Mit Ntumba auf der Flucht? Markt der Möglichkeiten – Teil 3
Ntumba – Identity-Card vom Missio-Truck
aufgenommen von Hans-Christian Bandholz

„Missio-Truck“ im Einsatz, Foto: Hans-Christian Bandholz

„Habari ya Siku, ich bin Ntumba. Meine Eltern besitzen ein kleines Feld, auf dem sie Getreide und Gemüse anbauen. Ich verkaufe Waren meiner Eltern und Nachbarn auf dem Markt und träume davon, bald in den Coltan-Minen zu arbeiten und viel Geld zu verdienen.“

Soweit die (eine von vielen möglichen) Karte mit der Identität, die ich am Eingang vom Missio-Truck (Aktion „Schutzengel“), der auf dem Kirchentag 2013 stand, annehme. Ich bereite mich also auf die multimediale Ausstellung vor, die für die Ausnahmesituation Flucht und Vertreibung sensibilisieren soll.

Der Eingangsbereich ist als Markt mit allerlei Gewürzen und Krimskrams aufgebaut. Dieser entführt mich aus dem Kirchentags-Alltag in „exotische Ferne“. Durch eine winzige Tür geht es weiter und ich stehe in einem kleinen Raum mit Monitoren und einer Kirchenbank. In dieser „Kirche“ begrüßt mich in einem der Bildschirme ein Freund herzlich aber ernst. „Draußen“ fallen Schüsse und er rät mir: „Pack dein Leben zusammen!“

Ntumba

„Identitätskarte vom Missio-Truck“, Foto: Hans-Christian Bandholz

Die Lage scheint ernst zu sein. Milizen streifen durch das Dorf. Nun muss ich mich tatsächlich für einige wenige Dinge in meinem Rucksack entscheiden. Ein Sensor am Rand liest meinen QR-Code auf der Identitätskarte und ich muss innerhalb von 15 Sekunden auswählen, was mit soll. Wenn ich mich für eine Zahnbürste entscheide, bekomme ich zum Beispiel 500 Punkte. 1000, wenn ich meinen Pass mitnehme.

Ich will nun also Hygieneprodukte mitnehmen und Essen. Schien mir wichtig. Der Freund am Monitor lässt mich allerdings wissen: ich habe alle Entscheidungen falsch getroffen und hätte auf jeden Fall meinen Pass und meine Zeugnisse auswählen sollen, um mobil zu sein und einen Job zu finden. Ok, nun geht’s weiter in den nächsten Raum.

Ein schmaler Gang an der Seite eines LKW. Ein großer Monitor an der Front zeigt, wir sind auf der Fahrt. Der nette Fahrer wünscht uns viel Glück und mahnt noch einmal zur Vorsicht. Angekommen sind wir jetzt in Bukavu. Durch die nächste Luke geht es in einen weiteren Raum und Ntumba soll bei seiner Tante Majenga unterkommen. Von da aus finde ich als Fremder nur kleine Jobs, kaum Anschluss am sozialen Leben und lande im nächsten Raum im Trauma-Zentrum von Bukavu. Hier wird mir Hoffnung auf ein besseres Leben gemacht. Über einen letzten Raum, der über Flüchtlinge in Deutschland und Solidaritätsangebote textlich informiert und zum Spenden einläd, geht es wieder raus ans Tageslicht. Soweit so klar. Ich bin wieder ich selbst, nun aber mit einem schlechteren Gewissen über mein mit Rohstoffen aus „Krisenregionen“ gebautem Blut-Handy.

„Menschen auf der Flucht“ im Missio-Truck

„Menschen auf der Flucht“ im Missio-Truck, Foto: Hans-Christian Bandholz

Es ist als eine buchbare Erfahrung für Schüler oder Konfirmanden geplant, das mag auch funktionieren. Es handelt sich schließlich um ein preisgekröntes Computerspiel. Neue Medien mögen gut funktionieren, um ein Unterrichtsgespräch in Gang zu bringen. Als Spiel geht es aus meiner Sicht nur halb durch. Die Grafik ist sehr gut! Meine beim Taschepacken gesammelten Punkte scheinen allein das Gespräch mit der Tante marginal in der Länge zu verändern. Tatsächlich für eine Situation im Ostkongo sensibilisieren, gelingt zumindest bei mir nicht.

Aus dem Gespräch mit dem sympathischen Helfer des Projekts erfahre ich, dass der Truck der dritte seiner Art (die ersten informierten über AIDS) und eine Idee der Öffentlichkeitsabteilung von Missio ist und ohne jegliche Beteiligung von Flüchtlingen oder Vertriebenen geplant und vor allem initiiert wurde. Die Identitäten sind „Fallbeispiele“.

Echten Kontakt in die Republik Kongo gibt es wohl maximal über Gespräche in dem von Missio unterstützten, tatsächlich existierenden Trauma-Zentrum in Bukavu. Hier müssten die Betroffene zur Mitgestaltung eingeladen werden, sonst kann der Truck nicht ernst genommen werden.

Bitte nicht falsch verstehen! Vertreibung und politische Flucht sind reale Probleme, die uns in Deutschland näher sind als wir alle wissen.

Ich möchte nur die Frage stellen, ob hier nicht einmal mehr ein skurriles „Afrikabild“ gezeichnet wird. Über Kolonialisierung und deren Folgen muss gerade in unserer Kirche und unseren Unis mehr nachgedacht werden. Ein Hilfsprojekt von „Außen“ initiiert ist Unsinn. Eben dieses Nachdenken und Bewusstmachen über mögliche Folgen von Kolonialisierung und „Mission“ wäre ein provokanteres Thema für ein kirchliches Computerspiel.

Außerdem, wer träumt von der Arbeit in einer Mine? Ich will mit Ntumba über Gott und die Welt, über Bildung und Kultur quatschen. Mag sein, dass ich andere Begegnungsmöglichkeiten übersehen habe. Aber dieser Truck ist für einen Kirchentag kein Schritt in die richtige Richtung.

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2 Kommentare anzeigen

  1. Danke für diesen Artikel! Hat mich ehrlich interessiert wie dieses Spiel so ist, das doch den Deutschen Computerspielpreis gewonnen hat. Schade nur, dass es nicht wirklich innovativ ist…

  2. Pingback: Das Missio-Computerspiel „Menschen auf der Flucht“ | theologiestudierende.de

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