Glauben an einen Gott, den es nicht gibt Im Gespräch mit dem atheistischen Pastor Klaas Hendrikse

„Ich glaube nicht, dass es Gott gibt, aber ich glaube dennoch an Gott.“
Mit diesem Satz beginnt Klaas Hendrikse das Interview zu seinem Buch „Glauben an einen Gott, den es nicht gibt. Manifest eines atheistischen Pfarrers“. Das Publikum auf der ‚Leseinsel Religion’ in Halle 3 der Leipziger Buchmesse erwartet in gespannter Stille eine Erklärung zu diesem paradox erscheinenden Satz.

Gott sei kein Wesen, vor allem nicht allmächtig, allwissend oder barmherzig, fährt Hendrikse fort. Christian Bauer, der das Interview führt, stellt die in der Luft hängende Frage: „Wieso glauben Sie dann?“

„Ich bin Pfarrer“, lautet die schlichte Antwort. Fast erwartet man als Nachschub eine provokante Frage, wie „Was erwarten Sie?“ Stattdessen bekommt der Zuhörer endlich eine Erklärung, wer oder passender was Gott für Klaas Hendrikse tatsächlich ist.
„Ich glaube an einen Gott, den es nicht gibt. Gott ist das Geschehen zwischen den Menschen.“ Gott sei das, was menschliche und ethische Beziehungen ausmacht. Er sei das, was passiert, wenn sich zwei Menschen begegnen. „Gott ereignet sich zwischen Menschen. Das nenne ich Gott. Das ist ‚mein’ Gott“, so der Autor. Es gebe nie ‚den’ Gott, immer nur ‚meinen’ Gott.
„Woran merke ich, dass das was gerade zwischen mir und meinem Mitmenschen passiert ‚Gott’ ist bzw. nicht Gott ist?“, fragt Christian Bauer.
Gott erkenne man immer erst in Nachhinein. Wenn man etwas ‚Gott’ nenne, dann nie etwas in eben diesem Moment Passierendes. Als Beispiel übersetzt Hendrikse den Gottesnamen in Ex 3,14 (der brennende Dornbusch) mit „Geh und ich gehe mit euch“. Gott sei eine Erfahrung, kein Name. Mose hätte es nie gegeben, die Perikope gebe 700 Jahre Gotteserfahrung wieder. „Wenn du nicht gehst, rechne nicht mit mir“, diese Worte legt Hendrikse seinem Gott in den Mund.

Warum verabschiede man sich dann nicht ganz vom Gottesbegriff, will Christian Bauer wissen.
„Ich nenne es Gott. Jemand anderes nennt es vielleicht anders.“ Irgendwie muss man das ja benennen woran man glaubt, scheint seine Aussage zu vermitteln. Er spielt auf das eigene Gottesbild an. Seines ist offensichtlich kontrovers zum biblisch tradierten Gottesbild, zum vorherrschenden Gottesbild in den Gemeinden. Genau das fragt eine Frau aus der ersten Reihe des Publikums: „Wie gehen Sie als Pfarrer mit anderen Gottesbildern ihrer Gemeindeglieder um?“
Er zwinge niemandem sein Gottesbild auf, denn wie er schon betonte, sei das ja ‚sein’ Gott. Das gibt er auch offen zu. Dass sich ein anthropomorphes Gottesbild entwickeln und hartnäckig halten konnte, liege an einer jahrhunderte langen Fehlinterpretation der Tradition. „Klopft die Tradition an dein Leben?“, fragt Klaas Hendrikse. Man müsse spüren, wie die (christliche) Tradition das eigene Leben berühre. Berühre sie das Leben nicht, sei sie überholt.

Die nächsten Fragen des Interviews zielen auf das Gemeindeleben ab: Wie gestalte er als atheistischer Pfarrer das Miteinander mit den Gemeindegliedern, den Konfirmandenunterricht und die Seelsorge?
Hendrikse habe zum Beispiel nie das Apostolische Glaubensbekenntnis in der Kirche gebetet. Es sei ‚überholt’ und passe nicht in sein Leben. Beim Vater Unser macht er jedoch eine Ausnahme. Auf die Nachfrage des Interviewers gibt er zu, dass das reichlich inkonsequent sei, aber das Gebet sei ihm „lieb geworden“. Seine Schäfchen könnte es auch auswendig und so spreche er es eben mit ihnen, vor allem bei Beerdigungen.
In Seelsorgefällen habe er nie Probleme mit seinem Gottesbild. „Die Menschen erwarten keine Antworten von mir.“ Meistens haben sie Antworten, die sie anzweifeln oder wollen nur einen Weg gezeigt bekommen, um selber zu einer Antwort zu gelangen. Hendrikse versuche im Gespräch zu einer eigenen Antwort zu ermutigen. Jeder habe schließlich ‚seinen’ Gott, den es zu finden gilt. So mache er das auch im Konfirmandenunterricht. „Lass sie reden“ sei sein Motto. Er lehre nicht sein Gottesbild, sondern er gebe Raum, das eigene zu finden.

„Wie sieht es denn mit ‚Beten’ allgemein aus? Beten setzt voraus, dass es einen Gott gibt, mit dem man reden kann“, gibt Christian Bauer den nächsten Impuls.
Traditionell beten könne er natürlich nicht. Das Wort ‚beten’ könne er jedoch behalten, doch müsste man es mit einem neuen Inhalt füllen. Beten sei erst dann Beten, wenn man Worte zurück bekäme. „Wenn man für Frieden in der Welt betet und dann gemütlich einen Kaffee trinken geht, ist was falsch“, konstatiert Hendrikse. Bauer fasst es mit seinen eigenen Worten zusammen: „Das heißt, Beten ist eine Art innerer Monolog, der mich zum Handeln motiviert?“, fragend blickt er den atheistischen Pastor an. Nach einer Weile nickt der: ja, so könne man das auch formulieren. Vereinzeltes Nicken im Publikum.
Die nächste Frage ist nur allzu logisch: „Ist die Kirche Ihnen nicht eigentlich eher ein Klotz am Bein?“
Mit einem Schmunzeln im Gesicht erwarten viele Zuhörer gespannt die Antwort. Hendrikse sei tatsächlich nicht sehr positiv auf die Kirche zu sprechen. „Um zu glauben braucht man keine Kirche“, bringt er seine Meinung auf den Punkt. Aber abschaffen müssen man sie trotzdem nicht. „Die Kirche stirbt langsam, da braucht man nicht nachzuhelfen. Das erledigt sich von allein“, lächelt Klaase Hendrikse.

Zum Abschluss soll er noch seine Grundthese zu Jesus, die er in seinem zweiten Buch entfaltet, wiedergeben: wenn es keinen (personellen) Gott gibt, wer ist dann Jesus (der Gottessohn)?
Jesus sei ein besonderer Mensch gewesen. Er habe auf seine Weise gelebt, ‚was’ Gott ist. Er hat uns sehen lassen, ‚was’ Gott ist. Er wurde viel später von der Kirche aufgrund von Mythen zur Gottheit erklärt. Mythen, wie sie schon bei den Griechen und anderen uralten Völkern existierten, von Gottmenschen und göttlichen Wesen. Die Auferstehung sei absolut unmöglich. „Daran brauchst du nicht glauben“, schließt Klaas Hendrikse das Interview.

Auf der Leipziger Buchmesse (LBM) interviewte Christian Bauer den niederländischen Pastor Klaas Hendrikse, der als „der atheistische Pfarrer“ bekannt ist. Zwei Bücher (2007 und 2011) hat er bisher veröffentlicht: „Geloven in een God die niet bestaat. Manifest van een atheïstische dominee“ (Glauben an ein Gott, den es nicht gibt. Manifest eines atheistischen Pfarrers) und auf viele Nachfragen seiner Leser noch eines zu Jesus: „God bestaat niet en Jezus is zijn zoon“ (Es gibt kein Gott, und Jesus ist sein Sohn).

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10 Kommentare anzeigen

  1. Adolf v. Harnack

    Ganz Ähnliches habe ich schon vor über 100 Jahren gesagt…
    Nur reflektierter und ohne das Kind mit dem Bade auszuschütten.

  2. Ebba Kompa

    Was hast Du denn damals gesagt?

  3. Elijah

    immer wieder erstaunlich, dass man mit dieser vulgär-liberaltheologischen haltung noch jemanden hinter dem ofen hervorlocken kann. nein, einen Gott, den „es gibt“ (wie ranzige butter), gibt es nicht. und dennoch geht die wirklichkeit des gotterlebens nicht im menschlichen händchenhalten auf, ein bissel komplizierter ist es dann gott sei dank doch. harnack macht den gleichen fehler. lieber noch mal schleiermachers reden lesen. oder tillichs „mut zum sein“. oder „vom guten, wahren und schönen“ von lewitscharoff. dürfte dann etwas schwerer fallen, die eigene einfalt vor allem in die anderen hineinzuinterpretieren. wenn die kirche sterben sollte (schleiermacher hat das vor 200 jahren auch schon befürchtet), dann nur deswegen, weil die theologie ausstirbt. hendrikse ist jedenfalls kein arg ernst zu nehmender vorbote :-)

    • Bruder_Micha

      @Elia
      Ganz deiner Meinung. Allerdings braucht man nicht einmal längst verblichene Theologen als Gewährsmänner hinzuzuziehen. Die Übersetztung von Ex 3,14 ist schlichtweg falsch, rein philologisch betrachtet. Punkt.
      Vulgär-liberaltheologisch trifft es ganz gut ;)

  4. Genau wegen solchen Pfarrern geht die Kirche unter! Warum ist er denn nicht einfach Sozialpädagoge geworden, da hätte er ja auch keinen Gott gebraucht! Aber nein, solche Atheisten läßt man in der Kirche rum springen! Armes Deutschland…

  5. Hendrikse predigt das Gottesbild der Zukunft. Alles andere
    Denken wird untergehen. Die meisten Theologen glauben
    noch den Glauben aus dem Mittelalter.

    • Christopher

      Nun, ja. Richtig, ich glaube einen Glauben aus dem Mittelalter. Der ist sogar noch viel älter. Eine Sache, die man im Theologiestudium übrigens auch erfährt: Die Menschen haben sich in den letzten Jahrtausenden aufs Ganze gesehen kaum verändert. Sind nur mehr geworden.

  6. Unwichtig

    Ich mag ihn total. Wenn man mal darüber nachdenkt, merkt man, dass nur dieser Pfarrer ein Gottesbild hat, dass auch in Anbetracht der vielen tausenden Religionen und Gottheiten sinnvoll ist, dass nur dieses Gottesbild eines ist, das nicht zu Kriegen führt, sondern Zukunft hat.

    • Spassheide

      Lustig, ein ähnliches Gottesbild quält Albig, seines Zeichen Ministerpräsident, um Konfessionsfreien einen Gottesbezug in der Verfassung schmackhaft zu machen. Nur zieht das nicht, die können nämlich mit der unantastbaren Würde des Menschen und der Vernunft auch ohne Gott ganz gut leben und ähnliche und sogar bessere Normen schaffen.
      @Christopher : Nicht ganz. Mittlerweile hat es auch mal die Aufklärung gegeben und die Gesellschaften, denen Religionen und Götter aufgrund dieser Entwicklung nicht mehr ganz so wichtig genommen, sind sozial die stabilsten und die friedlichsten.

  7. Andreas Patzelt

    Glückliche Menschen brauchen keinen Gott !!!

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