In der Lobby
Ein gravierender Unterschied zwischen einem durchschnittlichen Hotel und einer Gesellschaft - womit in diesem Fall ein Staat oder eine Kirche gemeint ist - ist, dass ein Hotel im Normalfall über nur eine Lobby verfügt, während es in der Gesellschaft von Lobbys und Lobbyisten nur so wimmelt. Alles und jeder hat eine Lobby: Die Autoindustrie und der Umweltschutz, die Bahnhofsbuddler und die Parkschützer, die Steuerzahler und die Leistungsempfänger, die Bischöfe und die Ehrenamtlichen, die Opfer, die Täter, die Macher, die Verhinderer, die Konservativen und die Reformer, die Hunde- und die Katzenhalter.
Auch Theologiestudierende sind teilweise als Lobbyisten unterwegs: Als Vertreter der Studierenden in Fachschaften, Landeskonventen und im SETh, als Presbyter in ihren Heimatgemeinden und Synodale in ihren Kirchenkreisen und Landeskirchen. Oftmals als Vertreterinnen und Vertreter der Ehrenamtlichen, der Jugendarbeit in ihren Kirchen. Das Problem bei Lobbies ist, dass sie immer darauf hinzielen, die Bedingungen ihrer eigenen Interessensgruppe zu verbessern. In Zeiten knapper Kassen geht das nicht selten nur, indem andere Gruppen Abstriche machen müssen.
So war ich letzte Woche an zwei aufeinanderfolgenden Tagen in zwei unterschiedlichen Gremien: Im Landeskonvent der Westfälischen Theologiestudierenden ging u.a. um die Forderung an die Landeskirche, vernünftige Angebote an Theologiestudierende zu machen, die nicht direkt nach dem Examen ins Vikariat übernommen werden können, um die Leute nicht zu vergraulen und den Nachwuchs zu sichern. Bei der Jugendkammer derselben Landeskirche am Tag zuvor war ein wunder Punkt die - wohl zu niedrig angesetzte - Prognose, dass in Zukunft "nur noch" 50% des Kirchenhaushalts zur Besoldung für die Pensionen der Pfarrerinnen und Pfarrer aufgewendet werden sollten - und dass andere Berufsgruppen wie Jugendreferenten, Küster, Kirchenmusiker etc. viel stärker unter den schrumpfenden Finanzpolstern der Kirche zu leiden hätten. Lieber sollte man doch auf einen Pfarrer verzichten als auf zwei andere Kräfte.
Zwei Lobbys, zwei richtige Positionen, die sich dummerweise diametral gegenüberstehen. Sicherlich, Lobbys braucht es, in der Kirche, wie auch anderswo in der Gesellschaft, Leute, die für die Interessen einer Gruppe sprechen und sich für Verbesserungen einsetzen. Wenn aber alle irgendwie Recht haben, dann braucht es vernünftige Kompromisse, damit alle an einem Strang ziehen können. Wäre doch schade, wenn Jugendreferenten ihre Pfarrer nur noch als Konkurrenten sähen, Kirchenmusiker den Küster kritisch beäugen und die Gemeindesekretärin sich fragen muss, ob sie wegrationalisiert wird, oder doch am Kindergarten gespart wird. Ein Konzept, bei dem alle an einem Strang ziehen, um ihre Gemeinde, ihre Kirche wieder in sicheres Fahrwasser zu befördern und die oftmals gute Arbeit vor Ort gemeinsam voran zu bringen, das wäre toll. Leider erscheint es mir utopisch, dass Kirche bald einem Hotel gleicht - mit nur einer Lobby.
