„Kirche braucht starke Themen und starke Stimmen“ – ein Interview mit Melanie Huber

Melanie Huber war bis 2012 Portalleiterin des Projekts evangelisch.de und ist Expertin in Sachen Medien und Kommunikation. Im März 2012 setzte sich unsere Autorin Almut Rademacher mit ihr zusammen, um über kirchliche Medienangebote und die Rolle der Kirchen in der modernen Gesellschaft zu sprechen.Die Kirche sagt längst nicht mehr, wo es langgeht in unserer Gesellschaft, woran liegt das?

Es geht nicht darum zu sagen wo es langgeht, sondern es geht darum zuzuhören, sich dahin zu begeben wo Menschen reden, wo sie mit ihren Ängsten, Sorgen, Nöten oder auch Freuden sind. Dort kann Kirche dann vorsichtig und behutsam leiten und die Menschen an die Hand nehmen. Aber es ist nicht der richtige Weg eine einzig gültige Richtung vorzugeben.

Die ist ja auch oftmals nicht so eindeutig und auch für Kirche nicht von dauerhafter Gültigkeit.

Es ist viel wichtiger, dass Kirche ab und zu die Hand vom Ruder lässt und ein paar Schritte mitgeht.

Kirche hat mit ihrer frohen Botschaft tendenziell einen schweren Stand in einer Medienwelt, in der schlechte Nachrichten gute Nachrichten sind. Was muss Kirche tun, um öffentlich wahrgenommen zu werden?

Kirche muss sich zu den Themen äußern, die die Menschen im Alltag beschäftigen. Das können auch positive Nachrichten sein, wie z.B. die Geburt eines Kindes einer prominenten Person. Kritiker könnten einwenden, das sei boulevardesk und damit solle sich Kirche nicht auseinandersetzen. Aber warum nicht? Wenn das an dem Tag der Aufmacher der Bild-Zeitung ist und es ganz viele Menschen bewegt, dass dieses Kind nun da ist, dann kann Kirche dort anknüpfen und sagen: „Ja das ist ein Wunder und ein Geschenk Gottes.“

Muss Kirche auch Themen besetzen, die auf den ersten Blick wenig mit Kirche zu tun haben, die aber für den Alltag der Menschen eine große Bedeutung haben?

Auf jeden Fall. Ich finde das gehört zu der Aufgabe von Kirche dazu sich auch mit politischen Themen zu befassen.

Allerdings sollte Kirche dann auch klar Stellung beziehen. Eine Schwierigkeit ist nämlich häufig, dass es nicht alle kirchlichen Vertreter wagen öffentlich eine klare Position zu beziehen, um nicht in Konflikt mit den Meinungen anderer in der Kirche zu kommen.

Aber sie könnten doch sagen: „Das ist meine Meinung und ein anderer Bischof hat vielleicht eine andere und darüber können wir uns auch streiten.“

Wichtig ist den Menschen deutlich zu machen, dass sich Kirche mit den aktuell wichtigen Themen beschäftigt und Räume und Angebote für die Menschen schafft, damit sie sich mit diesen auseinandersetzen können.

Muss Kirche versuchen aus einem Mund zu sprechen? Oder ist die Föderalität der Kirche eine Chance?

Es ist immer das Argument von der evangelischen Kirche, durch die föderalen Strukturen und die unterschiedlichen Auffassungen in den einzelnen Landeskirchen würde sie nicht einheitlich wahrgenommen. Ganz ehrlich, ich glaube nicht, dass es den gemeinen Protestanten so bewusst ist, dass wir dieses starke föderale System haben. Sondern sie hören einfach eine Äußerung ihrer Kirche. Ob das jetzt die Landeskirche von Baden oder von Württemberg ist oder eine Äußerung der EKD, das nehmen die meisten Menschen doch gar nicht wahr.

Es geht vielmehr darum starke Stimmen und starke Themen zu haben. Menschen die für die Kirche sprechen, die auch in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden und die in irgendeiner Form die Menschen berühren.

Welche Medien müssen von Kirche hauptsächlich bespielt werden?

Fernsehen ist noch immer einer der stärksten Kanäle. Das haben wir auch festgestellt mit evangelisch.de. Wenn wir im Fernsehen erwähnt wurden, dann hat das sofort eine Reaktion gehabt. Das ist eindeutig. Auch die Verbindung zwischen Fernsehen und Internet ist ganz wesentlich.

Ich finde es faszinierend, dass das Wort zum Sonntag und der Fernsehgottesdienst nach wie vor eine ganz große Wirkung haben. Das gucken immer noch sehr viele Menschen. Und man muss sich überlegen, kann ich die vielleicht danach noch einmal ins Internet holen und dann auch wieder in den persönlichen Kontakt? Also das sind so die spannenden Sachen.

Das Fernsehen ist ja für viele Gemeinden kein Medium in dem sie häufig auftauchen können. Welche Möglichkeiten haben sie mit ihren Gemeindemitgliedern in Kontakt zu kommen?

Ich halte den Gemeindebrief nach wie vor für sehr wichtig. Er ist sehr persönlich und direkt, und das ist seine Stärke, gerade weil wir so flüchtige Medien haben. Newsletter, Apps, alles würde ich erstmal außen vor lassen.

Am allerwichtigsten ist allerdings immer zu überlegen: Was habe ich überhaupt zu verkünden? Womit möchte ich die Menschen erreichen? Wenn das dann irgendwelche Spielchen und Liederchen für Kinder sind oder ein paar warme Worte, dann kann ich die über jeglichen Kanal schicken und die Menschen wird es nicht bewegen.

Viele Pfarrer haben Angst, Online-Angebote wie Twittergottesdienste oder Online-Gebetsforen könnten die herkömmlichen Sonntagsgottesdienste überflüssig machen.

Im Gegenteil, ich glaube, dass man dadurch Menschen erreicht, die vielleicht nicht mehr in den herkömmlichen, klassischen Gottesdienst gehen würden und durch das Angebot wieder Interesse bekommen. Sie merken dann: Kirche hat spannende Themen und spannende Botschaften und es gibt sehr unterschiedliche Arten von Gottesdiensten, auch welche, die sie persönlich interessieren könnten.

Von daher finde ich es ganz wichtig alle Möglichkeiten zu nutzen sich zu zeigen und die Menschen ein Stück weit zu begleiten.

Abgesehen davon nutzen zunehmend auch ältere Menschen das Internet, die vielleicht nicht mehr alle in den Gottesdienst gehen können und da ist es ganz wunderbar auch Onlineandachten anzubieten.

Wird dieses Angebot denn von vielen Internetnutzern angenommen?

Man sollte die Wirkung nicht überschätzen. Es ist nicht so, dass da Tausende in so einen Online-Andacht-Chat kommen. Es sind eher kleine ausgewählte Gruppen und man hat teilweise sehr intime, nahe Gespräche.

Wir haben uns in der Redaktion von evangelisch.de schon gefragt, ob für eine relativ geringe Nutzeranzahl ein solcher Aufwand gerechtfertigt ist. Aber wenn man sich dann ansieht, dass in kleinen Gemeinden manchmal auch nicht so viele Gottesdienstbesucher in der Kirche sind, dann ist der Aufwand für eine Online-Andacht doch wieder nicht so groß.

Wie kann man gezielt Jugendliche ansprechen? Wie kann man das Christsein wieder sexy machen?

Ich glaube nicht, dass Christ sein sexy sein muss. Wichtiger ist, dass es Angebote gibt die die Jugendlichen wirklich reizen.

Zum Beispiel so ein Angebot wie den Kirchentag. Es wäre schön, wenn es zwischen zwei Kirchentagen noch weitere ähnliche Angebote geben würde. Dort könnten die Jugendlichen dann weiter begleitet werden und sich mit anderen austauschen.

Ebenso wichtig ist, dass die Jugendarbeit nicht mit dem Konfirmandenunterricht aufhört, sondern dass die Jugendlichen auch nach der Konfirmation weiter mit einbezogen werden.

Wären auch spezielle Online-Angebote für Jugendliche sinnvoll?

Meiner Meinung nach ist der persönliche Kontakt viel wichtiger als das was im Web passiert. Ich glaube nicht, dass es etwas bringt eine eigene Social-Media-Seite für Jugendliche anzubieten.

Das was Kirche noch tun kann ist zu gucken, wo auf den gängigen Social-Media-Seiten wie Facebook oder StudiVZ Themen aufkommen, für die Kirche eindeutig steht und wo sie die Jugendlichen abholen kann. Eine Möglichkeit wäre, dass kirchliche Mitarbeiter gucken wo es Menschen gibt die unsere Hilfe brauchen, die persönliche Tragödien erlebt haben oder die Liebeskummer haben. Diesen kann Kirche dann genau das bieten was sie kann, nämlich Halt und Orientierung geben. Irgendwas total Cooles, Witziges, Peppiges, oder die nächste App als Kirche sind da weniger zielführend.

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