Schlemmen mit dem Kind im Stall

Es war einmal vor langer, langer Zeit ein Weihnachtsfest. Damals wusste nur noch niemand, dass es ein Weihnachtsfest war. Man feierte im Kreise einer jungen Familie, die nach langer Suche endlich eine ärmliche Unterkunft gefunden hatte. Besuch gab es auch: Arme Hirten aus der Nachbarschaft waren gekommen, um zur Geburt des kleinen Kindes zu gratulieren, das Maria, die Mutter, gerade in dem Stall, den sie vorübergehend bewohnten, zur Welt gebracht hatten. Vielleicht hatten sie sogar etwas Verpflegung mitgebracht. Ein wenig Ziegenmilch oder Schafskäse. Dazu einfaches Fladenbrot. So könnte es ausgesehen haben, das erste Weihnachtsessen. Geschenke kamen dann auch irgendwann. Es kamen Weise aus dem Morgenland, die wollten auch mitfeiern und hatten Geschenke mitgebracht. Für das Neugeborene. Gold, Weihrauch und Myrrhe... was auch immer ein Neugeborenes damit anfangen soll. Aber es war ein schönes Fest, so friedlich. Und trotz der Unwirtlichkeit des Ortes war es für alle, die anwesend waren, etwas besonderes.
Es war einmal, vor wenigen Tagen, erneut ein Weihnachtsfest. Und alle Welt wusste, dass Weihnachten war. Auch wenn nicht allen klar war, inwiefern dieses Fest in Bezug zu dem Kind im Stall steht, damals vor über 2000 Jahren. Die meisten feierten im Kreise der Familie, dort, wo alle am bequemsten Platz fanden. Und es gab auch Besuch: Die Geschwister waren da, die Großeltern, oft auch Onkels, Tanten: Alle waren gekommen um gemeinsam die eigene Familie zu feiern... oder zumindest so zu tun. Und Muttern hatte auch was zu Essen vorbereitet: Einen dicken Braten, eine Weihnachtsgans, Karpfen oder zumindest Kartoffelsalat mit Würstchen, ein fettes Dessert. Riesige Teller voller Plätzchen, Schokolade, Marzipan und Pralinen standen überall im Haus. Und wer kam hatte auch Geschenke mitgebracht. Für alle, die da waren. Bücher, CDs, DVDs, Fahrräder, Spielkonsolen, Laptops, Mobiltelefone, Musikanlagen... und für den Herrn des Hauses zumindest eine wunderhässliche Krawatte. Von da an waren alle mit ihren Geschenken beschäftigt: Meins ist schöner, moderner, teurer. Das Spiel will noch ausprobiert sein, das Fahrrad braucht eine Probefahrt. Und wer soll eigentlich die Reste vom Weihnachtsessen vertilgen? Und vor allem: Wie um alles in der Welt werde ich die neugewonnen Pfunde wieder los?
Und zwischen alle dem Geschlemme und Geschenke, dem Versuch perfekte Gastgeber und Gäste zu mimen und ja allen ein besinnliches Fest zu ermöglichen bleibt eins allzu oft auf der Strecke: Die Besinnlichkeit. Die Besinnung auf das, was wir eigentlich feiern. Auf das Kind im Stall, das wahrscheinlich mit Kopfschütteln auf unsere Weihnachtsfeiern schauen würde. Wobei: Über eine Portion von der Weihnachtsgans und ein paar selbst gestrickte warme Socken hätte es sich sicher auch gefreut.

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"Moment mal!" ist der Titel für die neue Kolumne auf theologiestudierende.de Jede Woche schreibt ein/e andere/r Redakteur/in seine/ihre Sicht auf ein Thema rund um Bildung, Kirche und Gesellschaft. Du auch? Mail an das Redaktionsteam



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