Leitendes
Gremium : Birgit Rügner, Klosterberg 2, 72070 Tübingen,
birgit_ruegner@hotmail.com 07071/ 56 15 01
Stellungnahme des Studierendenrates Evangelische Theologie (SETh)
zu Studiendauer und Studienzeitverkürzung
im Studiengang Evangelische Theologie
Verabschiedet durch die SETh- Vollversammlung 10.-12. Juni in Bochum.
Nur
einem geringen Teil der Studierenden der Evangelischen Theologie
(Pfarramtsstudiengang) gelingt es, das Studium innerhalb der Regelstudienzeit
abzuschließen. Auf der Basis einer Umfrage unter Studierenden – es wurden über
70 Fragebögen von Studierenden unterschiedlicher Fakultäten ausgewertet –
sollen in dieser Stellungnahme Gründe für diese Studienzeitverlängerung
beschrieben und mögliche Lösungsansätze dargestellt werden.
Viele
Studierende äußern den Wunsch nach verstärkter Strukturierung insbesondere des
Grundstudiums. Bei genauerer Betrachtung steht hinter diesem Wunsch nicht das
Bedürfnis nach Reglementierung und Kontrolle, sondern nach effizienter und
kompetenter Beratung in allen Phasen des Studiums, die zuverlässige
Orientierung ermöglicht.
Ziel
ist nicht ein Studium, das, ohne nach links und rechts zu blicken, schnurgerade
auf das Examen zuläuft. Die Freiheit eines individuellen Studiums kann aber nur
nutzen, wer über solide Grundlagen verfügt.
1.
Studieneingangsphase – „mehr Orientierung“
Orientierungsphase
„Man
braucht lange, um sich darüber klar zu werden, was die ‚Basics’ sind und wie
man sie sich aneignet.“ (aus einem studentischen Fragebogen)
Trotz
positiver strukturierender Effekte durch die Zwischenprüfung haben Viele
Studierende haben in den ersten Semestern noch keine Vorstellung von den
exakten Anforderungen, die sie bis zur ZP erbringen müssen. Erschwert wird die
Orientierung in dieser Phase durch unzureichende Beratung, in der den Studierenden
bisweilen gänzlich davon abgeraten wird, neben den Sprachen andere
Veranstaltungen wie Übungen oder Proseminare zu besuchen. So werden nicht
selten schon während der Spracherwerbsphase die Weichen für eine verspätete
Zwischenprüfung gestellt.
Die
verpflichtende Studienberatung zu Beginn und am Ende des ersten Semesters muss
den Studierenden deutlich machen, welche Anforderungen sie in welchem
Zeitrahmen zu erfüllen haben und sie dazu ermutigen, so bald wie möglich neben
den Sprachkursen ausgewählte, zwischenprüfungsrelevante Veranstaltungen, auch mit Blick auf die
Zwischenprüfung, zu besuchen.
Einführung
in das Theologiestudium
Die
Lehrveranstaltung „Einführung in das Theologiestudium“ sollte neben der
theoretischen Einbettung der Theologie in Wissenschaft und Kultur und der
Einführung in das praktische wissenschaftliche Arbeiten auch eine Einführung in
die aktuelle Prüfungsordnung leisten. Dabei ist es wichtig, dass Lehrende und
Studienberater miteinander in Kontakt bleiben und die Studierenden gleich zu
Beginn des Studiums kompetent informieren.
Sprachkurse
Sprachkurse
verlängern die Studienzeit vor allem durch fehlende Feriensprachkurse und zu
hohe Durchfallquoten. Letztere werden häufig durch schlechte Rahmenbedingungen
verursacht und dürfen nicht auf die Studierenden zurückgeführt werden. Häufig
sehen sich die Teilnehmer mit einer unrealistischen Leistungsanforderung des
Dozenten konfrontiert. Verstärkt wird der Druck in den Sprachkursen oftmals
durch Kommunikations- und Motivationsprobleme auf beiden Seiten.
Sprachkurse
müssen so strukturiert sein, dass auch durchschnittlich begabte Studenten bei
angemessenem Arbeitsaufwand die Sprachprüfung in der Regel beim ersten Versuch
bestehen. Außerdem ist es notwendig, flächendeckend Feriensprachkurse
einzuführen, die sinnvoll mit den entsprechenden Semesterkursen zu koppeln
sind. Um in der relativ kurzen Zeit, die für den Spracherwerb zur Verfügung
steht, Übung und Routine zu ermöglichen, sollten Tutorienangebote durch ältere
Studenten (auch finanziell) unterstützt und gefördert werden.
Proseminare
Im
Proseminar soll an einem ausgewählten Inhalt beispielhaft die Methode
wissenschaftlichen Arbeitens eingeübt werden. Das angestrebte Globalziel ist
dabei primär die Methodenkompetenz und darf nicht zugunsten des Inhaltes
verschoben werden. Analog dazu werden in der Proseminararbeit die Grundlagen
des wissenschaftlichen Arbeitens abgeprüft. Dies kann in durchaus begrenztem
Umfang und innerhalb einer relativ kurzen, vorgegebenen zeitlichen Frist
geschehen, um das „Verschleppen“ von Proseminararbeiten zu verhindern.
Das
Proseminar sollte auch als Chance genutzt werden, einen Überblick über das
eigene Fach mit dem Ziel des eigenverantwortlichen Studierens zu geben. So kann
es die Kompetenz vermitteln, Themen und Veranstaltungen einzuordnen und
Irritationen über „Pflicht“ und „Kür“ zu vermeiden.
Überblicksveranstaltungen/Vorlesungen
Bei
fast allen Studierenden besteht der Wunsch nach Überblicksveranstaltungen die
sich nicht im Detail verlieren. Jede Fakultät muss sicherstellen, dass das
eingeforderte Grundlagenwissen auch regelmäßig gelehrt wird. Der vier- bis
fünfgliedrige Turnus der Kirchengeschichte kann dabei als Vorbild gelten,
während gerade in der Systematischen Theologie vielerorts Defizite bestehen.
Zur
Sicherstellung eines regelmäßigen Angebotes von Überblicksveranstaltungen
dienen verbindliche Curricula. Außerdem müssen von den Dozenten
hochschuldidaktische Grundüberlegungen eingefordert werden, denn die Lehre an
der Universität soll den Studenten (auch im Grundstudium) dienen. Der Auswahl
von Themen für ein Semester sollte also auch die Überlegung vorangehen, was den
Studenten für ein sinnvolles Studium nützt. Vorlesungsprüfungen dienen dem
Einüben von Prüfungssituationen sowie der Ertragssicherung – auch schon im
Hinblick auf das Abschlussexamen - und sollten von den Lehrenden offensiv
angeboten werden.
Zeitpunkt der Zwischenprüfung
Wer
die Zwischenprüfung erst zum letztmöglichen Zeitpunkt ablegt, verpasst häufig
den Anschluss an die Regelstudienzeit. Dies muss bei der Studienberatung von
Anfang an mehr als deutlich gemacht werden!
[[Zur
Frage nach Strukturierung/Modularisierung
Viele
Studenten wünschen sich gerade in der Anfangsphase ihres Studiums mehr
Strukturierung bis hin zu einer festen Stundenplanvorgabe. Offen bleibt dabei,
wer den Stundenplan ausarbeitet und wer für die Kontrolle der tatsächlichen
Einhaltung der Vorgaben zuständig sein soll.]]
2.
Hauptstudium – „mehr Beratung“
Beratung
Nach
der Zwischenprüfung entsteht bei vielen Studierenden aufgrund mangelnder
Beratung der falsche Eindruck, bis zum 1. Examen nur noch wenige verbindliche
Vorgaben erfüllen zu müssen. An dieser Stelle müssen die Anforderungen bis zum
1. Examen deutlich benannt werden. Nur so können orientierungslose „Bummelsemester“
vermieden werden, die allerdings nicht mit Zeiten für individuelle
Schwerpunktsetzung und persönliche Entwicklungsprozesse verwechselt werden
dürfen. Wichtig sind Informationen darüber, was gemacht werden muss und
was darüber hinaus sinnvoll ist, auch schon mit Blick auf mögliche
Schwerpunktthemen im mündlichen Examen.
Seminararbeiten
Es
ist zu beobachten, dass die Zahl der erforderlichen Hauptseminararbeiten mit
der Angleichung der Prüfungsordnungen an die RPO fast überall stark gestiegen
ist. Diese werden in vielen Fällen verschleppt oder zu umfangreich und
zeitintensiv angefertigt und so zu einem Hindernis für ein Studium in der
Regelstudienzeit.
Deshalb
sind verbindliche Abgabetermine nach individueller Absprache notwendig, um den
Studenten die zügige und seminarbezogene Anfertigung zu ermöglichen. Die
Erstellung der Seminararbeiten sollte begleitet und betreut werden, z.B. indem
nach kurzer Zeit die Gliederung eingesehen und besprochen wird. Professoren
müssen eine eingegrenzte Themenstellung und ein realistisches
Anforderungsprofil vorgeben. Eine Seminararbeit ist keine Dissertation und muss
innerhalb von drei bis vier Wochen konzentrierter Arbeit zu bewältigen sein.
Eine notwendige Voraussetzung dafür ist die Vorgabe eines verbindlichen
Seitenmaximums, bei dessen Überschreitung konsequent Abzug gegeben wird. Nur so
ist Chancengleichheit für alle gewährleistet.
Aufgaben in der vorlesungsfreien Zeit
Nach
der geltenden RPO ist in den Semesterferien nach der ZP folgendes zu leisten:
• 1-2 Gemeinde-, Diakonie- oder
andere Praktika
• 3 Hauptseminararbeiten
• 1-2 Arbeiten in Praktischer
Theologie (Homiletik und ggf. Religionspädagogik)
• z.T. Philosophicum
• Zulassungsarbeit.
Damit
sind nach der ZP bis zu acht Semesterferien quasi blockiert, da es den meisten
Studenten nicht möglich ist, mehrere Anforderungen innerhalb einer
vorlesungsfreien Zeit zu erfüllen.
Beispiel:
Eine Studentin, die ihr Studium in
der Regelstudienzeit abschließen will (bei drei nachzulernenden
Sprachen 12 Semester), legt nach dem 5. Semester, und damit relativ früh, die
Zwischenprüfung ab und bereitet im 11. Semester, und damit relativ kurz, das
Examen vor, an dem sie im 12. Semester teilnimmt. Das bedeutet, dass sie alle
oben genannten Anforderungen zwischen dem 6. und 10. Semester bewältigen muss.
Dies
ist zu schaffen, wenn Studenten nicht für ihren Lebensunterhalt nebenher
arbeiten müssen. Zusätzliche Probleme treten allerdings auf, wenn
• die ZP bereits verhältnismäßig
spät abgelegt wurde,
• ein Studienortwechsel Verzögerung
bereitet,
• Studenten Schwerpunktgebiete
vertiefen, die nicht examensrelevant sind,
• Studenten mit Kind studieren,
• Studenten ehrenamtlich oder
hochschulpolitisch engagiert sind,
• Studenten in persönliche Krisen
geraten.
Eine
Modularisierung des Studiums an sich bringt für diese Probleme keine Lösung,
gefragt ist vor allem eine Reduzierung der Anforderungen.
Übungen
Übungen
dienen nicht dazu, dass Assistenten üben, Seminare zu halten. In einer
Atmosphäre, die sich häufig durch kleine Gruppen und geringen Leistungsdruck
auszeichnet, sollten Textverständnis, mündliche Prüfungen und Klausuren geübt
werden. Das Wiederholen von Methodenarbeit kann der Wissenssicherung des
Stoffes aus dem Proseminar dienen und vielen Studenten auch im Hauptstudium
helfen, wissenschaftlich zu arbeiten. Außerdem sollten Übungen die Möglichkeit
bieten, frühzeitig vor dem Examen Überblicksdefizite ausfindig zu machen und
auszugleichen.
3.
Examensphase – „mehr Mut“
Nach
einem gründlichen Studium und einem Semester wissensstrukturierender
Examensvorbereitung sollte ein Student gute Voraussetzungen haben, die
Abschlussprüfung zu bestehen. Eine offenbar zunehmende Zahl von
Theologiestudenten sieht dies jedoch anders: Vorbereitungszeiten von zwei
Semestern, in einigen Fällen sogar noch mehr, sind an vielen Fakultäten zur
Regel geworden.
Wann beginnt Examensvorbereitung?
Immer
mehr Studenten beginnen mit der so genannten „Examensvorbereitung“ schon
mehrere Semester vor dem Studienabschluss. Sie fangen an, Repetitorien zu
besuchen und suchen ihre Veranstaltungen gezielt mit Blick auf das Examen aus,
haben aber häufig noch längst nicht alle Seminararbeiten geschrieben.
Grundsätzlich ist diese Entwicklung nicht zu kritisieren, allerdings kann ein
solches Verhalten andere Studenten verunsichern und davon abhalten, nach einer
kurzen, konzentrierten Lernphase das Examen abzulegen. Auf jeden Fall ist diese
Begriffsverschiebung mitzubedenken, wenn von der
Länge der Examensvorbereitung gesprochen wird.
Examensängste
Das
Gefühl, durch das bisherige Studium nicht ausreichend für die Prüfungen
gerüstet zu sein, führt zu einer starken Nachfrage nach Repetitorien, die nach
Möglichkeit in jedem Fach besucht werden und die für viele Studenten der
Inbegriff von Examensvorbereitung sind.
Den
zentralen Inhalt der Examensvorbereitung bildet jedoch der Rückgriff auf
bereits erarbeitetes Wissen aus Veranstaltungen, die im Lauf des Studiums
besucht wurden. Repetitorien sollten deshalb in einer individuell gestalteten
Phase vor dem Examen nicht in allen, sondern nur in den Fächern besucht werden,
in denen es nicht ausreicht, belegte Veranstaltungen nutzbar zu machen und
kleinere Lücken in Eigenarbeit zu ergänzen. Eine derartige Gestaltung der
Examensphase, zu der von den Studienberatern eindeutig geraten werden sollte,
führt zum einen dazu, dass den Studenten bewusst wird, was sie bereits alles
gelernt haben und relativ leicht wieder lernen können, zum anderen zur
Verkürzung der Examensvorbereitung auf ein Semester, da nicht mehr das ganze
„Programm“ an Repetitorien abgedeckt werden muss. Nachzudenken wäre neben den
fachbezogenen Repetitorien über die Einführung einer Übung, in der
fächerübergreifend Lernstrategien und Zeitmanagement sowie mündliche und
schriftliche Prüfungssituationen eingeübt werden.
Wissenslücken
Neben
Prüfungsangst, für die es keinen Anhaltspunkt beim Wissensstand gibt, führen
auch echte Defizite zur Verschiebung des Examens nach hinten. Studenten
versuchen, einen nicht vorhandenen Gesamtüberblick in den Repetitorien, die ja
ihrem ursprünglichen Wortsinn nach bereits Gelerntes wiederholen und
systematisieren sollen, zu erhalten. Repetitorien können jedoch
Wissenszusammenhänge, die im Grund- und Hauptstudium nicht erworben wurden,
nicht oder nur dahingehend herstellen, dass sie die Studenten in kurzer Zeit
auf ein „Standardwissen“ bringen, das nur ein elementares Stoffgerüst
darstellen kann.
Das Examen als Abschluss des Studiums
Die
Studienberatung sollte schon im Hauptstudium das Examen deutlich im Blick
haben. Wie bei der Verzögerung der Zwischenprüfung gilt auch hier: wem es im
Hauptstudium nicht gelingt, die nötigen Zusammenhänge herzustellen, der muss
mit einer überlangen und äußerst arbeitsintensiven Examensvorbereitung rechnen,
die vielleicht sogar ihr eigentliches Ziel, die Vernetzung und Systematisierung
bereits vorhandenen Wissens, nicht erreichen kann. Eine zielgerichtete und
komprimierte Examensvorbereitung, und damit der letzte Schritt zu
Studienabschluss nach der Regelstudienzeit, setzt deshalb ein weitsichtiges und
strukturiertes Studium voraus. Dieser Verantwortung müssen sich Lehrende und
Lernende in jeder Studienphase bewusst sein. Gerade eine gute Beratung und
Begleitung im Studium nimmt den Studierenden den Druck der
Orientierungslosigkeit, bringt das Verhältnis von angebotener Lehre und
Bedürfnissen der Studierenden ins Gleichgewicht und gibt die Freiheit zu einer
individuellen Schwerpunktsetzung und Entwicklung der eigenen Persönlichkeit.