Wie eine Fliege mir die Welt erklärte
Foto: Robert Kresse (Gemeinfrei)

Nur ein Blick auf das Thermometer reichte zur Entscheidungsfindung: 16 Grad, die Mittagspause wurde im Freien verbracht – natürlich. Wie lange hatte ich auf die Sonne gewartet, auf den blauen Himmel, auf das Erwachen der Natur?! An diesem Donnerstagmittag war es dann endlich soweit – der Frühling war gekommen. Bewaffnet mit einer Kanne voll frisch gebrühtem Kaffee, einem Becher und einer kleinen Schale mit Würfelzucker machte ich mich auf in Richtung Garten. Drei Stühle platzierte ich auf der großen Rasenfläche. Einen zum Sitzen, einen für Kaffeekanne, Becher und Zucker sowie einen, um gemütlich die Füße hochzulegen. Da saß ich nun, ließ mir die Sonne ins Gesicht scheinen, lauschte dem Singen der Vögel und befreite meinen Geist von allerlei Sorgen.

Ungebetener Besuch

Der Kaffee war mir einmal mehr hervorragend gelungen, dachte ich noch zufrieden bei mir, als sich plötzlich eine Fliege am Würfelzucker zu schaffen machte. Von mir kritisch beäugt, saß sie zunächst nur auf dem Rand der Schale, ehe sie mit ihrem Rüssel von einem Zuckerwürfel zum anderen krabbelte. Wie unappetitlich, schoss es mir durch den Kopf. Und ohne groß darüber nachzudenken, verscheuchte ich die Fliege aus der Zuckerschale, schließlich wollte ich meine Ruhe haben. Doch genau damit war es nun vorbei. Anstatt anzuerkennen, dass ich der Stärkere war und der Zucker mir gehörte, fuhr das beharrliche Geschöpf Angriff um Angriff auf die süßen Würfelstücke. Während es der Fliege also ernst zu sein schien, wurde es mir, der ich doch einfach nur Mittagspause, Kaffee und Sonne genießen wollte, langsam zu bunt. Kaum hatte ich das Tier energisch verjagt, saß es auch schon wieder in der Zuckerschale. Ich ärgerte mich allmählich, und – man mag mich naiv nennen – ich hatte das Gefühl, auch die Fliege hatte genug von meinen für sie hinderlichen Abwehrbewegungen. So konnte es zumindest nicht weitergehen.

Uneigennütziger Versöhnungsversuch

Nach einem tiefen Atemzug schluckte ich also meine aufkommende Wut hinunter und besann mich schließlich auf meine Grundüberzeugungen. Ein kurzer Blick in die Zuckerschale half mir dabei. Dort lagen wohl zwei Dutzend Zuckerwürfel – für meine kurze Mittagspause eindeutig zu viele. Und als ich so durch den weitläufig angelegten Garten blickte, dachte ich daran, was dieser arme Zimmermannssohn aus Nazareth vor vielen Jahren einmal gesagt hatte. Dass wir alle, die wir in dieser Welt leben, denselben Schöpfer hätten, und dass die Erde für jeden von uns genug zum Leben bereit hielte, wenn wir nur zu teilen lernten. So nahm ich denn eines der vielen Zuckerstücke aus der Schale und hielt es der Fliege mit ruhiger Hand vor den Rüssel. Und tatsächlich: Es dauerte keine fünf Sekunden, da krabbelte das Tier auch schon vertrauensvoll auf den Zucker. Vorsichtig legte ich den Würfel mit samt der Fliege auf den Stuhl links von mir, auf dem auch der Kaffee vor sich hin dampfte.

Unverhoffte Erkenntnis

Misstrauisch beobachtete ich die Szenerie und wartete nur darauf, dass die Fliege abermals Richtung Zuckerschale krabbeln würde. Doch nichts geschah. Das kleine Geschöpf war mit dem einen Würfelstück rundum zufrieden, blieb friedlich auf ihm sitzen und machte keine Anstalten mehr, mir meine kostbare Mittagspause zu verderben. Die Fliege nahm sich nur das, was sie brauchte, und hatte offenkundig überhaupt nicht vorgehabt, mich zu nerven. Und ich, der ich Zucker im Überfluss besaß, hatte gern mit ihr geteilt. Während ich mein Gesicht beruhigt wieder der Sonne zuwandte und erneut zum immer noch heißen Kaffee griff, verstand ich mit einem Male, was der Prediger vor 2000 Jahren gemeint haben musste: Bitte, wenn Du nichts hast – und gib, wenn Dein Besitz Dir das Geben leicht macht. Keiner braucht den Überfluss, wir alle wollen nur glücklich unser Leben bestreiten, es ist genug für alle da. So saßen wir, die beseelt wirkende Fliege und ich, bestimmt noch eine halbe Stunde lang bei frischer Luft gemeinsam in der Mittagssonne, ehe sich das Tier gesättigt vom Zucker wegbewegte und vergnügt wieder in die weite Welt hinausbrummte. Auch ich machte mich nun auf, denn meine Pause neigte sich leider dem Ende zu. So räumte ich Kaffeekanne, Becher und Zuckerschale zusammen, brachte die drei Stühle ins Haus zurück, ging meiner Wege und lobte den Herrn.

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