Postbolognische Entwicklungsstörung

Der Bolognaexpress erlebt dieser Tage die gefühlt hundertste Reform und ähnlich wie bei der Deutschen Bahn gilt: Es wird nicht besser, sondern nur teurer. Auch wenn den Studis Länder und Universitäten nicht mehr ganz so tief ins Geldsackerl greifen - was die einen versprechen (BW), haben die anderen schon umgesetzt (NRW) - geht einem Bologna doch nach wie vor nicht nur auf, sondern auch an die Nerven. Die Reform erlebt die Reform der Reform und ordentlich dokumentiert und strukturiert wäre es noch zu verkraften, schwer verdaulich wird diese "Pasta al Rabiata" aber, wenn die Reformer sich ihrer Kreatur nicht mehr erwehren können.

Mein Semesterleben hat nun also einen 90-Minuten-Takt, verteilt auf eine klassische 40h Woche, mein Semesterferienleben einen 3 mal 15-30-Seiten-Takt, daneben die Sorge um die berüchtigten Übergreifenden Kompetenzen, für die ich am Besten bei der OECD 8 Wochen den kreativen Kaffeeträger mime, der von archivieren bis zitieren alles kann: Ein Allrounder eben, der neben dem hitzigen Praktikumsalltag spielend eine weitere Fremdsprache auf Muttersprachlerniveau erlernt und Spenden gegen die Abholzung des heimischen Laubwaldes sammelt. Von der Beurteilung, die ich dem Dekan meines Fachbereiches vortanze, hängt dann schließlich ab, wieviele ECTS/LPs (leider die musisch leidenschaftslose Variante) ich bekomme. Dann die zermürbende Erkenntnis: Der Passierschein A38 ist nur noch auf gelbem Papier und nicht mehr auf dem von der Studienordnung geforderten blauen erhältlich, daraus folgt: Umschreibung. Daraus folgt: Nachweisen meiner Hochschulkompatibilität. Daraus folgt: Ein bis sechs Sitzungen beim Psychologen - mehr zahlt die Kasse auf keinen Fall. Wer Hilfe braucht, wird kurzer Hand untergerührt von den Bologna-Köchen und so manch einer bleibt vom Bolognaexpress überrollt auf der Strecke.

Es soll aber - das sei hier keines Falls verschwiegen - auch Gewinner geben innerhalb des Prozesses der Ausschaltung des engagierten Freigeistes und der Erziehung der Gesellschaft zum ewigen Schüler. Bloß, wer sollen denn bitte diese oft beschworenen Gewinner sein? Auf "MeinProf.de" sind sie eher nicht zu finden und in den Hörsälen auf der Schattenseite des Rednerpultes tendenziell auch nicht.

Nach den Gewinnern des Systems mache ich mich mal sukzessive auf die Suche und derweil verweise ich auf einen wunderbaren "Wir sind Helden"-Titel: "Denkmal" als Anwort auf die charmante Kolumne von Jan Ehlert vergangene Woche.

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"Moment mal!" ist der Titel für die neue Kolumne auf theologiestudierende.de Jede Woche schreibt ein/e andere/r Redakteur/in seine/ihre Sicht auf ein Thema rund um Bildung, Kirche und Gesellschaft. Du auch? Mail an das Redaktionsteam



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