Unter Heiden: Tief im Osten

„Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt
Ist es besser, viel besser, als man glaubt!“

– aus Bochum von Herbert Grönemeyer

Wir begeben uns auf schwieriges Terrain. Wir reden über Ostdeutschland, die neuen Bundesländer, die Menschen der ehemaligen DDR und über die, die dort seit der Wende, seit der Wiedervereinigung geboren und aufgewachsen sind. Wir reden über die Weltregion mit dem höchsten Anteil an bekennenden Atheisten, über wenige boomende Städte, über entzückende Fußgängerzonen, über verlassene Dörfer. Wir reden über Vorurteile, Lebenserfahrungen und Perspektiven. Wir reden über Arbeit, Leben und Glauben.

Unter Heiden
Am letzten Montag des Monats beschreibe ich ostdeutsche Realität, wie ich sie kennengelernt habe. Ich wurde 1988 in Dresden geboren. Eine DDR-Vergangenheit habe ich nicht, wohl aber die Menschen, die mich aufzogen haben und mit denen ich hier lebe. Bin ich ein Ossi? Ist eine 1994 in Koblenz geborene Kommilitonin Wessi? Ich will beschreiben, ein bisschen auf- und anregen und vor allem den Vielen aus meiner Generation, die den „wilden“ Osten nicht kennen, schreiben.

Gibt es heute noch, zumal bei Menschen zwischen 15 und 35, eine ostdeutsche Identität? Lebt es sich im Osten anders als im Westen? Sind die Menschen unterschiedlich, gibt es eine ostdeutsche und eine westdeutsche Mentalität? Mon Dieu, das sind Fragen! Mir geht es hier gar nicht darum, endgültige Antworten auf sie zu finden. Ich glaube, umso intensiver man sich mit Ostdeutschland befasst, desto mehr Eindrücke wird man davon haben, wie es sein kann, im Osten zu leben, zu arbeiten und zu glauben. Diese Eindrücke will ich wiedergeben. Es geht mir auch nicht darum, jede Einschätzung mit Zahlen zu untermauern, man wird ohnehin widersprüchliche Angaben finden. Doch zu Beginn möchte ich wenigstens ein paar Kennzahlen betrachten.

Zahlen 1: Arbeitslosigkeit
Die Arbeitslosenstatistik der Agentur für Arbeit vom März 2013: nach wie vor liegen die ostdeutschen Bundesländer bei der Beschäftigung zurück, zum Teil dramatisch. Woran liegt das? In Ostdeutschland haben wir eine hohe Sockelarbeitslosigkeit, die zwar wegen der fortschreitenden Verrentung sinkt, aber immer noch signifikant höher ist als in den meisten Gebieten Westdeutschlands. Noch immer gibt es vor allem viele Männer, die, nachdem sie Anfang der 1990er-Jahre aus ihren Stellungen in der Schwerindustrie in die Arbeitslosigkeit gerutscht sind, keine dauerhafte Beschäftigung gefunden haben. Der Sozialstaat hat in den letzten 20 Jahren zahlreiche Aktionen in Anschlag gebracht: ABM, Frühverrentung, Fortbildung und 1 €-Job. Am eigentlichen Problem, nämlich dem Wegfall vollumfänglicher Arbeitsstellen an den ehemaligen Industriestandorten (Bitterfeld, Eisenhüttenstadt, Oberlausitz, etc.), hat das kaum etwas geändert.

Arbeitslosenquote in Deutschland nach Bundesländern im März 2013

Arbeit ist wichtig. Dort wo nur noch Wenige arbeiten, und die, die es tun, weite Strecken pendeln, nur halbtags tätig sind oder zum Amt müssen, um eine Zuzahlung zum mickrigen Lohn zu erhalten, entsteht zu Recht das Gefühl, abgehängt zu sein. Die Jungen sind eh schon fort. Drei Gründe gibt es für die hohe Sockelarbeitslosigkeit: 1) Die Rückständigkeit der Wirtschaft der ehemaligen DDR. Die Arbeiter und Betriebe arbeiteten verbreitet mit alten Methoden und Anlagen. Eine schnelle und professionelle Anpassung wurde im Schließungs- und Kapitalisierungswahn verpasst. 2) Der Sozialstaat pumpt(e) Jahre lang das Geld in unsinnige Qualifikationsmaßnahmen und unwürdige Arbeitsverhältnisse, statt vor Ort an der Etablierung eines 2. Arbeitsmarktes mitzuarbeiten. 3) Die Folgeprobleme der Arbeitslosigkeit, d.h. Alkoholismus, Hoffnungslosigkeit und Verwahrlosung der Gemeinschaften und Familien führten zu Problemen wie Jugendradikalisierung, mangelnde Schulbildung, mangelnde Eignung für einen Ausbildungsplatz, Privatinsolvenzen, Verschuldung, etc. Die gesellschaftlichen Kräfte – der Staat, Gemeinschaften, auch die Kirchen – haben es nicht geschafft, dafür rechtzeitig Abhilfe zu schaffen. Stattdessen sind Arbeitslose auch in vielen prosperierenden Kirchgemeinden – die es gerade in den Städten ja auch gibt – gänzlich ausgeschlossen.

Wichtig ist: Die Arbeitslosigkeitsproblematik (nicht die Arbeitslosenproblematik!) findet sich auch in Ostdeutschland nur in wenigen Regionen flächendeckend. Genauso wie es sie auch in westdeutschen Regionen wie Bremen, dem Ruhrgebiet und dem Saarland gibt. Und seit den 90er-Jahren wurde an vielen Orten eine extreme Verbesserung erreicht. Aber: Die Erfahrung der Arbeitslosigkeit, der Kontakt mit diesem „Phänomen“ in der eigenen Nachbarschaft, Gemeinde und Familie ist prägend auch für die jüngere Generation der Ostdeutschen. Welche Konsequenzen haben sie daraus gezogen? Welche Konsequenzen ziehen wir als Gesellschaft aus dieser Erfahrung?

Die Erfahrungen mit hoher, anhaltender Arbeitslosigkeit, die wir nach dem Zusammenbruch der DDR in unserem Land gesammelt haben, sollten uns nachdenklich über unsere Rolle im heutigen Europa stimmen, in dem sich die Jugendarbeitslosigkeit auf einem nie da gewesenen Höchststand befindet.

Zahlen 2: Ab in den Osten
Ich weiß gar nicht mehr, wie häufig ich schon in den sog. alten Bundesländern war – jedes Jahr mehrmals. Alle großen Städte sind bereist: Frankfurt, Köln, Hamburg, Hannover, München, ja selbst Karlsruhe, Bonn (!) und manche Stadt mehr noch. Dazu Regionen wie das platte (und ziemlich langweilige) Niedersachsen, das malerische Nordhessen und die Suburbs Bremens (furchteinflößend); Stationen der Familienurlaube im Schwarzen und Bayrischen Wald und an der Nordsee; hinzu kommen eine handvoll Uni-Städte von Heidelberg angefangen, über Marburg, Erlangen, Göttingen bis Wuppertal (alle so: yeah!). Von unserer Hauptstadt kenne ich mehr als nur Unter den Linden und den Potsdamer Platz, und auch bei kleineren Flecken wie Flensburg, Koblenz und Augsburg habe ich eine gute Vorstellung davon, auf welche Autobahn ich mein treues Gefährt lenken muss.

Gefühlt habe ich noch nicht viele (allerhöchstens 20%) Mitbürger ungefähr meines Alters, die in den sog. alten Bundesländern geboren wurden, kennengelernt, die es über Berlin, Leipzig und Dresden hinausgeschafft haben. Ok, vielleicht noch zum Planschen an die Ostsee. („Haste das gesehen, die Ossis am FKK-Strand!“) Gut, vielleicht hängt es ja auch an der generell schlechten topgraphischen Bildung, aber wer kann mir von meinen westdeutschen Zeit- und Altersgenossen mal sagen, wo sich Meiningen, Magdeburg, Jena, Wittenberg, Erfurt, Riesa, Chemnitz, Schwerin und Stralsund befinden? Oder welche, der eben genannten Städte, eine Landeshauptstadt ist (es sind drei) und zu welchem Bundesland sie gehört?

Fünfzig Prozent der Abiturienten in Westdeutschland haben von den Unis im Osten keine Ahnung. Was ist hier erst los, wenn es endlich auch die Letzten kapiert haben, dass es hier weder Studiengebühren, noch (mit seltenen Ausnahmen) überteuerte Mieten gibt und dass in jeder Kleinstadt zwischen Elbe und Oder eine schnuckelige FH aufgemacht hat, an der man vorzüglich praxisorientiert studieren kann? Das Risiko bei seinem Studienaufenthalt von irgendwelchen Skins zusammengeschlagen zu werden, ist auch kleiner als allgemein angenommen, wirklich. Schon jetzt tummeln sich an den Unis in Rostock, Dresden, Halle und Co. reichlich Kommilitonen aus der ehem. alten BRD. Der Kulturschock ist auch nicht größer, als wenn ein Junge ausm Pott durch die Einkaufsstraßen Münsters ginge. Schon nach kurzer Zeit der Eingewöhnung fühlen sich die meisten hier tatsächlich wohl. Dank A4, A38 und A7 kommt man auch schnell wieder raus bzw. rein.

Obwohl Deutschland das europäische Land mit dem größten Anteil derer ist, die ihren Urlaub am liebsten im Inland verbringen, scheint Ostdeutschland für viele nur bedingt dazuzugehören. Unter den Top 5 der beliebtesten Urlaubs-Bundesländer ist allein MeckPomm zu finden. Unter den Top 10 findet sich mit Sachsen auf Platz 8 nur noch ein weiteres ostdeutsches Bundesland (da ist es aber auch schön). Unter den Top 10 gemessen im Verhältnis zur eigenen Einwohnerzahl, gesellt sich (statt Sachsen) auf Platz 9 noch Thüringen hinzu. An erster Stelle steht hier mit weitem Abstand MeckPomm, denn da wohnt ja niemand mehr. (alle Daten)

Was den Urlaub in Deutschland – nicht den im Ausland, da fahren eh alle an die gleichen Orte – angeht, ist dieses Land noch immer tief gespalten. Wo liegt das Drei-Länder-Eck? Eben. Entweder in der Nähe von Aachen oder bei Görlitz. So verschieden ist der Blick aufs einig Vaterland.

Was soll das?
Was haben nun das Reiseverhalten der Bevölkerung, die Sockelarbeitslosigkeit im Osten, die Minderheiten-Existenz der christlichen Kirchen im Osten und ihre dahinschmelzende kulturelle Hegemonie im Westen, die liebevoll renovierten Fußgängerzonen und die leerstehenden Wohnblocks miteinander zu tun? Was verbindet sie? Sie sind verschiedene Blicke auf das Land zwischen Wernigerode und Zittau, zwischen Warnemünde und Gera. Sie beschönigen, verklären und verzerren. Sie sind Schlaglichter auf die Leben vieler Menschen. Um diese Leben geht es mir, sie zu be- und manchmal auszuleuchten, das will ich hier mit der Artikelserie „Unter Heiden“ versuchen.

Tief im Osten, wo die Sonne aufgeht!
Gibt es vieles, das man nicht versteht!

Das nächste Mal am 27. Mai 2013: Unter den Heiden: Unsre Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer

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6 Kommentare anzeigen

  1. Pingback: Neue Kolumne woanders - Unter Heiden | Philipp Greifenstein

  2. Frank Töpfer

    denkst du nicht ziemlich in ossi-wessi-schema? ich glaube, wir sind 23 jahre nach der einheit weiter als du denkst, vor allem, den westdeutschen jugendlichen vorzuwerfen, dass sie so selten in ostdeutschland sind (was ja stimmt), finde ich nicht gut, denn wie häufig sind denn die ossis in westdeutschland

    an bestimmten dingen der westdeutschen demokratie beteiligen sich viele ostdeutsche garnicht, zum beispiel: wahlen
    das ist das eigentliche problem, dass so viele garnicht in der demokratie angekommen sind

  3. Philipp Greifenstein

    Ja, die Beteiligung an der demokratischen Willensbildung ist manchenorts sehr niedrig. Das wird im weiteren Verlauf der Reihe auch noch thematisiert. Hier ging es mir ersteinmal darum, grundsätzlich festzuhalten, dass Vorurteile bestehen.

    Vorurteile nähren sich aus mangelnder Information und Erfahrung. Deshalb der Aufruf, dem Osten mal einen Besuch abzustatten.

    Ich glaube nicht, dass ich die Unterschiede dramatisiere. Gibt es denn nicht wirklich noch Unterschiede, über die man nicht einfach so hinweg gehen sollte?

  4. Tim Wendorff

    Ich bin gespannt auf die weiteren Folgen der Artikelserie! Zu Beginn war ich etwas enttäuscht, dass es doch nur die immer gleichen Zahlen und (Vor?)Urteile sind, die benannt werden, aber da war mir noch nicht bewusst, dass es sich um den Auftakt zu einer Artikelserie handelt, die hoffentlich etwas mehr Licht in diese Klischeesammlung bringt. Und als Wessi (Jahrgang 1985), der die Zeit des geteilten Deutschlands allenfalls noch ganz düster in Erinnerung hat, fühle ich mich ertappt: Obwohl ich die ehemalige Zonengrenze schon mehrfach überschritten habe, habe ich dennoch manchmal das Gefühl, dass der Osten mir fremd ist. Fast so sehr, wie Bayern. ;-)
    Ein bisschen vermisse ich in dieser ersten Folge noch die kirchliche Perspektive, was die besondere Situation „unter Heiden“ zu sein ausmacht. Aber da wird ja sicher noch was zu kommen.
    Also, Go East!

  5. Also ich würd für mich (Jahrgang 1980) schon noch in Anspruch nehmen, Wessi zu sein. Zu groß sind die Mentalitätsunterschiede. Klar, die gibt es auch zu Norddeutschland (ich komme aus der Pfalz), aber nicht so.
    Als ich 2004 von Potsdam nach Bielefeld-Bethel zog, um mit Theologie anzufangen, war das sowas wie ein rückwirkender Kulturschock. Schon beim ersten Besuch kam mir Bielefeld viel freundlicher und heimeliger vor als Potsdam, wo ich drei Jahre gelebt und Freundschaften geschlossen hatte. Später war ich in Greifswald, da war es wieder ein bißchen anders als in Potsdam, ich kann es nicht wirkich in Worte fassen, aber doch irgendwie ähnlich. Verglichen mit den westdeutschen Wonsitzen, die ich schon hatte.
    Das muß ja auch nichts schlechtes sein, wenn man verschieden ist, aber diese Verschiedenheit besteht, und nach meinem Eindruck auch noch bei den später geborenen, weshalb ich immer noch von Ossis und Wessis sprechen würde. Ich hab diese Begriffe allerdings immer deskriptiv und nicht wertend verstanden. In Potsdam lernte ich, daß „Wessi“ auch ein Schimpfwort sein kann…

  6. Wow. Ich dachte nicht, dass die Ossi-Wessi-Geschichte 2013 noch eine ernsthafte Rolle spiele. Für mich war das alles mehr ein alberner Scherz, der an die „alten Zeiten“ anknüpfte.
    Aber was man jetzt im Rahmen der zahlreichen Überflutungen in Ostdeutschland von manchen westdeutschen Mitbürgern an Vorurteilen und sogar Hassparolen zu hören bekommt, hat mich schwer erschüttert. Scheinbar existiert diese Kluft doch noch.

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