Wir glauben, weil wir lieben – Eugen Drewermann (doch) in Dresden

Nicht alle Theologen sind trotz hoher Anfrage gerne auf dem Kirchentag gesehen. Die Publik-Forum Leserinitiative organisiert deshalb beim DEKT in Dresden privates Programm, dass nicht im eigentlichen Kirchentagsprogramm zu finden ist. Trotzdem war der Vortrag vom Theologen und Psychotherapeuten Eugen Drewermanns mit dem Titel „Wir glauben, weil wir lieben“ im Kino UFA Kristallpalast bis zum äußersten besucht.

Liebe braucht der Mensch um Mensch zu sein, behauptet Drewermann. Der Mensch, aus der Evolution entstanden, dürfe Gott nicht in eben dieser suchen. Wenn ehemals die Menschen auf Grund der genialen Natur Gott als Schöpfer dahinter vermuteten, so beweise die Wissenschaft heute das Gegenteil. Gott sei nicht in der Evolution und Biologie zu suchen und zu finden. Wenn dem so wäre, würde Gott das Böse wollen und schaffen. Das sei mit einem liebenden Gott nicht vereinbar.

Drewermann plädiert für ein umgekehrtes Denken: Der Mensch, aus der Evolution entstanden, kommt an den  Punkt, an dem ihm seine Kleinheit, Schwäche und Sinnlosigkeit bewusst werde: Wieso bin ich hier, was habe ich für einen Sinn? Drewermanns Antwort ist die Liebe: Erst der geliebte Mensch sei Mensch. Und die Liebe komme eben nicht aus der Evolution. Die Liebe, so Drewermann, komme von Gott – uneingeschränkt. „Völlig uneingeschränkt?“, fragten Gäste des Vortrags nach. Was sei mit Hitler? „Ja, auch Hitler“ , so lautet Drewermanns Antwort.

Gleichzeitig stellt er klar, dass Hitlers Taten nicht zu rechtfertigen seien. Doch kein Mensch wolle von sich aus böse sein. Er ist es auch nicht aus seiner eigenen, subjektiven Sicht. Jemand der gelernt habe, dass Kampf und Krieg Heldentaten seien, könne auch nichts anderes als Krieg und Kampf zum eigenen Handeln zu machen. Die traumatischen Erfahrungen des verlorenen ersten Weltkrieges führten zu dem wahnhaften Schluss, dass nur noch mehr Brutalität zum Wohle des deutschen Volkes führen könne. Antrieb war die Liebe zum Volk, die bei Hitler allerdings zu abgrundtiefem Hass gegenüber allem führte, was dieses Volk vermeintlich bedrohe. Für ihn selbst sei er nicht Böse, erst der Außenbetrachter erkenne ihn als solches. Wir dürften nicht mit dem antworten, mit dem wir verletzt wurden. Rache sei für Viele die Lösung um über die eigene Verletzung hinweg zu kommen. Vergebung sollte es sein. Drewermann behauptet, nur wer irgendwann vergeben könne, komme über den Schmerz hinweg. Vergebung aber könne nicht befohlen werden. Vergebung werde nur durch die von Gott gegebene Liebe möglich.

Der Theologe führt weiter aus, dass wir nicht liebten, weil wir glauben oder weil wir Religion haben. Im Namen der Religion sei auch viel Böses in die Welt gekommen. Entstamme Liebe der Religion, müssten wir auch folgern, das Böse käme aus der Religion. Lieben könne aber auch, wer nicht glaubt. Drewermann aber ist der Überzeugung, dass Gott sich in der Liebe zeige. Die Liebe mache uns zu Menschen, zu glaubenden Menschen, und wer diese Liebe erfahre, sei fähig zu glauben.

Alles Andere als idyllisch war der Vortrag. Provokant und direkt sprach Drewermann die Besucher an. Ein lohnenswerter Vortrag für all diejenigen, die sich trauen die so wertgeschätzte Harmonie des Kirchentags loszulassen und sich mit den unangenehmen Fragen zu beschäftigen.

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