„Studierbarkeit“ – Wunschtraum oder Messwert?

Nach zweieinhalb Jahren Umstellungszeit ist das Studium für Theologie-Erstsemester mit dem Ziel Pfarramt inzwischen nahezu überall in Modulen strukturiert. Eine Arbeitsgruppe des Studierendenrates Evangelische Theologie (SETh) arbeitet derzeit an einer Vergleichsstudie zu den neuen Studienordnungen, die im Juni dieses Jahres abgeschlossen und präsentiert werden soll. Ihr Ziel ist eine transparente Analyse der Studierbarkeit sowie eine Bewertung. Ein Interview zum aktuellen Stand mit Jan Heitzer, einem der Koordinatoren der Arbeitsgruppe.

Jan, bereits vor acht Monaten hat die Arbeit an der Vergleichsstudie begonnen. Wie ist der Arbeitsstand?

Es läuft gut! Die Arbeit der vergangenen Monate war sehr fruchtbar und hat schließlich zu einem ausführlichen Fragebogen geführt. Anhand dieser Fragen analysieren zurzeit zahlreiche KommilitonInnen die vorhandenen modularisierten Ordnungen. Alle Analysen und die zugehörige Bewertung sollen dann schon im Juni fertig sein.

Damit wäre dann nach ziemlich genau einem Jahr die Arbeit fertig – war das euer Zeitplan?

Ehrlich gesagt: Es gab zu Beginn keinen Zeitplan. Als wir mit der Arbeit anfingen, haben wir erst einmal Grundlagenarbeit gemacht: Wie kann eine solche Analyse aussehen? Welche Kriterien sind aussagekräftig? Welche Probleme stellen sich uns? Das jetzige Analyseverfahren ist erst über lange Diskussionen und manche Vorversion hinweg entstanden. Dass wir jetzt davon sprechen, Mitte des Jahres Ergebnisse vorlegen zu können, hat so erst die letzte Tagung der Vollversammlung des SETh im Januar möglich gemacht: Mit großer Mehrheit haben sich die Delegierten für einen straffen Zeitplan ausgesprochen – und haben sich vor allem auch zahlreich bereit erklärt, bei den arbeitsintensiven Analysen mitzuarbeiten. So ist die Arbeit jetzt auf viele Schultern verteilt: Nur dadurch lässt sich ein solch großes Projekt in einer Bundesfachschaft mit ausschließlich neben Studium und Jobs arbeitenden Studierenden überhaupt zeitnah umsetzen.

Was muss man sich unter dem Analyseverfahren vorstellen, das ihr erarbeitet habt?

Wir haben einen Fragebogen entwickelt, der in 45 differenzierten Fragen alle relevanten Bereiche einer Studien- und Prüfungsordnung zu erfassen versucht, also alles das, was ein Studium – unabhängig von der konkreten Lehre – formal und strukturell bestimmt. Die Spannbreite reicht von der Leistungspunktvergabe über die Anzahl von Hausarbeiten und Prüfungen bis hin zur Frage danach, ob Studierende die Themen ihrer Lehrveranstaltungen frei wählen dürfen. 

Warum ist denn ein solcher Vergleich überhaupt notwendig? Sind diese Fragen nicht einheitlich geregelt?

Nein, leider nicht. Es gibt zwar eine Rahmenordnung, die einige Eckpunkte vorschreibt, doch dient sie den einzelnen Fakultäten, Fachbereichen und Hochschulen eben nur als „Rahmen“: Die konkrete Umsetzung der Modularisierung ist darum höchst unterschiedlich. Diese Situation kann nicht nur zu großen Problemen bei einem Hochschulwechsel führen. Sie bedeutet auch, dass die Studierbarkeit der jeweiligen Ordnungen sehr unterschiedlich ausfällt. So entsteht eine systematische Ungleichheit – zu Lasten der Studierenden. 

Am Ende wollt Ihr also nicht nur durch Fragen die aktuelle Lage erfassen, sondern die „Studierbarkeit“ der Studiengänge vor Ort bewerten?

Letztlich ja. Nur setzt dieses abschließende Urteil natürlich eine genaue Analyse voraus, nach Kriterien, die dafür wichtig sind – denn in keiner Ordnung steht ja schwarz auf weiß der örtliche „Studierbarkeitswert“. Wir haben deswegen sechs „Ideale“ festgelegt, die wir bei der Frage nach der Studierbarkeit einer theologischen Studienordnung für zentral halten: Für besonders wichtig halten wir dabei die Zeit für Reflexion & Urteilsbildung und ein Selbstbestimmtes Studium. Für die gute Tradition des Hochschulwechselns steht das Ideal der Mobilität; als Studierenden liegt uns natürlich auch die Verständlichkeit der Ordnungen am Herzen. Von großer Bedeutung ist außerdem stets die Frage der Prüfungsbelastung: Wir halten es in dieser Frage für sinnvoll, wenn Studierende eher eine geringe Anzahl von mündlichen wie schriftlichen Prüfungen absolvieren müssen – diese Prüfungen aber (im Sinne des Kriteriums Urteilsbildung) intensiv vorbereiten können. Als letztes Ideal haben wir die Vereinbarkeit mit landeskirchlichen Anforderungen festgelegt. 

Auf welcher Grundlage habt ihr eure Ideale eines Studiums entwickelt?

Darüber haben wir lange diskutiert! Letztlich haben wir uns dagegen entschieden, das „alte“, unmodularisierte Studium als Vergleichs- und Bewertungssystem zu nehmen – das wäre methodisch nicht korrekt und inhaltlich ertraglos: Jede Veränderung gegenüber dem „Alten“ müsste ja als etwas Negatives bewertet werden. Unsere Ideale stellen den Versuch dar, unabhängig von konkreten Ordnungen „Studierbarkeit“ begrifflich einzufangen.

Also ein abstrakter Ansatz! Was haben diese Ideale dann nun mit der konkreten Analyse zu tun?

Jede der 45 Analysefragen ist einem dieser Ideale zugeordnet. Dabei stehen allerdings zwischen den abstrakten Idealen und den Analysefragen noch „Kriterien“, die das Ideal konkretisieren: Das Ideal eines „Selbstbestimmten Studiums“ beispielsweise umfasst unter anderem die Kriterien Interdisziplinarität und Wahlfreiheit bei den Veranstaltungsthemen. Erst diesen Kriterien sind dann die entsprechenden Analysefragen zugeordnet, die auf die Bestimmungen der Ordnungen abzielen. Dieser Dreischritt Ideale – Kriterien – Fragen soll die ganze Studie transparent und nachvollziehbar machen.

Und am Ende wird alles zusammengezählt und eine Note vergeben?

So einfach wird die Bewertung wohl nicht: Zunächst müssen die Antworten auf einer Skala eingeordnet werden – für jede Frage einzeln. Anschließend werden wir jede Frage ihrer Bedeutung entsprechend gewichten: Zentrale Themen gehen mit einem höheren Faktor in die Bewertung ein, Randthemen bestimmen das Ergebnis geringfügiger. Erst dann können wir eine „Note“ feststellen. 

Ist denn eine solche Gewichtung nicht subjektiv?

Dieser Frage müssen wir uns natürlich stellen. Wir werden daher behutsam bewerten und vor allem jede wertende Entscheidung im Hinblick auf unsere Ideale und das leitende Prinzip der Studierbarkeit erklären müssen. Der Fokus der Studie soll aber auf der detaillierten Analyse der Sachlage liegen, die Bewertung ist eher der Versuch einer orientierenden Einordnung. 

Und wie geht es dann weiter?

Mit unseren Ergebnissen wollen wir auf Probleme aufmerksam machen, die sich durch die unterschiedliche Umsetzung der Modularisierung ergeben. Damit sind wir übrigens Vorreiter – weder Fakultäten noch Kirchen haben bislang einen solchen Vergleich erarbeitet! Im Herbst werden wir dem Fakultätentag, dem Zusammenschluss aller evangelisch-theologischen Fakultäten, Fachbereiche und KiHos, daher unsere Ergebnisse vorstellen und werden uns, wo nötig, für Änderungen stark machen. Daneben wollen wir natürlich mit der Studie alle modularisiert Studierenden informieren: Wo ist die Wahlfreiheit besonders groß? Wo ist Interdisziplinarität strukturell verankert? Wo werden zusätzliche Praktika anerkannt? Noch in diesem Jahr wollen wir dafür Infomaterial drucken und verbreiten, damit möglichst viele KommilitonInnen von der Studie profitieren.

Dann weiter viel Erfolg und danke für das Gespräch.

Schlagwörter: , ,

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.