Auf der Suche nach dem Segen

„Gott segne Dich!“ – lange nicht mehr gehört, oder? Der Segenswunsch scheint aus unserem Alltag gänzlich verschwunden zu sein. Einfach „alles Gute“ oder „alles Liebe“ zu wünschen, wirkt da schon wesentlich gesellschaftskompatibler. Aber warum ist das heute so? Begeben wir uns gemeinsam auf die Suche – die Suche nach dem Segen.

„Scrooged“

Es war in der Adventszeit des Vorjahres, als ich letztmals einen Segenswunsch gehört habe. Jedoch nicht etwa auf der Straße, nicht in der Uni, nicht auf dem Weihnachtsmarkt, nein – im Fernsehen. „Die Geister, die ich rief“ (im englischen Original: „Scrooged“) heißt der Film, den ich so liebe, der damals meinen Abend bereicherte. Er versetzt Charles Dickens‘ weltberühmte Erzählung „A Christmas Carol“ in die 1980er Jahre. Hauptdarsteller Bill Murray glänzt in der Rolle des Francis Xavier Cross. Der im Laufe der Geschichte vom menschenverachtenden Egoisten zum nächstenliebenden Weihnachtsenthusiasten gewandelte Cross fragt nach seiner emotionalen Rede in der Schlussszene den stummen kleinen Jungen Calvin, ob er noch etwas vergessen hätte zu erwähnen. Daraufhin schaut ihn das Kind mit großen Augen an und sagt: „Gott gebe uns allen seinen Segen.“ Dem geneigten Fernsehzuschauer rinnt eine Träne der Rührung über die Wange. Und da ist es, dieses besondere Gefühl des Segens. Dass der stumme Junge plötzlich wieder sprechen kann, ist das Eine. Aber Gottes Segen ist das zwingend notwendige Andere. Ein schnödes „fröhliche Weihnachten“ hätte nicht denselben Effekt erzielt. So bewegt in Dickens‘ Original der kranke Tiny Tim den Leser mit seinem abschließenden Wunsch: „God bless us, everyone.“

Zumindest Hollywood hat den Segen also nicht vergessen. Wie auch? Alle US-Präsidenten unserer Zeit – heißen sie nun Obama, Bush oder Clinton – beenden ihre Reden meist mit einem flammenden „God bless (the United States of) America“. Das Erbitten des Segens ist etwas Positives. Es wünscht Beistand herbei, es schafft Zusammenhalt. Und in den USA bewirkt es in großen Teilen der Bevölkerung auch Sympathie. Die Redenschreiber der Herren Präsidenten wissen schon ganz gut, was sie tun. Dessen können wir sicher sein.

„Bruce Almighty“

Aber bleiben wir in Hollywood: Im Kinofilm „Bruce Almighty“ („Bruce Allmächtig“) spielt Jim Carrey den Reporter Bruce Nolan, der von Gott selbst mit allmächtigen Kräften ausgestattet wird. Ganz Mensch kostet Bruce diese Allmacht zunächst genüsslich für sein Privatvergnügen aus, bis sein eigener Niedergang, ein Gespräch mit Gott und nicht zuletzt eine kurze aber wichtige Begebenheit sein Denken nachhaltig verändern. Im Stau stehend entdeckt Bruce den Verursacher des Verkehrschaos‘, der verzweifelt neben seinem defekten Auto steht. Kurzentschlossen hilft der Reporter, den Wagen in eine Seitenstraße zu schieben. Was Bruce daraufhin erfährt, ist mehr, als nur ein Dankeschön. Es ist eine Ermunterung für weitere gute Taten. Denn der Mann sagt erleichtert zu ihm: „Vielen Dank. Gott segne Sie.“ Bruce ist zunächst verwundert, lächelt dann aber und ändert schließlich sein Leben.

In fiktiven Erzählungen scheint der Segen also bis heute positiv besetzt zu sein – auch bei uns in Deutschland, wo die genannten Filme großen Zuspruch erfahren. Doch in unserem Alltag sieht das oft ganz anders aus.

Gottes Segen mit Hindernissen

Beim Blumenkauf unterhielt ich mich vor wenigen Jahren freundlichst mit einer sehr sympathischen Verkäuferin. Wir plauderten eine ganze Weile, es herrschte beiderseitiges Wohlwollen vor. Als ich meinen Strauß bezahlte, bedankte sich die junge Frau und wünschte mir noch einen schönen Tag. „Ebenfalls“, sagte ich: „Und Gott segne Sie.“ Es war wie ein Blitzschlag. Die Harmonie war von einem Augenblick zum nächsten gewichen. Eine neue Eiszeit drohte. Ihre Mundwinkel ergaben sich der Erdanziehungskraft. Das Leuchten in ihren Augen erlosch. Die Frau fühlte sich schlichtweg veralbert. Dabei hatte ich es nur gut gemeint. Aber „Gott segne Sie“ kannte die Floristen wohl nur aus dem Fernsehen oder von Mitgliedern extremer Glaubensgemeinschaften. Apropos.

In Hamburg begegneten mir auf dem Heimweg von der Uni unlängst zwei ältere Damen. Vergnügt waren sie und lächelten. Schon aus der Ferne machte ich sie als Zeugen Jehovas aus. Und als sie mich höflich ansprachen, wurde ich in meiner Vermutung bestätigt. Ob ich an einem Flyer über Jesus interessiert sei, fragten sie. „Gerne“, sagte ich ohne groß darüber nachzudenken und nahm das mit kitschigen Bildern verzierte Blatt Papier entgegen. Plötzlich schoss mir ein Gedanke durch den Kopf: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“ Diese Damen wüssten einen ehrlich gemeinten Segenswunsch doch ganz sicher zu schätzen. Also versuchte ich mein Glück und sagte als aufrichtige Verabschiedung: „Vielen Dank. Und möge Gott Sie segnen.“ Ich hatte noch gar nicht richtig damit begonnen, mich auf ein freundlich erstauntes „Sie auch“ zu freuen, da schauten mich bereits zwei Augenpaare entsetzt an.

Renaissance des Segenswunsches

Trotz oder gerade wegen dieser Auswahl an enttäuschenden Erlebnissen wünsche ich mir eine Renaissance des Segenswunsches in unserem alltäglichen Miteinander. Nehmen wir den Segen, der uns am Sonntagvormittag im Gottesdienst gespendet wird, mit in die Woche. Bitten wir für einander um mehr, als nur „alles Gute“ oder „alles Liebe“. Tragen wir den Segen zurück in unsere Gesellschaft. Denn Gottes schützende Hand schadet niemandem, ob wir nun an seine Existenz glauben oder nicht. Wer immer Du bist, der oder die gerade diesen Text liest – aus tiefstem Herzen: „Gott segne Dich!“

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