Soviel du brauchst, soviel du kannst – Kirchentag 2013 in Hamburg

Markt der Möglichkeiten, Foto: Hans-Christian Bandholz | 2013

„Soviel du brauchst“ lautete das Motto des 34. Deutschen Evangelischen Kirchentages. In Hamburg wurde laut Ellen Ueberschär neben diese offizielle Losung die Bemerkung „Soviel du kannst“ gestellt. Die Generalsekretärin des DEKT macht damit deutlich, dass der Kirchentag vom 1.–5. Mai 2013 vom Thema der Inklusion bestimmt war.

Was war?

Bei gutem Wetter sind rund 119.000 Dauerteilnehmende aus ganz Deutschland und vielen anderen Ländern für fünf Tage zusammengekommen, um zusammen über die Kirchentagslosung nachzudenken, zu feiern, zu beten und über aktuelle Themen zu diskutieren. Die Veranstaltungen im Kirchentagsprogramm waren auch in diesem Jahr genauso vielfältig und bunt wie die Kirchentagsbesuchenden.

Getreu der Losung „Soviel du brauchst“ wurde bei diesem Kirchentag besonders viel über nachhaltiges Wirtschaften nachgedacht. Wie viel brauche ich wirklich zum Leben? Welche Bedeutung hat unser Glaube in einer Gesellschaft, in der arm und reich immer weiter auseinanderdriften? Gibt es so etwas wie eine christliche Wirtschaftskritik an der Religion des Kapitalismus?

Neuer Schwerpunkt Inklusion

Außer den traditionellen Zentren wie z.B. dem Zentrum Bibel oder dem Zentrum Umwelt, Frieden und globale Gerechtigkeit gab es in diesem Jahr erstmals ein Zentrum Inklusion. Nach dem Prinzip der Inklusion soll die Unterschiedlichkeit der Menschen, etwa ob mit oder ohne Behinderung, als normal anerkannt werden. Jeder Mensch hat unterschiedliche Stärken und Schwächen und wir alle können voneinander lernen. Jeder Mensch soll die Möglichkeit haben am gesellschaftlichen Leben uneingeschränkt teilzuhaben.

Neben verschiedenen anderen Podien im neuen Zentrum Inklusion gab es am Donnerstagvormittag eine Diskussion mit dem Bundespräsidenten Joachim Gauck: „Eine starke Gesellschaft – Was braucht sie? Wie sieht sie aus?“ Neben Gauck saßen der seit „Wetten, dass…?“ querschnittsgelähmte Samuel Koch und der ohne Finger geborene Kabarettist und Pfarrer Rainer Schmidt auf dem Podium. Beide brachten große Teile des Publikums mit ihrer erfrischenden Selbstironie immer wieder zum Lachen, viele Menschen waren offensichtlich aber auch sehr verunsichert. Darf man über Menschen mit Behinderung lachen? Die Frage stand im Raum. Oben auf dem Podium hielt derweil der Bundespräsident das Wasserglas für Samuel Koch und bei technischen Schwierigkeiten mit dessen Mikrofon hielt der Bundespräsident ihm ein Handmikrofon. Die Selbstverständlichkeit im Umgang mit Menschen mit Behinderung, die Gauck hier an den Tag legte, ist gelebte Inklusion.

Barrierefreiheit ist auf dem Kirchentag seit 30 Jahren Thema. Wenn dieser Kirchentag nun mit dem Zentrum Inklusion dazu beigetragen hat, auch „Gedankenbarrieren“, wie die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs sagte, zu überwinden und in Augenhöhe aufeinander zuzugehen, dann kann man das wohl als vollen Erfolg werten.

Was kommt?

Beim Abschlussgottesdienst im Stadtpark standen am Sonntag alle Teilnehmenden noch einmal versammelt beisammen – eine bunte und fröhliche Menschenmasse. Was nehmen die vielen Gäste mit vom Hamburger Kirchentag? Neue Bekanntschaften, müde Füße, stapelweise Material, gestärkten Glauben, einen blauen Schal, neue Anregungen, innere Fröhlichkeit? Und was kommt jetzt? Eine Antwort bietet Patricia Märkisch von der regionalen kirchlichen Öffentlichkeitsarbeit Stuttgart: „Und jetscht freu’n ’mer uns auf Stuttgart 2015.“ Na dann: Tschüß, Hamburg! Schön war’s!

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Ein Kommentar

  1. Erek Laatz, Beirat für Menschen mit Behinderung in Ostholstein

    Die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs nannte es „Gedankenbarrieren“, und in der Tat: Barrierefreiheit fängt in den Köpfen an. Dies sind die eigentlichen Barrieren in unserer Gesellschaft. Sie werden den meisten Menschen jedoch erst dann bewusst, wenn sie selbst betroffen sind. Sie abzubauen, ist die größte Herausforderung für unsere Gesellschaft. Sind diese Kopf-Barrieren aber überwunden, sind die physischen Barrieren ungleich schneller verschwunden. Ich wünsche uns allen viel Energie, Schwung, Elan und vor allem Freude bei der Gestaltung einer inklusiven und barrierefreien Gesellschaft.

    Herzlichste Grüße aus dem schönen Kreis Ostholstein, Ihr

    Erek Laatz

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