Furcht und Glaube

Ich stieß vor einer Weile auf dieses Zitat:

„Ohne Furcht kann es keinen Glauben geben. Wer keine Furcht mehr vor dem Teufel hat, braucht keinen Gott mehr.“ – Umberto Eco

Um genau zu sein muss ich sagen, dass mir dieses in Form eines kleinen Zettels von jemandem, den ich zutiefst schätze, überreicht wurde. Zunächst wusste ich nicht wie ich zu dem stehen sollte, was ich dort las. Ohne Frage entsprach dies nicht meiner Meinung, doch damit war es für mich nicht genug und eine Weile beschäftigten mich diese Worte noch, sodass ich schlussendlich sogar darüber schreibe. Welchem Gottesbild muss solch eine Aussage zugrunde liegen?

Der Italiener Umberto Eco, zunächst ein Unbekannter für mich, ist allgemein für seinen Roman „Der Name der Rose“ bekannt, darüber hinaus auch als Philosoph. Es soll hier natürlich nicht um seine Person gehen. Weder will ich mir nämlich anmaßen zu urteilen, was er genau mit diesen Worten meint, noch will ich den Anschein erwecken, dass ich gegen seine Worte protestieren will. Entscheidend bleibt für mich an diese Stelle nur, welche Gedanken diese Worte in mir hervorriefen.

Recht schnell kam ich zu der Frage, was wohl die verschiedenen persönlichen Gründe seien, an Gott zu glauben? Aus philosophischer Erkenntnis heraus, aus dem Studium der Heiligen Schrift oder etwa wirklich aus Furcht? Vielleicht nicht einmal aus Furcht vor Gott, vielleicht auch einfach aus Furcht vor dem Leben, vor dem Nichts? Unmöglich bleibt es mir, von mir auf andere zu schließen und allzu oft fällt es mir auch schwer nachzuvollziehen, wie einige Menschen zum Glauben an Gott kamen bzw. warum sie beständig darin bleiben.

Natürlich spielt für viele Gläubige, so auch für mich, eine große Rolle, was man gemein hin als Gotteserfahrung bezeichnet, oft aber schwer einzuordnen weiß. Anstatt nach einer Definition des Begriffes „Gotteserfahrung“ zu suchen, finde ich es viel interessanter zu überlegen, wann wir solche in unserem Leben machen. Es bleibt unmöglich hier zu pauschalisieren, doch scheint es mir nicht zu gewagt zu behaupten, dass wir uns Gott doch oftmals in unseren schwächsten Momenten nahe fühlen. Dann, wenn wir uns selbst nicht mehr in der Lage sehen, unser Leben allein zu bewältigen. Wenn wir spüren, dass Gott es ist, der uns trägt, wenn wir zu schwach zum Gehen sind. Viele Menschen suchen gerade in der Not auf einmal Beistand bei Gott, dann, wenn die eigene Kraft nicht mehr ausreicht, wenn man von der Furcht vor dem Leben eingeholt wird.

Doch wie aufrichtig ist ein Glaube aus einer solchen Furcht heraus? Wenn Eco sagt: „Ohne Furcht kann es keinen Glauben geben.“, so muss ich ihm recht geben, doch verstehe ich unter Furcht weder die Angst vor dem Teufel, noch vor dem Leben, noch vor der Bedeutungslosigkeit. Ich verstehe darunter Respekt, Demut, Ehrfurcht. Die Bibel spricht vom Mensch als Kind Gottes und natürlich ist es so, dass ein Glaube nicht möglich ist ohne Gott, unseren Vater, zu respektieren, sowie es wohl auch kaum möglich ist mit seinen Eltern in Eintracht zu verkehren, wenn man diese nicht wertschätzt. Was soll ich aber zu der Schlussfolgerung sagen, dass man Gott nicht bräuchte, wenn man keine Angst mehr vor dem Teufel habe? Dies scheint mir so paradox, wie zu sagen man bräuchte keine Luft mehr, wenn man keine Angst mehr vor dem Erstickungstod habe. Brauche ich meine Eltern nicht mehr, sobald ich keine Angst mehr im Leben verspüre? Umberto Eco scheint, zumindest in diesen Sätzen, von einem Glauben auszugehen, der allein auf der Furcht vor dem Bösen der Welt fußt. Solch eine Art des  –  ich möchte fast sagen  –  mittelalterlichen Glaubensverständnisses ist nicht das, was ich Glauben nenne. Meine Furcht vor Gott fußt auf meinem Vertrauen und meiner Hingabe. Ist jemand, der keine Angst vor dem Scheitern mehr hat, der keine Angst mehr davor hat, zum Bösen verleitet zu werden, irre zu gehen auf seinem Weg, nicht einfach Gefangener seiner Egomanie und maßlos überheblich? Ich kenne wohl niemanden, der den Anspruch erheben könnte frei zu sein von der Verführbarkeit, für die der Teufel (gr.: Διάβολος, = „Verwirrer“) steht. Wer meint Gott nur zu brauchen, um so seiner Furcht Herr zu werden, gebraucht Gott einfach nur.

Solch ein Denken hat nichts mit Glauben zu tun und schon gar nichts damit sich als Kind Gottes zu sehen. Wahrhafter Glaube macht Gott nicht zu einem Werkzeug, zu einem Nutzmittel, wie es bei Eco der Fall wäre, wenn er meint man bedürfe Gott nicht mehr, sondern wahrer und aufrichtiger Glaube ist eine Verbindung, wie man sie zu der Mutter oder dem Vater haben sollte. Ebenso wie das Kind die Mutter liebt und die Mutter das Kind, bedingungslos, so sollte Glaube sein. Nicht immer ist dies einfach und nicht immer fühlen wir uns Gott so nahe, wie wir es gern hätten. Es ist auch nicht falsch, seine Ängste bei Gott zu lassen. Es ist sogar ein wichtiger Bestandteil des reinen Glaubens darauf vertrauen zu können, dass Gott sich einer Sache annimmt, doch darf das eben nicht der ausschließliche Grund sein, aus dem man sich an Gott wendet. Auch wenn ich davor zurückschrecke Gott allzu menschliche Züge zu geben, so stelle ich mir doch die Frage, wie er sich fühlen muss, wenn Menschen zu ihm kommen, die ihn in guten Zeiten vergessen haben und nun Hilfe suchen. Ich wüsste, wie es mir dabei ginge. Kaum jemand würde wohl einen Menschen seinen Freund nennen, wenn dieser nur in der Not zu ihm käme und so kann man wohl auch kaum einen Menschen Kind Gottes nennen, wenn dieser nur unter das Dach Gottes einkehrt, um Schutz vor dem Regen zu suchen. Ich weiß, dass Gott in meinem Leben eine Rolle spielt, nicht weil ich das Leben fürchte, sondern weil ich weiß, dass ich zu ihm gehöre und für mich verstanden habe, wovon auch die Bibel spricht: „Furcht gibt es in der Liebe nicht, sondern die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht. Denn die Furcht rechnet mit Strafe und wer sich fürchtet, dessen Liebe ist nicht vollendet. Wir wollen lieben, weil er uns zuerst geliebt hat.“ (1. Joh 4, 18-19).

Mehr über den Autor erfährst du im Blog von Patrick Freitag http://patrickfreitag.wordpress.com/.

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