiten, seinen versehrten Körper nach der Folter wieder anzunehmen und ein Zeichen zu setzen. Gegen Gewalt, Folter und Krieg, sowie gegen die heutige Situation in den syrischen Gefängnissen, die 2011 im Zuge der syrischen „Revolution“ wieder eröffnet wurden.

Über zehn Jahre haben diese Männer ihre Frauen, Kinder, Verwandte und Freunde nicht gesehen. Ihnen wurde Lebenszeit geklaut, sie wurden gefoltert und unterdrückt. Viele ihrer Mitgefangenen haben Suizid begangen, sie sind traumatisiert. Aber sie leben weiter, sie haben einen Traum, einen starken Glauben und sie haben Hoffnung. Das Lachen der ehemaligen Gefangenen am Ende der Diskussion erwärmt mich, sowie die Kerze, die das ganze Stück am Rande der Bühne brannte, Hoffnung auf eine friedvollere Zukunft schenkt.

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