„Wir glauben an den Lieben Gott und ham auch immer Durst“ – Der stille Karfreitag und die rheinische Kultur

In NRW brach auch dieses Jahr wieder eine Diskussion um den stillen Charakter des Karfreitags los. Diesmal ist am Karfreitag ein Tanz-Flashmob vor dem Kölner Dom geplant. Steve Henkel hat sich überlegt wieso man gerade als Rheinländer dem stillen Karfreitag etwas abgewinnen können müsste.

Wenn man Menschen auf der Straße fragt, was sie mit dem Rheinland verbinden, dann kommt in der Regel als erste Antwort der Karneval und gleich darauf der Kölner Dom. Nirgendwo in Deutschland wird Karneval so gefeiert wie im Rheinland, als zugezogener kann ich das sagen. Man kann sich weder dem „Zoch“, noch der allgegenwärtigen Musik und ganz sicher nicht den verkleideten (zuweilen auch angetrunkenen) Menschen entziehen. Wer im Rheinland lebt wird automatisch Teil einer Kultur des Feierns, und zwar einer ganz besonderen. Wer das nicht mag, der flieht zum Ski fahren in die Berge oder zum Sonnen unter Palmen. Der rheinische Karneval ist eben ein besonderes Phänomen, kontrollierte Entgrenzung und kollektiver Rausch.

Wie jede Kultur kennt aber auch die rheinische nicht nur den kollektiven Rausch sondern auch die kollektive Ruhe. Diese findet im stillen Karfreitag ihren Ausdruck. Wo man vor Beginn der Fastenzeit von Weiberfastnacht bis Rosenmontag nochmal alles Raus lässt, kehrt nun auf dem Höhepunkt der Fastenzeit die große Stille ein, vor dem wichtigsten christlichen Fest, Ostern.

Genau das ist es was Menschen zusammen hält, gemeinsam feiern und auch gemeinsam schweigen zu können, das ist so in Familien und unter Freunden aber auch im Großen, in der Gesellschaft. Beides ist zutiefst rheinisches Kulturgut, wer hier lebt der lässt sich mitnehmen von der Polonäse, wenn die Löcher aus dem Käse fliegen, und von der Stille es Karfreitags, wenn in NRW Millionen in den Kirchen des Todes Jesu gedenken, Menschenrechtler an unschuldig gefolterte und hingerichtete erinnern und wieder andere vielleicht einfach das Grab der verstorbenen Großmutter besuchen.

Während den Leuten, die es gerne etwas ruhiger haben, Karneval auf die Nerven geht, ist der Karfreitag für diejenigen ein Stein des Anstoßes, die gerne 365 Tage im Jahr feiern. Beides ist jedoch ureigener Bestandteil rheinischer Kultur, als solchen sollte man auch beides respektieren, denn jedes hat seine Berechtigung oder wie die Bibel sagt „Alles hat seine Zeit (…) klagen hat seine Zeit und Tanzen hat seine Zeit.“ (Prediger 3).

Tatsächlich war ja schon der erste Karfreitag, die Kreuzigung Jesu, ein Ärgernis. Zunächst für die Christen, nach Ostern dann für die Herrschenden. Es wäre eigentlich schade wenn er diesen Charakter als „Reibungspunkt“ verlieren würde.

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