Vom für und wider der Regionalbahnmission
Zu den Besonderheiten des Theologen in der Masse der Studierenden gehört die hohe Mobilität. Sicher, es gibt auch jene Exemplare, die sich im Wohnheim ihrer kirchlichen Hochschule oder im inzestösen Studienstift so gut einrichten, dass sie am liebsten alle 35 Semester dort in ihrer 11qm-Bude mit Dusche auf dem Flur und Waschmaschine zu Hause bei Muttern hausen würden, aber das ist eher die Ausnahme. Der Normaltheologe (sofern es sowas denn gibt) wechselt den Studienort mindestens einmal während seiner akademischen Laufbahn, manche Exemplare kommen gar auf drei und mehr Studienorte. Da der Theologe an sich aber auch ein soziales Wesen ist -obgleich auch hier vorhandener Ausnahmen- knüpft er überall, wo er lebt und studiert auch mehr oder weniger enge Freundschaften, und da auch diese meist Theologen sind (man bleibt halt gerne unter sich, so weit geht es dann doch nicht mit der Sozialität) und so irgendwann auch den Studienort wechseln, entsteht spätestens im Hauptstudium ein weit verbreitetes Netzwerk von Freundschaften. Diese wollen natürlich gepflegt werden und sofern man an einer Uni studiert, die ein Semesterticket mit großem Streckennetz bietet, verbringt der gemeine Theologe viel Zeit in diversen Regionalzügen.
Eine Tätigkeit, die eigentlich mit Credit Points belohnt werden sollte. Eine Stunde im Regionalexpress bietet Möglichkeiten zu umfangreichen Milieustudien, die eine praktisch theologische Promotion durchaus bereichern würden. Sämtliche Krisen menschlichen Lebens finden auf engstem Raum zusammen. Damit meine ich nicht nur Alkoholismus und Armut, die sich an osteuropäischen Musikkapellen und den zahlreichen Flaschensammlern zeigt. Gerne werden auch Beziehungskrisen in einem lautstarken Handytelefonat ausdiskutiert. Regelmäßig brechen Welten zusammen, wenn eine fünfminütige Verspätung den Anschluss gefährdet... man hat doch nur zwanzig Minuten Zeit zum Umsteigen. Regionalzüge sind Orte, an denen eines fehlt: qualifizierte Seelsorge. Warum findet Kirche bei der Bahn eigentlich nur auf den Großplakaten christlicher Sekten und kirchlicher Hilfswerke am Bahnhof statt? Gäbe es nicht genug Potential an reisenden Theologiestudierenden, die hier eine Lücke füllen konnten? Manchmal habe ich den Eindruck, wer es schafft den Mitreisenden bei einer Verspätung Trost zu spenden ist für jedes Trauergespräch gewachsen. Aber andererseits: Wer will dann schon getröstet werden? Über die Bahn zu meckern macht dafür einfach zu viel Spaß.
